Mellingen
Wegen Schnee: So enorm sind die Schäden im Wald entlang der Reuss

Die grossen Schneemengen im Januar liessen Bäume im ganzen Kanton reihenweise abknicken. Am grössten sind die Schäden unterhalb der ARA Mellingen bis nach Windisch. Die Aufräumarbeiten müssen sorgfältig geplant werden - auch aus Sicherheitsgründen.

Alexander Wagner
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Der starke und intensive Schneefall im Januar hat seine Spuren hinterlassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Die Uferlandschaft entlang der Reuss unterhalb der ARA in Mellingen gleicht einem verwunschenen Märchenwald.

Vorerst – doch wenn man sich durchkämpft fast wie im Dschungel, wird erst das wahre Ausmass der Schäden sichtbar: 60-jährige gesunde und starke Bäume wurden geknickt wie kleine, dünne Zündhölzer.

Die Wanderwege sind unpassierbar und gefährlich. Genau wie die Aufräumarbeiten.
6 Bilder
Dieser Baum wird zersägt und mit der Seilwinde abtransportiert.
Aufräumarbeiten am Reussufer.
Ein Baum spaltete gleich einen anderen Baum unterhalb der Eisenbahnbruecke.

Die Wanderwege sind unpassierbar und gefährlich. Genau wie die Aufräumarbeiten.

Alexander Wagner

Dies sind die Folgen der enormen Schneelasten, die reihenweise Bäume und grosse Äste abknickten oder gleich komplett entwurzelten.

200 Kilometer Flussläufe gibt es entlang der drei grossen Aargauer Flüssen

Der Aargau ist mit den grossen Gewässern Aare, Reuss und Limmat ein Flusskanton, was sich auch im Kantonswappen widerspiegelt. Über 200 Kilometer Flüssläufe gibt es entlang der drei grossen Flüsse, welche in Stilli zum Wasserschloss zusammenkommen sowie dem Rhein und den zahlreichen kleinen Flüsschen und Bächen.

Die Sektion Wasserbau des Kantons hat mit ausgiebigen Helikopterflügen sowie einer Besichtigung zu Wasser und in Zusammenarbeit mit den Forstämtern die Folgen der Schneelasten erhoben und festgestellt, dass besonders auf dem sechs Kilometer langen Abschnitt entlang der Reuss von Mellingen bis nach Windisch die Schäden am grössten sind.

Die entwurzelten und umgeknickten Bäume können und sollen nicht einfach alle entfernt werden. Grosse Teile des Gebietes sind Altholzinseln, in denen die Natur sich selbst überlassen werden soll. Zudem ist an einigen Orten das Gefälle schlichtweg zu steil, um die Bäume zu entfernen. Denn mit schwerem Gerät kann auf den schmalen Uferwegen entlang der Reuss nicht gearbeitet werden. Die Entfernung zur nächsten Strasse, um die Bäume mit Seilwinden hochzuziehen und zu entfernen, ist zu gross.

Drei Varianten: Das passiert mit den umgeknickten Bäumen

Um die Sicherheit zu gewährleisten und trotzdem so wenig Eingriffe in die Natur wie möglich, aber so viele nötig zu machen, gibt es drei Varianten: Wenn keine Gefahr droht, dass die Bäume weiter den Abhang hinunterrutschen oder vom Fluss mitgerissen werden, werden sie belassen. Denn das Totholz ist äusserst wertvoll. Sowohl für Fische als auch für Vögel, Insekten und Kleinstlebewesen.

Wenn das nicht geht, werden die gefällten Bäume mit starken Spezialseilen aus Sisalfasern gesichert. So können sie in der natürlichen Landschaft ihren letzten Dienst erweisen und gefährden weder die Fussgänger zu Land noch im Sommer die zahlreichen Freizeitböötler zu Wasser.

Und wenn keine andere Möglichkeit besteht, werden sie entfernt. Entweder ganz, oder die Bäume und Äste werden zersägt und als kleine Teile dem Fluss überlassen. Denn die grosse Gefahr droht, wenn zu viel Holz auf einmal in eine Stauwehr gerät. Dann gibt es verheerende Überschwemmungen wie zum Beispiel 2005 in Windisch. Neben der Verstopfung der Stauwehre droht von den tonnenschweren Baumstämmen auch eine massive Beschädigung der Brückenpfeiler.

Möbel und auf der Baustelle: So kann das entfernte Holz verwertet werden

Das Holz, das entfernt wird, kann weiterverwertet werden. Aus den besten Hölzern gibt es Möbel oder Bretter für Verschalungen und weitere Arbeiten auf den Baustellen. Der grösste Teil wird aber zu Schnitzel verarbeitet für die Heizungen. Der zuständige Förster entscheidet zuerst welche der drei Varianten gewählt wird und dann, was mit dem entfernten Holz geschehen soll.

Nach den Aufräumarbeiten wird es auch keine Aufforstung geben, denn die Altholzinseln werden für 50 Jahre sich selbst überlassen. Erfahrungen zeigen, dass sich die Natur nach einiger Zeit auch ohne Eingriffe von Menschenhand regeneriert.

25 Kilometer Wanderwege sind betroffen

Obwohl tonnenweise Material herumliegt und an vielen Stellen absolut kein Durchkommen ist, soll der ganz grosse Teil der Stämme bis Mitte März weggeräumt oder gesichert sein. Insgesamt sind 25 Kilometer Wanderwege betroffen. Das gibt für die Forstämter in der Region nicht nur enorm viel Arbeit, diese müssen teilweise auch unter sehr gefährlichen Bedingungen ausgeführt werden.

Denn das Gebiet ist enorm steil und unwegsam. Wenn die Regenfälle in den nächsten Wochen wieder zu stark werden und der Untergrund morastig und rutschig wird, müssen die Arbeiten unterbrochen werden, erklärt Raphael Leder, der Gewässerbeauftragte des Kantons.

Auf Peter Schenkel und sein Team vom Forstbetrieb Birretholz in Birrhard kommen deshalb anstrengende und herausfordernde Wochen zu. Er erklärt:

«Baum für Baum, Stück für Stück.»

Er weiss aus seiner langjährigen Erfahrung: Jeder Schritt muss sorgfältig geplant und geprüft werden. Sowohl aus Sorge zur Natur als auch für die Sicherheit der Forstwarte. Sie haben die Aufgabe, den Zauberwald, der dschungelähnliche Züge aufweist, wieder verschwinden zu lassen. Damit die Gefahr von Hochwasser gebannt werden kann. Und die Jogger, Spaziergänger und Hündeler sowie im Sommer die Böötler das wunderschöne Gebiet entlang der Reuss wieder gefahrenlos nutzen und vor allem geniessen können.