Othmarsingen
Zwei Frauen eröffnen Interventionszentrum für Kinder und Jugendliche

Astrid Hübecker und Sandra Groner führen in einem Othmarsinger Privathaus ein Krisen-Interventionszentrum für Kinder und Jugendliche. Dieses entspricht einem grossen Bedürnis, sind die beiden Frauen überzeugt.

Barbara Vogt
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Astrid Hübecker und Sandra Groner in ihrem Zentrum. Der Frosch gehört zu ihrer therapeutischen Arbeit. Ba

Astrid Hübecker und Sandra Groner in ihrem Zentrum. Der Frosch gehört zu ihrer therapeutischen Arbeit. Ba

Barbara Vogt

Knallts zu Hause, können Kinder und Jugendliche vorübergehend ins Krisen-Interventionszentrum nach Othmarsingen ziehen. Dort agieren Astrid Hübecker (53) und Sandra Groner (35) als Feuerlöscherinnen: Sie löschen Brände, die sich zwischen Eltern und Kindern entfacht haben und kaum mehr zu löschen sind. «Unser Ziel ist, Situationen, die eskaliert sind, zu stabilisieren», sagen die beiden.

Die örtliche Trennung sei für die Betroffenen wie ein Time Out: Es gebe Raum und Distanz sowie die Möglichkeit, gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Doch Eltern-Ersatz spielen Astrid Hübecker und Sandra Groner nicht: «Wir wollen unsere Klienten so schnell wie möglich wieder los haben.» Die Klienten zwischen 6 und 21 Jahren können höchstens 14 Tage im Krisen-Interventionszentrum leben, dann müssen sie in ihre gewohnte Umgebung zurückkehren.

Krisen-Intervention: Kurzfristige Plätze gabs bis jetzt nicht

Für Einrichtungen mit besonderen Betreuungsbedürfnissen ab vier Personen braucht es im Kanton Aargau eine Bewilligung. Eine solche hat das Departement Bildung, Kultur und Sport dem Krisen-Interventionszentrumn für Kinder und Jugendliche in Othmarsingen erteilt. Andreas Beck, Fachmitarbeiter in der Abteilung Sonderschulung, Heime und Werkstätten spricht von einer pionierhaften Einrichtung: «Im Aargau gab es bisher keine Krisenintervention mit Betriebsbewilligung, die so kurzfristig ausgerichtet ist.» Ähnliche Zentren bieten längere Betreuungsplätze, beispielsweise mehrere Monate an.

Das Zentrum in Othmarsingen stelle, da die Klienten oft und schnell wechselten, hohe Anforderungen an die Verantwortlichen, so Beck. «Das Angebot ist professionell.» Der Kanton sei froh um die bewilligten Einrichtungen mit ihrem niederschwelligen und flexiblen Angebot. Der Erfolg hänge jedoch von der Führung des Zentrums und der Vernetzung mit anderen Institutionen ab: Es gebe solche, die werden von Klienten überschwemmt, andere hätten Mühe ihre Plätze zu besetzen. (bA)

Druck von aussen ist gross

Seit Jahren unterstützen Astrid Hübecker und Sandra Groner Kinder und Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen: Astrid Hübecker führt in Baden-Dättwil eine Praxis für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sandra Groner, Therapeutin sowie Kinder-, Jugend- und Familiencoach, wirkt unter anderem in der Jugendwerkstatt «Türöffner – Work and Box» in Wildegg mit.

Beide machen immer wieder die gleiche Erfahrung: Eltern stossen bei der Erziehung ihrer Kinder an Grenzen, weil sie denken alles falsch zu machen. «Doch machen sie alles richtig», sagen sie. Zweifel und der Druck der Gesellschaft seien enorm.

Betrachte eine Drittperson die Familienkrise aus der Vogelperspektive und bringe neue Lösungsansätze ein, zeigten sich die Eltern dankbar. Oft fehle nur wenig, um ein eingeschliffenes Verhaltensmuster seitens des Kindes oder eines Elternteils zu verändern. Manchmal brauche es jedoch Zeit, um das Problem zu lösen, dies könne über Jahre hinweg dauern. Astrid Hübecker und Sandra Groner arbeiten mit Lehrern und Sozialpädagogen sowie weiteren Therapeuten zusammen.

«Das breite Netzwerk hebt uns von anderen Sozialinstitutionen ab», sagen sie. «Wir bieten unseren Klienten die Therapie an, die sie benötigen. Die Bedürfnisse sind vielfältig.» In erster Linie müssten ihre Klienten jedoch bereit sein, mitzuarbeiten. «Wir sind kein Zauberstab, der ins Familienwohnzimmer reicht.» Die Eltern kommen für die therapeutische Arbeit auf, die Kosten hängen vom jeweiligen Einkommen ab.

Jahre später noch E-Mails

Ihr Krisen-Interventionszentrum, das sechs Kindern und Jugendlichen Platz bietet, haben die Frauen gemütlich ausgestattet, mit bunten Kissen, einem hölzernen Tisch und sinnigen Textkarten («eigentlich bin ich ganz anders», «ich bin nicht launisch»). «Die Kinder und Jugendlichen müssen sich in unseren Alltag integrieren», sagen Astrid Hübecker und Sandra Groner. «Sie leben ohne Mama, gehen in die Schule, kochen, helfen bei der Hausarbeit mit. All dies zeigt ihnen, was sie in ihrem Zuhause überhaupt haben.»

Auch wenn die zwei Frauen ihren Klienten den Spiegel unverblümt vor die Nase halten, haben sie Erfolg mit ihrer therapeutischen Arbeit: «Kinder und Jugendliche sagen oft zu uns: Endlich jemand, der wirklich versteht, wie es uns geht.» Jahre später schreiben die Klienten noch E-Mails und erzählen, wie es ihnen geht.

An der Lenzburgerstrasse 15 geht es künftig dynamisch zu und her. Astrid Hübecker und Sandra Groner betonen aber: «Es gibt kein Kommen und Gehen. Wir holen die Jugendlichen selbst von Zuhause ab.» Und von den vielen Fröschen, die das Haus zieren, sollen sich die Besucher nicht abschrecken lassen. Sie versinnbildlichen die therapeutische Arbeit der Zentrumsbetreiberinnen: Grimms Märchen zufolge wirft die Prinzessin den Frosch an die Wand. In einer anderen Märchenform küsst sie ihn. Die gleiche Wahl haben Eltern und Kinder: Entweder sie werfen ihr Gegenüber an die Wand. Oder sie küssen es.

Tag der offenen Tür: Samstag, 21. September, 11 – 16 Uhr.