Kulturpolitik
Manchmal hilft ein Kuhhandel der Kultur

Braucht der Aargau eine Kultur-Lobby? Die Frage der Pro Argovia bescherte dem Publikum im Badener Royal einen so lehrreichen wie kurzweiligen Kulturabend.

Sabine Altorfer
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Wie hätte man den Fall Royal besser lösen können?

Wie hätte man den Fall Royal besser lösen können?

AZ

«Herrscht in der Aargauer Kultur das Prinzip der drei K? Das Prinzip ‹Kämpfe, Kürzungen, Kapitulation›?» Das fragte am Montagabend Moderator Pius Knüsel. Leicht provokativ, wie man den ehemaligen Direktor der Pro Helvetia jahrelang hörte. Klang da das grosse K der Aargauer Kultur-Diskussionen an? Das Klagen also – ausgelöst durch Sparrunden beim Kanton, neuerdings auch in Baden (Nordportal, Royal).
Aber nein. Es gehe bei der von Pro Argovia initiierten Diskussion darum, zu fragen: «Wie kann man den Fall Royal besser lösen? Gar vermeiden?» Also versprach Knüsel, heute Direktor der Volkshochschule Zürich, eine Lektion in Kultur-Lobbying.
Hätte man bei den rund 70 anwesenden Kultur-Leuten im Royal Baden zuvor eine Umfrage gemacht, was sie von Lobbying halten und ob sie es in der Kultur für richtig und wichtig erachten, wären die Antworten wohl nicht so eindeutig ausgefallen. Denn Lobbying gilt als etwas anrüchig. Kaufen Lobbyisten nicht Politiker? Schrammt man nicht zu nahe an der Korruption? Das sehen Knüsel und seine Gäste anders. Lobbyieren – also Einfluss nehmen und seine Meinung einbringen – sei ein zentrales demokratisches Vorgehen. «Wer nicht lobbyiert, ist selber schuld.»

Erfolgreiche Manipulation

Ohne Lobbying, Kuhhandel und allerlei Kunstgriffe hätte Alt-Ständerätin Christine Egerszegi ihre Initiative «Jugend und Musik» nie erfolgreich durch das Parlament und die Volksabstimmung gebracht. Sieben Jahre dauerte der Kampf, von dem sie schmunzelnd und stolz erzählte.
Lorenz Furrer (Managing Partner Furrer Hugi & Partner) und Hans Läubli, Geschäftsführer Suisseculture, agieren als Profi-Lobbyisten in Bundesbern. Sie erläuterten, wie man weit im Voraus strategisch plant, wie man Gegner ins Kulturboot holen kann oder mit Aktionen überrascht. Läubli und die Plattform «Kunst und Politik» teilten vor der Debatte zum Kulturfördergesetz jedem Parlamentsmitglied eine Künstlerin, einen Künstler zu, die persönlich erfolgreiche Überzeugungsarbeit leisteten.

Gegen das Aargauer Kultur-Tief brauchts eine kräftige Brise

Kommentar

von Sabine Altorfer

Hoffen und warten. Hoffen, dass einen die Sparerei nicht trifft, und warten auf bessere Zeiten. Nach diesem Prinzip scheint die Aargauer Kultur-Politik zu laufen. Protest: Ui nein, damit könnte man die Politiker verärgern und stärker betroffen sein als die Schweiger und Anpasser. Politiker einladen: Ui nein, ist das nicht anrüchig?
Also korrigiert man nach Kürzungen den Businessplan nach unten, streicht Geld fürs Marketing, verkleinert Produktionen, lässt Überraschungen weg, beutet sich selber noch mehr aus. Das gibt Sorgenfalten, fördert weder die Qualität, den selbstbewussten Auftritt, die Ausstrahlung noch die Liebe des Publikums.

Welch zufriedenen Eindruck machten dagegen die Lobbyisten vom Dienst bei der Diskussion am Montagabend (selbst wenn sie schmunzelnd von Niederlagen erzählten). Was können die Aargauer Kulturleute und -institutionen von ihnen lernen? Dass es endlich an der Zeit ist, gemeinsam eine Lobby aufziehen. Die nächsten Kürzungen des Kantons sind ja implizit bereits angekündigt, das drohende Finanzloch bei einer Revision des Lotteriegesetzes immens, die Sparvorgaben in den Städten auch kein Hoffnungszeichen...

Wenn es Gruppen und Institutionen schaffen, gemeinsam eine Programmzeitschrift zu finanzieren und herauszugeben, sollte es ja wohl auch möglich sein, gemeinsam eine Lobby-Plattform (z. B. eine 20-Prozent-Stelle bei einer Institution) zu finanzieren. Warum kann Pro Argovia nicht den Lead übernehmen? Setzt die Aargauer Kulturstiftung die Prioritäten richtig? Es ist schön, unterstützt sie Auftritte von Kleinkunst und prämiert sie Maturaarbeiten. Aber sie wäre doch prädestiniert, als Klammer der Aargauer Kultürler zu agieren. Als kulturpolitisches Observatorium und als Lobbying-Anlaufstelle, an die alle anderen einen (finanziellen) Beitrag leisten, mitarbeiten. Nur gemeinsam schafft man genügend frischen Wind, um das Aargauer Kultur-Tief zu vertreiben.

Und im Aargauer Parlament? Da gibt es keine Lobbyisten, auch keine Gruppe Kultur-Parlamentarierinnen mehr, die als Anlaufstelle, Warnerin, Tipp-Geber agieren. «Man muss heute schon wissen, was in zwei Jahren auf einen zukommt», so Läubli. Feuerwehrübungen funktionierten nicht, war sich die Runde einig. Erst vor einer Ratsdebatte zu protestieren oder Flyer zu verteilen, sei viel zu spät, weil die Meinungen in den Parteien und Kommissionen längst gemacht seien.
Lobbying gebe viel Arbeit, brauche Strukturen, Absprachen, Argumente, Geld, Einigkeit, Herzblut und Druck von der Basis. Wer könnte im Aargau ein solches «Kultur-Observatorium» betreiben, wer den Lead bei Argovie-Culture übernehmen? Wer den Aufwand bezahlen? Pro Argovia habe die Ressourcen nicht, sagte ihr Präsident Erich Obrist. Aber sie schalte auf ihrer Website ein Tool auf, auf dem man seine Interessen und seine Mitarbeit anmelden könne.

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