Drama in Norwegen
Marit und Heiner Studer trauern mit der norwegischen Bevölkerung

Marit und Heiner Studer aus Wettingen erfuhren am Freitag von ihrer Tochter Heidi aus Oslo per SMS vom Attentat. Marit Studer, die Frau des EVP-Präsidenten, ist gebürtige Norwegerin.

Mathias Küng
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Marit und Heiner Studer zeigen auf der Stadtkarte von Oslo, wo der Anschlag verübt worden ist. MKU

Marit und Heiner Studer zeigen auf der Stadtkarte von Oslo, wo der Anschlag verübt worden ist. MKU

Solothurner Zeitung

Freitagnachmittag, 16.05 Uhr: Der frühere EVP-Nationalrat und jetzige Präsident der EVP Schweiz, Heiner Studer, ist in ein berufliches Gespräch vertieft, als sein Handy piepst. Er entschuldigt sich kurz, um nachzusehen, wer ihm eine Nachricht hat zukommen lassen. Seine mit ihrem Mann in Oslo lebende und in der dortigen Schweizer Botschaft arbeitende Tochter Heidi schreibt: «Explosionen in der Stadt. Mit Tobias und mir ist alles gut.» Zeitgleich erhält Studers Frau Marit, eine gebürtige Norwegerin, dasselbe SMS. Von da an ist nichts mehr wie vorher.

Innerlich aufgewühlt und zutiefst verunsichert loggt sich Marit Studer ins Internet ein und stösst sofort auf die ersten schrecklichen Bilder aus Oslo. Sie vermag es noch nicht zu fassen, als ein Textbalken eine weitere Hiobsbotschaft ankündigt: Schüsse auf einer Insel in einem Jugendcamp. Erst denkt sie, die Journalisten seien übersensibilisiert. Das werde doch mit dem Anschlag in Oslo nichts zu tun haben und hoffentlich auch nicht so schlimm sein. Doch nach und nach wird auch dieser Anschlag konkreter und die Opferzahlen steigen und steigen. Über 80 junge Menschen, die noch das ganze Leben vor sich hatten, sind tot. Marit und Heiner Studer sind zutiefst erschüttert, aber auch dankbar, dass ihre Familie selbst nicht betroffen ist. Marit Studers Bruder und Schwester arbeiten in Oslo, sie sind derzeit aber in den Ferien.

Wenige Opfer in Oslo wegen Ferien

Wenn es einen kleinen Trost gibt, dann den, dass der Anschlag in Oslo am Freitagnachmittag geschah. «Jetzt sind viele in den Ferien und am Freitag arbeitet nach 15 Uhr kaum noch jemand», sagt Studer. Eine Touristenattraktion ist die Gegend auch nicht. So gab es in Oslo weniger Opfer.

Marit Studer zerreisst es fast das Herz, wenn sie an die Eltern denkt, die auch am Tag nach dem Attentat auf der Insel nichts über das Schicksal ihres Kindes wussten, da die Opfer nicht sofort alle identifiziert werden konnten. Diese Eltern mussten am Verzweifeln sein.

Dass aus der rechtsextremen Szene in Norwegen eine solche Gefahr hervorgehen könnte, hatten die Studers, die jedes Jahr mehrmals in Norwegen sind und dort viele Verwandte und Bekannte haben, nicht erwartet. «Gewiss machen die Krawall und laut Polizei ist die Szene grösser geworden», weiss Marit Studer. Und doch ist es ihre grösste Überraschung und Enttäuschung, dass ein Norweger das Blutbad angerichtet hat.

Offenes Land mit herzlichen Menschen

Zutiefst erschrocken sind Marit und Heiner Studer auch, weil Norwegen ein so offenes Land mit so herzlichen Menschen sei. Bleibt es das? Was ändert sich nach diesem furchtbaren Schock, vergleichbar mit Schwedens Schock nach dem Mord an Olof Palme? Man werde die rechte Szene sicher noch genauer beobachten und Sicherheitsvorkehren – Minister sind in Norwegen wie in der Schweiz oft ohne Bodyguards unterwegs – überprüfen. Beide sind aber überzeugt, dass die freiheitlich-demokratischen Rechte nicht eingeschränkt werden. Sollte sich bestätigen, dass ein Einzelner die Tat begangen hat, so Marit Studer, wäre es ja so oder so äusserst schwierig, eine solche vorher abzuwenden: «Man kann nicht alles kontrollieren».

Marit und Heiner Studer trauern mit der norwegischen Bevölkerung. Sie finden es richtig, dass aus Pietät Fussballspiele, Opernaufführungen usw. abgesagt worden sind. Die sofortige, spürbare Solidarisierung über alle Parteigrenzen hinweg freut sie. Und beide finden es zutiefst richtig, dass die sozialdemokratische Jugend ihr traditionelles Sommercamp nächstes Jahr auf derselben Insel durchführen will, denn: «Es darf nicht sein, dass Terroristen oder Extremisten überzeugten Demokraten diktieren können, wo sie sich für ihre politischen Diskussionen treffen.»

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