Der Sturm war heftig. So heftig, dass die Windböen vier 30 Kilogramm schwere Gerüstplatten davonzutragen vermochten. Eine flog auf ein benachbartes Gleis – und brachte dort die Lokomotive einer S-Bahn zum Entgleisen, die vom Abstellgleis Richtung Bahnhof Lenzburg unterwegs war. Verletzt wurde niemand, der Schaden belief sich auf rund 75'000 Franken.

Diese Woche nun musste sich der Geschäftsführer der Gerüstbaufirma vor dem Bezirksgericht Lenzburg verantworten. Der Vorwurf: fahrlässige Störung des Eisenbahnverkehrs.

Die Frage, die Gerichtspräsident Daniel Aeschbach klären musste: Hat sich der Beschuldigte strafbar gemacht, weil er die Gerüstelemente nicht richtig sichern liess? Ja, fand die Staatsanwaltschaft und forderte eine bedingte Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu je 140 Franken und eine Busse von 700 Franken.

Wegen Zugentgleisung vor Gericht

Wegen Zugentgleisung vor Gericht (TeleM1 vom 2. März 2016)

Nein, fand der Verteidiger und forderte einen Freispruch. In seinem Plädoyer erinnerte er daran, wie heftig der Sturm an jenem Januartag vor einem Jahr gewütet habe: Starke Windböen von über 100 Stundenkilometern seien gemessen worden. Pflichtwidrige Unvorsichtigkeit könne seinem Mandanten nicht vorgeworfen werden.

Sturmwarnung auf dem Handy

Der Beschuldigte – bullig, bärtig, kurze Haare – erschien im karierten Kurzarmhemd, dunklen Turnschuhen, hellen Jeans vor Gericht. Die Sturmwarnung erreichte ihn via App auf seinem Handy. «Wir sind sensibilisiert darauf», sagte er.

Seine Mitarbeiter und er hätten daraufhin die Sturmsicherungen der Gerüste auf besonders exponierten Baustellen überprüft. «Alle zu kontrollieren, wäre unmöglich.»

Bei den Gerüstteilen, die auf das Gleis gewindet worden sind, handelte es sich um defekte oder falsch gelieferte Aluminiumplatten, die hinter dem Firmenareal aufeinandergestapelt zur Abholung bereit lagen.

Zug wegen Sturm entgleist

Zug wegen Sturm am Bahnhof entgleist (11.1.2015)

Ob er denn die Beige gesichert habe, wollte Gerichtspräsident Daniel Aeschbach wissen. Als sie ein Mitarbeiter rausgestellt habe, seien sie zusammengebunden gewesen, antwortete der Beschuldigte.

Ob dies beim Sturm noch der Fall war, wisse er nicht. Überprüft habe er es nicht. «Daran habe ich gar nicht gedacht.» Im Normalfall passiere auch nichts. Dennoch habe er die Platten nach dem Vorfall mit Spannsets zusammengebunden.

Mehr könne er nicht unternehmen – «mir sind die Hände gebunden». Den Vorwurf der fahrlässigen Störung des Eisenbahnverkehrs anerkannte er nicht. «Den Wind kann ich nicht steuern. Ich kann nichts dafür.»

Die Sorgfaltspflicht verletzt

Das Gericht kam zu einem anderen Schluss und sprach den Unternehmer schuldig: Er hätte die gestapelten Gerüstelemente kontrollieren müssen und so den Unfall verhindern können. Gerichtspräsident Aeschbach: «Ich glaube Ihnen, dass die Beige früher einmal gesichert war.» Trotzdem habe er die Sorgfaltspflicht verletzt, indem er die Sicherung vor dem Sturm nicht kontrolliert habe. Schliesslich sei es «nicht gänzlich unwahrscheinlich», dass die Aluminiumplatten weggewindet werden können.

Sein Verschulden wiege allerdings leicht. Die bedingte Geldstrafe fiel denn auch ein wenig tiefer aus, als von der Staatsanwaltschaft gefordert: 10 Tagessätze à 160 Franken, dazu eine Busse von 400 Franken.