Burbuqe M. (43) sitzt im Esszimmer eines Einfamilienhauses in Niederlenz. Mit einem Taschentuch tupft sie sich immer wieder die Tränen aus dem Gesicht. Ihr Handy klingelt ohne Unterbruch. Seit Donnerstagabend ist der einzige Sohn von Burbuqe M., der vierjährige Zenel, verschwunden. Zuletzt wurde er auf einem Spielplatz eines Wohnquartiers an der Lenzburgerstrasse in Möriken-Wildegg gesehen. Rettungskräfte suchten ihn seither mit einem Grossaufgebot.

Am Freitagnachmittag dann die traurige Gewissheit. Wie die Kantonspolizei Aargau mitteilt, wurde der Bub beim Wasserkraftwerk Villnachern tot aus der Aare geborgen. «Es ist davon auszugehen, dass er am Vorabend beim Spielen in den Aabach gefallen und ertrunken ist», so Polizeisprecher Bernhard Graser. Zenel war am Donnerstagnachmittag mit seiner Mutter und anderen Kindern auf dem Spielplatz. Etwa um 16.30 Uhr bemerkte die Mutter plötzlich das Fehlen des Knaben. Nach vergeblicher Suche rief sie wenig später die Polizei. Bernhard Graser sagt, schon dann habe man vermutet, dass Zenel ins Wasser gefallen sein könnte. «Die Feuerwehr Chestenberg hat den Aabach akribisch abgesucht.» Auf der Aare war je ein Boot der Kantonspolizei und der Regionalpolizei Brugg im Einsatz. «Aabach und Aare führen durch die Regenfälle der letzten Tage viel Wasser, es herrscht eine starke Strömung», so Graser. Das erschwerte die Sucharbeiten. Weiter im Einsatz standen rund zwei Dutzend Polizisten und ein Helikopter mit einer Wärmebildkamera. Die Suchaktion musste am Donnerstag gegen Mitternacht eingestellt werden. Am Freitagmorgen waren erneut Polizisten mit Booten und Helikopter auf der Suche nach Zenel.

Mehr Kontakt mit Gleichaltrigen

Noch am Freitagmorgen hoffte Burbuqe M., dass die Polizei ihr Kind schnell wiederfinden würde. «Bald sind es 24 Stunden, seit er verschwunden ist», sagte sie. «Es wird immer schlimmer.» Auch Familie und Freunde der 43-Jährigen suchten nach dem Bub. An der Türe läutete es. Eine Nachbarin wollte wissen, ob es schon Neuigkeiten gebe. Die gab es nicht. Dann klingelte erneut das Handy von Burbuqe M. «Das Warten ist schlimm», sagte sie. Die Mutter lebte mit Zenel und ihrem Mann rund ein Jahr im Hochhaus an der Lenzburgerstrasse in Wildegg. «Zenel hat dort gleichaltrige Freunde», sagte sie. «Wir wollten, dass er mehr redet und sich öffnet, wenn er mit den anderen zusammen ist.» Deswegen sei die Familie auch nach ihrem Umzug nach Niederlenz noch zum Spielplatz in der Nachbargemeinde gefahren.

«Nichts, keine Spur von ihm»

Die Mutter fuhr am Donnerstag gegen zwei Uhr mit ihrem Sohn nach Wildegg. Der Spielplatz steht zwischen mehreren Blöcken, hat eine Schaukel, ein paar Bänke, viel Umschwung. M. erzählte, dass Zenel stundenlang mit vielen anderen Kindern gespielt habe. «Zusammen mit seinen Freunden hat er auf dem Velo Runden um den Block gedreht.» Sie sei immer aufmerksam gewesen, sass mit ihren Kolleginnen im Zentrum des Platzes. «Doch plötzlich kamen die anderen Kinder ohne Zenel zurück», sagte sie mit zitternder Stimme. Die Mutter vermutete zuerst, dass ihr Sohn vielleicht zu langsam war, um mit den anderen Kindern mitzuhalten. Ein kleines Mädchen habe ihr dann erzählt, dass Zenel sein Velo auf das Trottoir gelegt habe und auf der Strasse weggelaufen sei. «Ich bin sofort aufgesprungen und habe mich auf die Suche nach ihm gemacht», sagte die Mutter. «Ich war an allen Plätzen, die er kennt. Aber nichts, keine Spur von ihm.»

Warum gibt es keinen Zaun?

M. suchte auch das Gebiet am Aabach ab. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Der Bach ist rund 30 Meter vom Spielplatz entfernt. Dazwischen liegen zwei weitere Wiesen und zwei Hecken, die die Kinder aber nicht vom Spielen im Flussbereich abhalten. Momentan rauscht viel Wasser durch den Aabach. Die Strömung ist reissend, die Böschung steil. Einige Anwohnerinnen waren am Freitagmorgen nach dem Verschwinden von Zenel mit ihren Kindern auf dem Areal. Eine Frau sagte: «Ich kann einfach nicht verstehen, warum es keinen Zaun gibt. Das ist so gefährlich für die Kinder. Ich habe Angst.» Eine weitere Anwohnerin verlangte, dass die Behörden sofort etwas unternehmen müssten, um die Sicherheit im Wohngebiet zu erhöhen. Ob bereits in der Vergangenheit solche Beschwerden bei der Eigentümerschaft eingegangen sind oder ob diese nun den Bau eines Zauns an der Böschung zum Aabach in Betracht zieht, ist unklar. Die Eigentümerin der Wohnblöcke, die Realstone SA, verweist die AZ auf Anfrage an die Liegenschaftsverwaltung. Die Bewirtschafterin des Geländes, die Privera AG, wie auch die Gemeinde Möriken-Wildegg, waren am Freitagnachmittag für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Der Fall erinnert an den Tod des 2-jährigen Cyrill, der im April 2015 auf dem Weg nach Windisch in die Reuss fiel und starb. Sein Vater hatte ihn auf dem Spaziergang aus den Augen verloren. Drei Wochen später wurde Cyrills Leiche beim Wasserkraftwerk Döttingen-Beznau gefunden. Der Vater wurde wegen fahrlässiger Tötung zu 18 Monaten Haft bedingt und einer Busse von 2000 Franken verurteilt.