Kerntangente
Wo steht die Einkaufsmeile Altstadt nach zehn Jahren Baustelle?

«Das Gewerbe wird ermordet» – Wegen der Umfahrung wurde der Innenstadt vor eine düstere Zukunft prophezeit. Diese kam auch. Doch wie sieht es heute aus? Ist die düster Zukunft noch immer aktiv? Das sagen die Lädeler.

Ruth Steiner
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Das Lenzburger Gewerbe fühlte sich von den Baustellen der Kerntangente beengt. Die Not machte jedoch erfinderisch. Heiner Halder

Das Lenzburger Gewerbe fühlte sich von den Baustellen der Kerntangente beengt. Die Not machte jedoch erfinderisch. Heiner Halder

Im Dezember 2004 war dem Lenzburger Gewerbe gar nicht nach Weihnachten zumute. Hinter den hellen Lichterketten der Adventsbeleuchtung in der Innenstadt wetterleuchtete es in allen Farben.

«Das Gewerbe wird ermordet.» In den Debatten im Einwohnerrat zu der Kerntangente waren markige Worte zu hören. Die Gewerbler würden von den unzähligen Baustellen, welche die Projekte rund um die Kerntangente in der Altstadt auslösten, buchstäblich erdrosselt, hiess es.

Ging es den Läden tatsächlich «ans Läbige», wie befürchtet? Die Not während der Bauzeit machte erfinderisch, wie das Foto zeigt: Mit Werbetafeln wurden die Automobilisten elegant um die Baustellen-Barrikaden herumnavigiert.

Doch täuscht nichts darüber hinweg, dass Gewerbler und Lädeler in der struben Bauphase nichts zu lachen hatten. Jeder versuchte auf seine Weise über die Runden zu kommen.

Gab es nach der Durststrecke wieder eine Erholung? Auf jeden Fall hat die Gemeinschaft der Centrums-Geschäfte einen Sondereffort zur Wiederbelebung der Altstadt als Einkaufsmeile gemacht. Die finanziellen Kräfte wurden gebündelt und der Fernsehspot «z’ Länzburg stoppe und go shoppe» realisiert.

Das Stehaufmännchen, das viele für immer in den Untergrund wünschen

Ein kleiner Kollateralschaden der Lenzburger Kerntangente sind die versenkbaren Poller, die auf der Bahnhofstrasse die Zufahrt zum Hypiplatz nur den RBL-Linienbussen erlauben.
Vor allem in der Anfangsphase war das neuartige Teil, das als technischer Hilfssheriff mithalf, das unmissverständlich montierte allgemeine Fahrverbot durchzusetzen, oft Stadtgespräch. Ortsfremde oder unverbesserliche Schläulinge, die dicht hinter einem Bus herfuhren und vom Poller aufgespiesst wurden, verstanden die Welt nicht mehr.

Anders als sonst im Leben hatten die fehlbaren Lenker neben dem Schaden nicht etwa Spott, sondern Mitleid der übrigen Autofahrer geerntet. Dieses übertrug sich allerdings nicht auf die Polizei- und Justizbehörden, die in den allermeisten Fällen mit der nötigen Härte durchgriffen.

Das metallische, in der Nacht leuchtende Stehaufmännchen hat während seiner Lenzburger Karriere offensichtlich dazugelernt. Das Aufspiessen von Fahrzeugen (einmal war sogar ein Bus betroffen) von unten her soll durch Sensoren verunmöglicht worden sein. Das Vertrauen des Lieferanten in seine Produkte scheint allerdings nicht grenzenlos zu sein: Zu Reparaturen fährt die Firma in einem Lieferwagen ohne Logo vor.

In letzter Zeit ist es um die Poller ruhig geworden. Die Prüfung von Alternativen ist offensichtlich ohne Ergebnisse abgeschlossen worden. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann der nächste Poller-Koller ausbricht. (tf)

Bisher Nachfolger für leere Lokale

Ob die Schuld tatsächlich der autofreien Innenstadt zugeschrieben werden muss, wenn ein Geschäft in der Zwischenzeit seine Türen geschlossen hat, bezweifelt Optiker Thomas Schneider. «Es haben viele Wechsel stattgefunden», sagt er.

Doch will Schneider deswegen nicht den Teufel an die Wand malen. Praktisch überall sei bisher eine Nachfolgelösung gefunden worden. Der Optiker wertet dies als positives Zeichen.

Tatsächlich ist bei den angefragten Lädelern ein gesundes Mass an Zukunftsglauben vorhanden. Beispielsweise bei Roland Frey. Er hat das Uhren- und Bijouterie-Geschäft in der Rathausgasse vor acht Jahren von seinem Vorgänger übernommen und positive Erfahrungen gemacht.

«Lenzburg hat ein gutes Einzugsgebiet, welches mit einem entsprechenden Engagement zu Erfolg führt», sagt er. Erst jüngst haben zwei junge Frauen den Weg in die Selbstständigkeit gewagt: «Fräulein Rosarot» mit ihrer Schal- und Taschenboutique und die Leckereien-Boutique «Kleines Feines» mit Café».

Auch für den Präsidenten des Gewerbevereins Lenzburg und Umgebung präsentiert sich die Fragestellung nach den Auswirkungen der autofreien Innenstadt auf die Geschäfte vielschichtig.

«Dem Gewerbe wurde durch die Tangente, wie sie sich jetzt präsentiert, sicher etwas die Luft entzogen aber nicht ausschliesslich deswegen.» Ein guter Geschäfte-Mix sei nötig, um Kunden anzuziehen.

Und diesen ortet er als zunehmend einseitiger und problematischer. Neue Geschäftsmodelle wie Internetverkauf würden den Detaillisten das Leben zunehmend schwerer machen, sagt Renfer.

Parkleitsystem wäre hilfreich

Mit der Schaffung von Kurzzeitparkplätzen und dem neuen Parkhaus Sandweg/Eisengasse wollte man ein zweites Brugg mit einer menschenleeren Altstadt vermeiden. Ist das gelungen?

Teilweise, das Parkhaus wie auch die öffentlichen Plätze im Viehmarkt-Parkhaus vis-à-vis der Seifi sind bisher wenig bekannt. Hier wäre ein Parkleitsystem hilfreich, sagen die Altstadt-Lädeler.

Glücklicherweise nicht im befürchteten Ausmass hat sich der Schleichverkehr entwickelt. Man habe sich deswegen im Voraus schon etwas gesorgt, erinnert sich Tangenten-Projektierer René JeanRichard.

Zum Glück sei jedoch die Idee, das Brättligäu mit Sperren für den Durchgangsverkehr zu blockieren – die Rede war von Pollern –, verworfen worden. Was den Schleichverkehr anbelangt, winkt auch die Regionalpolizei ab.

Dieser konzentriere sich vor allem auf die Rushhour, wenn sich Automobilisten den kürzesten Weg durch die Quartiere suchten. Doch sei das schon vor der Kerntangente so gewesen. Die Poller als «automatische Polizisten» sind aber doch noch zum Einsatz gekommen (Artikel rechts).

Markus Roth, Restaurant Hirschen, Rathausgasse «Seitdem die Innenstadt autofrei ist, hat sich die Lebensqualität hier massiv verbessert. Die Altstadt ist zum Begegnungsort geworden. Dieser Umstand hat jedoch nicht zwangsläufig auch zu einem Mehrumsatz im Restaurant geführt.»
4 Bilder
Thomas Scheider, Augentreff Schneider, Kirchgasse «Die autofreie Innenstadt hat sich auf unsere Geschäftstätigkeit nicht gross ausgewirkt. 2011 habe ich das Geschäft von der Rathausgasse in die Kirchgasse verlegt. Die Kurzzeit-Parkplätze am Rand der Altstadt sind wichtig.»
Sonja Willener, Willener-Meier, Textilfachgeschäft, Rathausgasse «Das Geschäft gibt es seit 80 Jahren. Wir haben eine grosse Stammkundschaft, doch hat die Kundenfrequenz abgenommen. Ob das aber nur auf die Kerntangente zurückzuführen ist? Wir sind froh, dass Auto-Abgase und -Schmutz weg sind.»
Christian Ryser, Ryser Bürotechnik, Papeterie, Rathausgasse «Die Bauphase mit der versperrten Zufahrt hatte Einfluss auf die Umsätze. Das hat sich geändert. Ohne Kerntangente wäre heute wohl ein permanenter Verkehrsstau in der Altstadt und Lenzburg wäre zum Einkaufen wenig attraktiv.»

Markus Roth, Restaurant Hirschen, Rathausgasse «Seitdem die Innenstadt autofrei ist, hat sich die Lebensqualität hier massiv verbessert. Die Altstadt ist zum Begegnungsort geworden. Dieser Umstand hat jedoch nicht zwangsläufig auch zu einem Mehrumsatz im Restaurant geführt.»

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