Traumberuf
Magdalena Kellenberger schafft mit Presse und Messer Unikate

Die Handbuchbinderin Magdalena Kellenberger hat sich mit ihrem neuem Atelier 99 einen Traum verwirklicht. Nun will sie sogar Interessierte in die Geheimnisse ihrer Zunft einweihen.

Louis Probst
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Handbuchbinderin Magdalene Kellenberger in ihrem Atelier
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Kellenberger schneidet Papier zurecht
Kellenberger mit Bleisatz

Handbuchbinderin Magdalene Kellenberger in ihrem Atelier

Alex Spichale

«Es ist wirklich ein Traum», sagt Magdalena Kellenberger zu ihrem neuen Atelier in einem Anbau am Haus an der Hoomelstrasse in Mönthal, in dem sie mit ihrem Mann seit einigen Jahren lebt. «Es ist zwar noch alles im Umbruch. Aber langsam geht es vorwärts.» Die schweren Spindelpressen und vor allem die grosse Pappschere mit dem kugelförmigen Gegengewicht am Messer, aber auch in Leinen gebundene Zeitschriftenbände und schöne kleine Broschüren deuten darauf hin, dass sich im hellen Raum ein Buchbinderatelier befindet.

«Für mich stand immer fest, dass ich einen Beruf erlernen wollte, in dem man auch mit den Händen arbeitet», erklärt Kellenberger. «Das kam wahrscheinlich auch von daher, dass ich immer um Leute herum war, die handwerklich tätig waren. Ich dachte daher an eine Lehre als Dekorateurin, Goldschmiedin oder auch als Automechanikerin. Allerdings kam das Letztere zu meiner Zeit für Frauen noch nicht infrage.» Schliesslich absolvierte sie eine Lehre als Handbuchbinderin. Und sie hat das, wie sie sagt, bis heute nie bereut.

«Mir gefällt die Arbeit mit der riesigen Vielfalt an Materialien – Papier, Gewebe oder Leder», stellt sie fest. «In der Handbuchbinderei ist zudem jedes Teil ein Unikat. Auch das ist etwas Schönes. Der Beruf ist wahnsinnig vielseitig. Vor allem auch deshalb, weil ich, wie viele Handbuchbinder, auch Einrahmungen mache.» Sie habe zwar, räumt sie lachend ein, auch eine Zeit lang in einer Industrie-Buchbinderei gearbeitet. «Dort ging es vor allem darum, Maschinen einzustellen. Ich hätte nie gedacht, dass ich das so lange machen würde. Das Mechanische hat mir offensichtlich mehr zugesagt, als ich vermutet hätte.»

«Eine traurige Geschichte»

«Ich hatte schon immer die Idee, eines Tages selber anzufangen», sagt Magdalena Kellenberger. «Ich habe daher schon früh begonnen, Maschinen zu sammeln. Eine der Pressen habe ich von einer Kollegin erhalten, die ihr Atelier aufgegeben hat. Eine andere Presse hat mir ein Kollege überlassen.» Im Areal der einstigen Garnfabrik Stroppel in Untersiggenthal eröffnete sie ihr erstes Atelier. Als der Platz knapp wurde, beschlossen sie und ihr Mann, beim Umbau des Wohnhauses in Mönthal auch gleich Raum für ein Atelier zu schaffen.

«Die meisten Handbuchbindereien haben von den Bibliotheken gelebt, indem sie Periodikas gebunden und Bücher repariert haben», sagt Magdalena Kellenberger. «Es ist eine traurige Geschichte, dass heute viele dieser Aufträge ins Ausland gehen.

Auf der anderen Seite schreiben heute viele Leute selber Bücher, drucken sie selber aus und bringen sie zum Binden. Das sind schöne kleine Aufträge. Auch Kinderbücher, Reiseberichte und Hochzeitsalben kommen wieder mehr. Wegen der Fotobücher, die über das Internet hergestellt werden können, war dieser Bereich komplett eingebrochen.»

Reparaturen und Einrahmungen

«Ich arbeite mit zwei, drei Bibliotheken zusammen, aber das ist nur ein kleiner Teil meiner Arbeit», erklärt Kellenberger. «Etwa die Hälfte meiner Aufträge betrifft Einrahmungen. Eine Zeit lang habe ich viel Schachteln gemacht, vor allem Schmuckschachteln mit zahlreichen kleinen Schublädchen. Das kommt und geht jeweils.»

In ihrem Atelier bindet sie aber auch Einzelbücher und führt Buchreparaturen aus. Dabei kommen ihr die Erfahrungen zugute, die sie bei ihrer jahrelangen Mitarbeit bei einer Buchrestauratorin sammeln konnte. «Bei der Restaurierung bekam man Bücher in die Hände, die aus dem 14. Jahrhundert stammen und deren Materialien beinahe unverwüstlich sind. Ganz im Gegensatz zu Büchern aus der Zeit des Beginns des 20. Jahrhunderts, bei denen das holzhaltige Papier und oft auch die Ledereinbände buchstäblich zerbröseln. In solchen Fällen versuche ich jeweils, mit Japanpapier zu retten, was noch zu retten ist.»

In ihrem Atelier fertigt Magdalena Kellenberger aber auch ganz spezielle Sachen an. Wie etwa eine Dioramenbox, die einen Nussknacker mit Nuss und einen Sinnspruch enthält oder eine Weinkarte für ein bekanntes Restaurant, die auf dem Deckel die erhabene Prägung einer Weinflasche trägt und mit vergoldeten Buchstaben beschriftet ist. «Diese Prägung konnte ich nur dank meiner grossen Presse machen», erklärt sie. Und für die Beschriftung konnte sie auf eine Titelprägepresse zurückgreifen, die mit Goldfolie und Hitze arbeitet und den sinnreichen Namen «Prägnant» trägt.

Die Grösse des neuen Ateliers erlaubt auch die Durchführung von Kursen mit bis zu acht Teilnehmenden. «Ich habe schon in der früheren Lokalität Kurse angeboten», sagt sie. «Von verschiedenen Vereinen habe ich bereits Anfragen. Ich bin aber immer noch am Einrichten und hoffe, dass ich im Winter so weit komme, dass ich im Frühjahr mein Atelier eröffnen kann.»