Vor einer Woche feierten zehntausende Besucher am Aarauer Maienzug-Vorabend. Jetzt steigt in Lenzburg die Fieberkurve: Mit dem Zapfenstreich geht heute Abend vor dem Jugendfest die grösste öffentliche Party des Jahres über die Bühne. Das Volk strömt in die Stadt, tanzt und trinkt.

Das war nicht immer so. Zu Beginn der 90er-Jahre riefen die Handballer die Zapfenbar ins Leben. Lange war die Bar unter den Arkaden des Gemeindesaals die einzige Attraktion. Allmählich entstanden weitere Angebote. 2003 entschieden ein paar Freunde, vor dem Elternhaus von Julian Häusermann eine Beiz zu führen. 15 Jahre, eine Bewilligung und zwei Standortwechsel später zieht die RBL-Bar am Rathausgässli jedes Jahr das Publikum in Scharen an. RBL steht für Revolution Brothers Lenzburg. Eine Revolution gegen das bestehende Programm war aber nicht die Absicht. «Wir wollten etwas Eigenes aufziehen», sagt Julian Häusermann. Mit Livemusik und Lichterkette versprühen die Revolution Brothers Charme, möglich machen es 30 bis 40 freiwillige Helfer.

Julian Häusermann und sein Bruder Timo werden sich nach diesem Jahr aus dem OK zurückziehen. «Wir haben eine Tradition geschaffen, die weitergehen soll», sagt Häusermann. «Die Bar bereitet viel Freude, bedeutet aber auch grosse Anstrengung. Wir wollen Platz machen für neue Ideen und Leute.» Mit der «Chööle-Crew» hat ein jüngeres Team bereits Verantwortung übernommen. Eine Bar werde es immer geben. Um die Ära RBL noch einmal gebührend zu feiern, haben die Revolution Brothers die Band «DeRobert and the Half-Truth» aus Nashville, Tennessee verpflichtet. Für hungrige Tänzer servieren sie Pulled Pork Burger.

Livemusik gehört auch an der Zapfenbar dazu, dieses Jahr treten «Master Pflaster» auf, deren Geschichte fest mit dem Jugendfest Lenzburg verknüpft ist. «Die Stimmung ist wichtig», sagt Barchef Samuel Werder. Mit Stadtzelt, Shotbar und Grillbereich ist auch die Zapfenbar gewachsen. Doch Werder legt Wert auf gepflegte Unterhaltung. «Die Stadt soll am Zapfenstreich nicht zur Disco werden, wo an jeder Ecke Musik aus der Konserve abgespielt wird.» Mit dem Festzelt des FC Lenzburgs und der Turnerbar sind zwei grosse Player in den Zapfenstreichbetrieb eingestiegen. «Das ist belebend», sagt Werder. Mehr Besucher sei für alle gut. Doch er hofft, dass die Turner ihre Musik zugunsten der Liveband drosseln.

Dreissig Beizen und Bars

Von Jahr zu Jahr kommen immer mehr Besucher in die Lenzburger Altstadt zum Feiern. Heimwehlenzburger reisen an und ehemalige Schulkollegen treffen sich zur inoffiziellen Klassenzusammenkunft. Die Regionalpolizei verfolgt diese Entwicklung genau. «Wegen der stetigen Zunahme von Besuchern muss die Polizei die Sicherheit im Auge behalten», sagt Wachtmeister Otto Schwizer, bei der Regionalpolizei fürs Gastgewerbe und Anlässe zuständig. Konkrete Besucherzahlen zu den vergangenen Jahren kann er jedoch keine nennen.
Genaue Angaben gibt es hingegen zu den Barbetreibern. «Rund dreissig Gastrobetriebe, Beizli und Bars. Neben den ortsansässigen Gastrobetrieben sind es zehn Vereine und Ortsparteien, die mitmachen.» Diese Zahl ist seit Jahren konstant.

Keine Expansion geplant

In Aarau wird der Vorabend von einem privaten Verein organisiert. In Lenzburg treten Stadt und Jugendfestkommission als Organisatoren auf. Bei diesem Konzept will man offenbar bleiben. Bei der Polizei heisst es: «Aufgrund der überblickbaren Grösse und des Sicherheitsmanagements hat sich die Frage nach einer Fremdvergabe des Zapfenstreichs bisher nicht gestellt.» Im Gegensatz zum Maienzug-Vorabend hat man in Lenzburg keine Expansionsgelüste. Man habe laut Schwizer nicht die Absicht, das Angebot zu erweitern. Doch der Partyraum wird grösser. Zur Altstadt kommt nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen die Promenade hinzu.

Klasse statt Masse, so könnte das Motto des Zapfenstreichs lauten. Die Rathausgasse soll dieses Jahr mit etwas leiserer Musik nicht zur Disco verkommen und um 1 Uhr wird das letzte Bier serviert. Wer danach noch weiterfeiern will, kann dies an der Afterparty im «Tommasini» tun.