Seon
Zwei Männer werden selbstständig - in der ersten WG der Stiftung Satis

Die Stiftung Satis fördert Menschen mit einer neuen Wohnform: Teilbetreutes Wohnen. Die erste Wohngemeinschaft ist nun in die vier eigenen Wände gezogen. Mit ihnen wird individuell eine Tagesstruktur festgelegt.

Ruth Steiner
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Wer zum Znacht ein Bamigoreng wünscht, muss vorher Gemüse rüsten. Matthias R. und Adrian B. in der Küche.

Wer zum Znacht ein Bamigoreng wünscht, muss vorher Gemüse rüsten. Matthias R. und Adrian B. in der Küche.

Chris Iseli/AZ

«Möchten Sie gerne etwas zu trinken», fragt Adrian B. die Besucherin. Eine banale Frage, sie wird überall bei Besuch gestellt, aus Höflichkeit und Gastfreundschaft – normalerweise.

Doch dieser Besuch hat wenig Alltägliches an sich. Es ist der erste fremde Gast, den der 33-jährige Adrian B. und der 49-jährige Matthias R. in ihrer eigenen Wohnung in Seon empfangen. Genaugenommen ist es ein teilbetreutes Wohnen. Die beiden Männer kommen aus der Stiftung Satis. Mit der laufenden Neuausrichtung der Institution bietet Satis ihren Klienten die neue Wohnform an.

Die Zeit, wo die Männer selber «fuhrwerken» konnten, liegt lange zurück. Alkohol- und Drogenprobleme haben sie vor Jahren aus ihrem eigenständigen Leben gerissen. Bisher lebten Adrian B. und Matthias R. in einem geschützten Umfeld, eingeschränkt durch die chronischen Folgen ihrer Krankheit, doch beseelt vom Wunsch, wieder in einer eigenen Wohnung zu leben.

Jetzt ist er in Erfüllung gegangen: Die beiden Männer und ihre zwei Mitbewohner haben ihre bisherige Bleibe in der Stiftung Satis geräumt und sind Anfang Monat mit Sack und Pack in die eigenen vier Wände gezogen – in die entferntere Ecke von Seon.

Ämtliplan hält Konflikt in Grenzen

Die Züglete sei schon stressig gewesen, erinnert sich B.. Mitbewohner R. nickt zustimmend. Und jetzt müsse man immer an so vieles denken. «Putzen, Wäsche waschen und einkaufen.» Alltägliche Dinge eben, welche die Vier in ihrer Wohngemeinschaft nun eigenverantwortlich erledigen müssen.

Auf dem Tisch liegt ein Menüplan für eine ganze Woche. «Den haben wir mit unserer Betreuerin erstellt und die notwendigen Zutaten später selber eingekauft», sagt Matthias R.. Satis-Geschäftsleiterin Lucia Lanz bestätigt, dass derzeit noch täglich eine Betreuungsperson bei der Wohngemeinschaft vorbeischaut.

Dabei würden die anfallenden Themen des Zusammenlebens und der Haushaltführung besprochen. In der übrigen Zeit sind die vier per Telefon mit dem Satis verbunden. Mit der Zeit, wenn sich das WG-Leben eingependelt hat, wird sich der Kontakt etwas lockern.

Ein Ämtliplan soll Reibereien in Grenzen halten. «Möchten Sie ihn sehen?» fragt Adrian B. Aufrecht sitzt er am Tisch, stolz seine neuen Errungenschaften präsentierend. Was passiert in der Herren-WG, wenn die Geschirrspülmaschine nicht ausgeräumt ist? «Der Schuldige wird zusammengestaucht», sagt Matthias R., unterstreicht seine Haltung mit einem Nicken. Er gebe sich grundsätzlich aber grosse Mühe, höflich zu sein, sagt er, dank dem Ämtliplan wisse ja jeder was er zu tun habe. Mit der restlichen Zeit könne jeder tun und lassen, was er wolle.

Die gemeinsame Beschäftigung reduziert sich auf das Zigarettenrauchen, «auf dem Balkon, in der Wohnung ist es nicht erlaubt, Alkohol gibt es bei uns auch nicht», und vor der Glotze sitzen. Doch das komme wenig vor. Man sei müde von der Arbeit im Satis. Er müsse seine Zigaretten für den kommenden Tag rollen, dann gehe er schlafen, sagt B.

Stress vermeiden

Der neuen Wohnung wegen müssen die vier Männer einen längeren Arbeitsweg in Kauf nehmen. Rund einen Kilometer spulen sie nun täglich mit dem Velo ab bis zur Stiftung Satis. «Bei jedem Wetter», betont Matthias R.. Bei Regen stehe er etwas früher, auf, damit er nicht in Stress komme. Der Begriff Stress ist omnipräsent, wenn die Männer vom Alltag erzählen. Sie haben es nicht gern stressig, stellen den Wecker am Morgen deshalb lieber etwas früher, um sechs oder halben sieben Uhr. Arbeitsbeginn ist meistens um 7 Uhr.

Matthias R. hat früher einmal Koch gelernt, er packt in der Küche mit an. Sieben Stunden am Tag. An fünf Tagen in der Woche. So viel kann er leisten, dann ist seine Belastungsgrenze erreicht.

Tagesstruktur ist ein Ritual

«Psychisch erkrankte Menschen unterliegen in ihrer Belastungsfähigkeit starken Schwankungen», sagt Geschäftsleiterin Lanz. Deshalb sei es wichtig, mit jedem Menschen individuell eine Tagesstruktur festzulegen.

Das sind laut Lanz wichtige Voraussetzungen für den nächsten Schritt: «Wer eine gewisse Selbstständigkeit hat, hat auch die Fähigkeit, gewisse Lebensbereiche eigenständig zu bewältigen.» Wie weit das eigenverantwortliche Handeln der einzelnen Personen letztlich gehen kann, kann Lanz nicht generell beantworten: «Tatsache ist, dass unsere Klienten aus dem normalen Arbeitsprozess ausgeschieden sind und eine Invalidenrente beziehen.»

Eine wichtige Frage an den Herrenhaushalt: Wer ist nach dem Waschen für das Bügeln zuständig? «Das macht jeder für sich», sagt Adrian B., ein schelmisches Lächeln zieht über sein Gesicht. Er hat herausgefunden, wie man diese Arbeit umgehen kann. «Man hängt die nassen Hemden schön sorgfältig auf den Kleiderbügel.»