«Über die Tatsache, dass in der Kantonshauptstadt jeder Landausflug und Brüterfolg der dort offensichtlich raren Höckerschwäne grosse Begeisterung auslöst, kann man im Seetal nur müde lächeln. Hier hat man ganz andere Probleme. Es gibt langsam zu viele Schwäne.

«Auf einer ganzen Reihe haben sie uns im letzten Herbst die untersten Trauben weggefressen. Die wissen eben auch, was gut ist.» Halb im Scherz macht Walter Lindenmann, Senior-Winzer beim Seenger Weingut Lindenmann, auf ein zunehmend beobachtetes Problem aufmerksam: Die Schwäne auf und am Hallwilersee haben mit 70 eine Zahl erreicht, die für die Land- und Weinwirtschaft, aber auch für andere Seeanrainer für Ärger sorgt.

Kolonie wird eingeschränkt

Im Seetal ist man eigentlich stolz auf den stolzen weissen Höckerschwan, der auch auf den lateinischen Namen «cygnus olor» hört. Bereits im Jahre 1902 wurde ein eigener Fanklub gegründet, die «Schwanenkolonie Hallwilersee». Mehrere hundert Mitglieder treffen sich jährlich zur Generalversammlung auf Hallwilersee-Schiffen.

Doch seit einigen Jahren kann der Verein seinen Hauptzweck nicht mehr erfüllen: die Steuerung der Population. Die «Eingriffe ins Brutgeschäft» oder – noch salopper – die «Geburtenkontrolle» führte dazu, das sich der Bestand zwischen 45 und 50 Schwänen einpegelte.

Auf einer jährlichen Inspektionsfahrt konnten die Kolonie-Mitglieder im Frühling «Schwanenvater» Hans Häfeli begleiten, wenn er Nester von überzähligen Eiern befreite.

Die nächste Inspektionsfahrt steht am nächsten Sonntag an, doch beschränkt sich die Tätigkeit der Schwanenfreunde inzwischen aufs Anschauen. Seit einigen Jahren, seit der rigoroseren Umsetzung des Bundes-Jagdgesetzes, sind solche Bestandsregulierungen verboten respektive nur noch erlaubt, wenn die entsprechende Bundesstelle die Bewilligung erteilt. Das bislang einzige Gesuch für den Hallwilersee wurde abgelehnt. Die Folgen: Mehr Schwäne, mehr Schäden.

Neuer Anlauf

Doch in diesen Tagen wird ein neuer Anlauf unternommen. Erwin Osterwalder, bei der Sektion Jagd und Fischerei im Departement Bau, Verkehr und Umwelt (BVU) zuständig für die Schwäne auf dem Hallwilersee, formuliert zusammen mit der Luzerner Jagdverwaltung ein neues Gesuch. In einem Projekt über mehrere Jahre soll erreicht werden, dass die Population nachhaltig auf ein für alle Beteiligte erträgliches Mass reduziert wird.

Osterwalder schildert die allgemeinen Voraussetzungen, die für eine Bestandesreduktion nötig sind: «Übermässige Schäden an landwirtschaftlichen Kulturen und erfolgloses Ausschöpfung anderer Massnahmen.» Schadenmeldungen hat Osterwalder in letzter Zeit etliche erhalten; in Meisterschwanden fand gar eine offizielle Wiesland-Schadens schätzung statt. Für den Experten ist klar: «70 Schwäne für den Hallwilersee sind klar zu viele.»

Bitte nicht füttern

Eine zweite Auswirkung der neuen Umsetzung des Bundes-Jagdgesetzes ist das Fütterungsverbot. Dem «Schwanenvater» ist es nicht mehr erlaubt die Schwäne im angrenzenden Ufergebiet gezielt zu füttern: «So müssen sie ihre Nahrung im Kulturland suchen», so Hans Häfeli im Jahresbericht 2015.

Auf der Suche nach Futter wagen sich die ohnehin nicht scheuen Schwäne immer weiter weg vom Hallwilersee. Auf Wiesen und Weinbergen werden sie fündig, richten jedoch nicht nur durch den Verzehr, sondern auch durch ihre Hinterlassenschaften Schaden an: Schwanenkot macht Gras als Tierfutter für Landwirte unbrauchbar und sorgt auf ufernahen Badewiesen für Unmut bei den Gästen, wie jüngst in Aesch LU, wo sich über ein Dutzend Schwäne auf engem Raum tummelten.

Hier wird jedoch oft unbewusst ein Eigentor geschossen, sind es doch vielfach Passanten, die mit ihrer mutwilligen Fütterung den geschützten Wildtieren einen Bärendienst erweisen. Auch für Erwin Osterwalder ist klar, dass eine Bestandsregulierung vom Bund nur bewilligt wird, wenn nicht parallel dazu eine Fütterung stattfindet. «Wir wollen deshalb die Öffentlichkeit sensibilisieren.» Auch bei den Schwänen am Hallwilersee gilt: bitte nicht füttern.