Lenzburg

«Zuschauer, die das Gruseln lernen wollen, sind herzlich eingeladen»

Zur Feier des Tages hüllt sich Halder in jungfräuliches Linnen mit Monogramm.

Zur Feier des Tages hüllt sich Halder in jungfräuliches Linnen mit Monogramm.

Schlag Mitternacht schlurft heute eine weiss verhüllte Geisterschar durch die Rathausgasse. Heiner Halder erklärt Neuzuzügern den Joggeli-Umzug, eine uralte Tradition der Schützen

Bang, bang, bang bimmelt das Rathausglöcklein um Mitternacht. Wer heute Abend um diese Zeit noch in den Lenzburger Gassen weilt, dem ist zur Geisterstunde eine unheimliche Begegnung sicher.

Die Schützen feiern mit dem Joggeliumzug das Ende der Saison. So will es der Brauch. Im Zug «jogglet» Heiner Halder mit, er ist langjähriges Mitglied bei den Schützen. Ausserdem feiert die Lenzburger Schützengesellschaft heute Freitag, just am Namenstag des Schützenpatrons St. Wolfgang am 31. Oktober, ihr 550-jähriges Bestehen.

Herr Halder, sind Sie ein Dschihadist oder beim Ku-Klux-Klan gelandet?

(lacht) Nein, ich bin ein Joggeli und Mitglied der altehrwürdigen Schützengesellschaft Lenzburg. Sie feiert ihr Jubiläum heute Abend mit einem besonders grossen Joggeli-Umzug um Mitternacht.

Können Sie uns das näher erklären?

Der Joggeli-Umzug ist ein alt überliefertes Brauchtum, das in seiner Form einzigartig ist in der Schweiz. Es ist bemerkenswert, dass sich die Tradition über ein halbes Jahrtausend erhalten konnte.

Kurz nach Mitternacht joggeln die Schützen durch die Altstadt

Kurz nach Mitternacht joggeln die Schützen durch die Altstadt

Und was ist das Besondere an diesem Ritual?

Nach dem Absenden zum Abschluss der Schiesssaison, wenn reichlich getrunken, getafelt und geredet wurde sowie die Preise verteilt sind und wenn das Rathausglöggli 12 Uhr schlägt tauchen die Schützen als gespenstisch vermummte Gestalten aus dem tiefen Nachtschatten in den verdunkelten Gassen auf. Mit schwankenden Schritten latschen sie über das Kopfsteinpflaster der Altstadt, den Takt geben der Anführer mit weit schwingender Laterne und der Fahnenträger an. Diese spezielle Gangart und das «Herumjoggeln» haben dem Umzug den Namen gegeben.

Das tönt aber sehr nach einem Schweigemarsch?

Im Gegenteil. Unterwegs intonieren die Joggeli eine schaurig-schöne Litanei mit dem Refrain «Hudihudiha, Halleluja». Der Sing-Sang wird von Vorsängern angestimmt und von Schellenbuben mit einem besonderen Geläut begleitet. Zuschauer, die das Gruseln lernen wollen, sind herzlich eingeladen.

Weshalb sind die Joggeli in weisses Tuch gehüllt?

Der Ursprung wurzelt in einer Prozession der 1464 in Lenzburg gegründeten gemeinnützigen St.-Wolfgangs-Bruderschaft zum Schützenheiligen in die Staufbergkirche. Während der Reformation kippte der «Chrüzgang» in die Parodie. Wohl vom Weine beflügelt, hat man sich beim Absenden im Wirtshaus die Serviette über den Kopf gestülpt und das weisse Tischtuch umgehängt. Heute dient ein weisses Bettlaken als Umhang. Weshalb das so ist, ist urkundlich nicht überliefert. Über den genauen Ursprung des Brauches gibt hingegen der Text des Joggeli-Liedes Aufschluss.

Wurde die Tradition noch nie infrage gestellt?

Doch, doch, das Verschwinden der altherkömmlichen Laken und das Aufkommen moderner Fixleintücher hat die Tradition ernsthaft bedroht. Glücklicherweise brachte ein Spendenaufruf für Leintuch-Vorräte genügend Weissware. Die nun vorrätigen Linnen dürften wohl für die nächsten hundert Jahre Joggelen ausreichen.

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