Interview
Zwischen Corona und der Kanti-Rückweisung: Lenzburger Stadtammann blickt auf ein «Annus horribilis» zurück

Stadtammann Daniel Mosimann zum Pandemiejahr und zur Zukunft der Lenzburger Exekutive. Im neuen Jahr stehen diverse grosse Projekte an.

Ruth Steiner
Merken
Drucken
Teilen
Stadtammann Daniel Mosimann (62) ist seit 2013 im Amt. Er tritt zur Wiederwahl an.

Stadtammann Daniel Mosimann (62) ist seit 2013 im Amt. Er tritt zur Wiederwahl an.

Britta Gut

Wie wird Ihnen das Jahr 2020 in Erinnerung bleiben?

Daniel Mosimann: Als Jahr, in dem die sozialen Kontakte zu kurz kamen und man im persönlichen Austausch sehr eingeschränkt war. Das war nicht zuletzt für die Arbeit als Stadtammann sehr herausfordernd.

Als Stadtammann blicken Sie auf ein «Annus horribilis» zurück. Verschiedene Geschäfte wurden durch politische Interventionen verzögert. In Ihrer digitalen Neujahrsansprache erwähnen Sie Entscheide im Jahr 2020, die Sie «persönlich ganz fest bedauern». Welcher hat am meisten geschmerzt?

Am meisten bedauert habe ich die Rückweisung des Projekts «Lenzburg21», des neuen Verwaltungszentrums.

Weshalb?

Weil ich nach wie vor überzeugt bin, dass es ein grosser Vorteil ist, die Stadtverwaltung unter ein Dach zu bringen.

Offenbar existieren frühere Pläne mit einem Erweiterungsbau im Stadtgässli, der an das Rathaus angebunden werden könnte.

Es sind tatsächlich von früher Ideenskizzen eines solchen Annexbaus vorhanden. Ob diese jedoch realisierbar sind, ist fraglich. Lenzburg hat jüngst verschiedentlich die Erfahrung gemacht, dass Bauvorhaben in der Altstadt und Ringzone sehr heikel sind. Und ob dieser Weg letztlich kostengünstiger ausfallen würde, ist nicht erwiesen.

Welche Lehren zieht der Stadtrat aus den diversen Niederlagen im Einwohnerrat im vergangenen Jahr?

Der Stadtrat muss in Zukunft mehr Wert legen auf eine transparente, professionalisierte und aktive Kommunikation. Wie ich jedoch bereits erwähnt habe, war das letzte Jahr in dieser Beziehung sehr anspruchsvoll. Die Kommunikation mit den Mitgliedern des Einwohnerrats war praktisch beschränkt auf die Einwohnerratssitzungen.

Laut Ihrer Neujahrsansprache stehen 2021 diverse grosse Projekte an: Ausbau der Schulanlage Angelrain, BNO-Revision, Verwaltungszentrale, Neuauflage der Bahnhofstrasse. Und das von der Ortsbürgergemeinde zurückgewiesene Geschäft mit dem Zeughausareal als möglicher Kantistandort. Ist das Fuder nicht etwas überladen mit Grossprojekten?

Es sind nicht alles neue Projekte, auch bestehende Vorhaben werden vorangetrieben. Prioritär müssen die Kredite für neuen Schulraum in der Schulanlage Angelrain gesprochen werden. Zudem will der Stadtrat die Revision der Bau- und Nutzungsordnung zu einem guten Abschluss führen. Und es ist richtig, dass die Diskussion über die Nutzung des Zeughausareals von den Ortsbürgern noch geführt werden muss.

Wann ist die zentrale Verwaltung wieder spruchreif?

Das Projekt ist in der vorgelegten Variante sehr komplex gewesen. Der Stadtrat muss sich überlegen, wie das grosse Projekt in vernünftige Teilprojekte aufgeteilt und dem Einwohnerrat vorgelegt werden kann. Das geschieht kaum noch im 2021. Hingegen wird sich der Rat mit der Abrechnung des Projektierungskredits befassen müssen.

Zur Kanti: Die Rückweiser des Zeughaus-Geschäfts haben auf eine Standortalternative verwiesen, allerdings ohne konkret zu werden. Wissen Sie, um welchen Ort es sich handelt?

Nein, doch würde mich das auch interessieren.

Das Artoz-Areal wird teurer gehandelt. Ist es möglich, dass der Stadtrat versucht, das Angebot zu erhöhen, um bei der Ortsbürgergemeinde durchzukommen?

Wir werden die Hausaufgaben machen, die uns mit der Rückweisung des Geschäfts an der Ortsbürgergemeindeversammlung übertragen wurden. Das heisst, die finanzielle Situation mit einer Wohnüberbauung klären und das Ergebnis den bekannten Zahlen einer Kantonsschule gegenüberstellen. Schlussendlich werden sich die Ortsbürger die Frage stellen müssen, ob Lenzburg Wohnquartier an Wohnquartier reihen will oder ob andere Entwicklungsmöglichkeiten vorteilhafter wären.

Reicht die Zeit dazu?

Ja.

Gibt es im Frühling eine ausserordentliche Ortsbürgergemeindeversammlung?

Wahrscheinlich ist das nicht nötig. Voraussichtlich kann das Geschäft an der Sommergemeindeversammlung behandelt werden.

Hand aufs Herz: Das Thema Kanti beschäftigt die Leute erst seit der Rückweisung. Und es zeigt sich: Lenzburg will die Kanti.

(Lacht). Man muss sich fragen, welches Lenzburg die Kanti will. Auf keinen Fall dürfen jetzt die Einwohner- und die Ortsbürgergemeinde gegeneinander ausgespielt werden. Beide Körperschaften gestalten und bewohnen den Lebensraum Lenzburg miteinander.

Wie hat die Stadt die Coronakrise bisher bewältigt?

Der Stadtrat windet dem Gewerbe und den Restaurationsbetreibern ein Kränzchen. Beide haben viel Innovationsgeist gezeigt. Der Stadtrat hat im Rahmen seiner Möglichkeiten gehandelt und öffentlichen Raum kostenlos zur Verfügung gestellt. Das Angebot, unter gewissen Bedingungen einen Beitrag an eine Mietzinsentlastung beizusteuern, wurde bisher noch wenig genutzt.

Die Krise dauert an. Macht der Stadtrat sich Gedanken darüber, wie die weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Gastrokultur überleben kann?

Im Rahmen seiner Möglichkeiten wird der Stadtrat auch hier Hand bieten. Wir haben beispielsweise die Restaurants berücksichtigt für die Anlässe, die überhaupt noch stattfinden konnten.

Auf der Website der Stadt konnte man zu Jahresbeginn drei Wünsche deponieren. Diese werden in einer farbigen Wolke wiedergegeben. Was haben Sie geschrieben?

Zuversicht, Vertrauen und Respekt.

Die Wünsche der Bevölkerung sind vielfältig. Unter den Aufzählungen ist ein «Zusammen mit Niederlenz» zu finden. Der Niederlenzer Ammann Jürg Link hat sich im «Dorfgeischt» offen gezeigt für grossräumigeres Miteinander, der abgetretene Ammann von Möriken-Wildegg, Hans-Jürg Reinhart, in dieser Zeitung ebenfalls.

(Lacht). Die Vision einer Waldstadt und damit eines grossräumigeren Denkens, wie meine Kollegen gesagt haben, besteht bei mir schon seit einer Weile.

Welche Gemeinden würden dieser Waldstadt angehören?

Es ginge dabei um die Gemeinden um den Länzertwald herum. In erster Linie ginge es darum, die gemeindeübergreifende Zusammenarbeit zu fördern. Dabei müssten politisch-administrative Grenzen überschritten und Interessen gebündelt werden, um überkommunale Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können.

Gewünscht wird auch ein professioneller Stadtrat. Wäre nicht zumindest die Schaffung eines vollamtlichen Stadtammannmandats langsam angebracht?

Ich bin mit einem 80-Prozent-Pensum und zwei Verbandspräsidien (Gemeindeverband Lebensraum Lenzburg Seetal und Abwasserverband Region Lenzburg) sehr gut ausgelastet. Es kommt nun ganz darauf an, wie sich der zukünftige Stadtrat organisieren wird.

Am Freitag wurde publik, dass nebst den erwarteten Rücktritten der Stadträte Martin Steinmann und Martin Stücheli auch Franziska Möhl nicht mehr antritt.

Drei Rücktritte auf einmal bedeutet für den Stadtrat einen markanten Einschnitt. Er wird sich grundsätzlich Gedanken machen müssen, wie das Gremium in der stark gewachsenen Stadt für die Zukunft adäquat aufgestellt werden kann. Dabei wird das Vollamt für den Stadtammann im Stadtrat sicher ein Thema werden. Mit dem Wegfall der Schulpflege wird die Führung der Volksschule mit einem 20-Prozent-Pensum veranschlagt werden müssen.

Ist gar eine Erhöhung der Stadtratspensen denkbar?

Das wird ebenfalls diskutiert werden müssen. Das Stadtratsmandat ist mit 30 Prozent veranschlagt, die Belastung ist jedoch höher, bis zu einem 50-Prozent-Pensum. Es müssen die Voraussetzungen geschaffen werden, dass sich alle fähigen und interessierten Lenzburgerinnen und Lenzburger ein Stadtratsmandat leisten können, wenn sie ihr Arbeitspensum reduzieren müssen. Das ist ein wichtiger Punkt, wenn auch junge Leute für das Exekutivamt gewonnen werden sollen.

Welches ist Ihr grösster Wunsch für 2021?

Ich wünsche mir, dass wir uns mit viel weniger Einschränkungen wieder treffen und austauschen können.