Lenzburg
Wo Sophie Hämmerli-Marti einst Gedichte schrieb

Eine Zeitreise nördlich der Bahnlinie in Lenzburg. Zu Fuss unterwegs mit alt Stadtschreiber Christoph Moser findent sich hier Zeugen der industriellen Vergangenheit der Stadt. Hier schrieb auch Sophie-Hämmerli-Marti ihre Gedichte.

Ruth Steiner
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In diesem Haus schrieb Sophie Hämmerli-Marti ihre Gedichte, weiss alt Stadtschreiber Christoph Moser (rechts).Ruth Steiner

In diesem Haus schrieb Sophie Hämmerli-Marti ihre Gedichte, weiss alt Stadtschreiber Christoph Moser (rechts).Ruth Steiner

Schmucke Häuschen reihen sich aneinander, umsäumt von idyllischen Gärten, in denen der Frühling sich in seiner vollen Blüte ausbreitet: Rote Tulpen, leuchtend gelbe Narzissen, violette Krokusse und ganze Beete mit blauen Traubenhyazinthen leuchten hinter hölzernen Gartenzäunen hervor. Es sind die vor rund einhundert Jahren erbauten Arbeiterhäuschen der Hero, einst grösste
Arbeitgeberin des Ortes. Ursprünglich Doppelhäuser, werden die meisten heute nur noch von einer Familie bewohnt.

Niedergang und Neubeginn

Nördlich der Bahnlinie. Eine geografische Bezeichnung? Nicht nur. In Gesellschaft von alt Stadtschreiber Christoph Moser wird ein Spaziergang durch die Quartiere zum Eintauchen in eine ganz andere Welt, in die Vergangenheit der Stadt und die reiche Industriekultur, welche vielfältige Zeugen ihrer Ära hinterlassen hat. «Traurige Geschichten sind gleichzeitig auch immer Erfolgsgeschichten», sagt Christoph Moser, wenn er von den riesigen Veränderungen spricht, welche das Industrieareal hinter dem Bahnhof in der Vergangenheit erfahren hat und derzeit wieder durchläuft.

Nichts Neues, wohl eher ein Déjà-vu. Vor rund 130 Jahren wurde auf dem gleichen Boden die Weberei und Bleicheindustrie zu Grabe getragen. Textilhändler Hünerwadel hatte den Schritt ins industrielle Zeitalter verpasst, die Firma ging bankrott.

Neuer Unternehmergeist liess aus deren Trümmern die Hero entstehen. Sie ist zum weltumspannenden Nahrungsmittelkonzern aufgestiegen. Vor drei Jahren ist sie an den Stadtrand gezogen und hat dort eine neue Produktionsstätte gebaut.

Das Areal nördlich der Bahnlinie ist heute eine riesige Baustelle – heisst «Im Lenz», geschaffen wird moderner Raum zum Wohnen und Arbeiten.

Das Zuhause der Mundartdichterin

Als Sophie Hämmerli-Marti in den 30er-Jahren an der Niederlenzerstrasse ihre unvergesslichen Mundartgedichte schrieb, stand das klassizistische Wohnhaus noch an idyllischer Lage mit Blick ins Grüne. Gestört wurde die Schriftstellerin damals höchstens durch vorbeizuckelnde Fuhrwerke. «Es ist viel passiert hinter diesen Mauern», sagt Moser und erzählt von einer fortschrittlichen Frau, die sich zum Stimmrecht für Frauen äusserte, als dieses noch in weiter Ferne lag.

Ihr Wirken wurde bereits zu Lebzeiten geschätzt. Und sie hat es weit gebracht: Als erste Frau durchbrach sie in Lenzburg am Jugendfest die Männerphalanx und durfte eine Festrede halten. Nach dem tragischen Tod ihres Ehemannes war sie nach Zürich gezogen.

Heute, so Moser, reduziere sich die Gegend in den Köpfen vieler Leute auf die Landi und die Traitafina – man düst mit dem Auto hin, erledigt die Einkäufe und ist wieder weg.

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