Lenzburg
«Wir sind nicht gegen die Kanti, kämpfen aber für die Ortsbürger» – der Streit um das Zeughausareal

Alt Stadtammann Bachmann und alt Stadtrat Werder gelten in Lenzburg als «Kanti-Verhinderer». Sie haben zum Gespräch eingeladen und erklären ihre Position.

Urs Helbling
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«Wir sind konstruktiv»: alt Stadtrat Max Werder (l.) und alt Stadtammann Rolf Bachmann.

«Wir sind konstruktiv»: alt Stadtrat Max Werder (l.) und alt Stadtammann Rolf Bachmann.

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66 zu 55 Stimmen: Sie haben an der Ortsbürgergemeindeversammlung mit ihrem Rückweisungsantrag zur weiteren Nutzung des Zeughausareals gewonnen (die AZ berichtete). Doch so richtig glücklich können sie über ihren Sieg nicht sein. Denn sie gelten jetzt in Lenzburg als «Kanti-Verhinderer». Sie, das sind der ehemalige FDP-Stadtammann Rolf Bachmann (16 Jahre im Amt bis Ende 2005) und der ehemalige SP-Stadtrat und Bauvorsteher Max Werder (12 Jahre im Amt bis Ende 2001). Die 78- und 70-jährigen Herren haben zum Gespräch geladen und wollen ihren Standpunkt erklären.

«Der Stadtrat hat seine Aufgaben nicht gemacht»

Sollen sich ehemalige Politiker in aktuelle Geschäfte einmischen? Bachmann und Werder betonen ihre Zurückhaltung. «Aber jetzt ist der Zapfen ab», so Bachmann, «das kann es nicht sein». Werder erklärt: «Wir machen das aus Verantwortungsbewusstsein und nicht aus Profilierungssucht.» Und: «Wir sind konstruktiv.»

Beide kritisieren den aktuellen Stadtrat. Es fallen Sätze wie: «Er hat seine Aufgaben nicht gemacht.» Oder: «Nicht die Ortsbürger haben eine Chance für Lenzburg verspielt, sondern der Stadtrat.» Oder: «Es hat im Stadtrat und im Stadtbauamt niemand mehr, der bei Immobiliengeschäften kompetent genug ist.»

Auf dem Spiel stehen bis zu 30 Millionen Franken

Um was geht es eigentlich? Vordergründig um die Schaffung der Voraussetzungen, damit die Stadt Lenzburg, die Einwohnergemeinde, im Wettbewerb um einen Kantonsschulstandort bleiben kann. Hintergründig um die Zukunft der Ortsbürgergemeinde, deren Geldquelle Kies mittelfristig teilweise versiegen wird.

Also, es geht um Geld. Geld, das der Stadtrat für ein Sponsoring der Kanti einsetzen möchte – über einen attraktiven Landpreis. Geld, das, so Bachmann/Werder, den Ortsbürgern gehört und für diese wichtig ist, weil es deren Zukunft sichert. Es geht, so hat Werder an der Ortsbürgergemeindeversammlung vorgerechnet, um insgesamt bis zu 30 Millionen Franken Mehreinnahmen in den nächsten 50 Jahren.

Geplant war ein Immobilienstandbein

Ein Blick zurück: 1998 ist das Lenzburger Zeughaus heimgefallen. Die Ortsbürger erhielten gemäss Schenkungsvertrag vom Bund zwei Hektaren Land. «Zur Überraschung vieler», erinnert sich Werder. Schon vorher hatte der Stadtrat eine Ortsbürger-Immobilienkommission mit kompetenten Mitgliedern gegründet. «Wir wollten für die Zeit nach dem Kies ein Immobilienstandbein aufbauen», so Werder. Ein Studienwettbewerb hat ergeben, dass das Zeughausareal zu einem Drittel von den Ortsbürgern selber überbaut werden könne (ca 75 Wohnungen), allenfalls finanziert durch den Verkauf eines weiteren Drittels. Der dritte Drittel sollte für öffentliche Nutzung zur Verfügung gestellt werden. Ende 2000 habe der Stadtrat beschlossen, die Überbauung des Zeughausareals zurückzustellen, weil sich in der Widmi der angestrebte Bauboom abzeichnete (das damalige Hero-Areal kam später eher überraschend dazu).

Der heutige Stadtrat habe dann 2018 die Immobilienkommission abgeschafft. «Es weiss niemand warum», sagt Werder.

Grosser Aufgabenkatalog für den Stadtrat

Statt einer langfristig attraktiven, durch die Ortsbürger selber zu erstellenden Überbauung wolle der Stadtrat das Zeughausareal zu einem Discountpreis zur Verfügung stellen, finden Bachmann und Werder. Und sie wissen dank dem Rückweisungsantrag eine Mehrheit der Ortsbürger hinter sich. Es gehe einzig um die möglichst optimale Nutzung der zwei Hektaren. «Wir wollen die Ortsbürgergemeinde so konsolidieren, dass diese ihre Aufgaben auch in Zukunft erfüllen kann», erklärt Werder. Und: «Ich möchte eine Kanti in Lenzburg – aber nicht unter den jetzigen Bedingungen für die Ortsbürger.» Mehr noch: «Ich werde der Interessengemeinschaft Kanti Lenzburg beitreten, wenn wir eine gute Lösung finden, die die Ortsbürger nicht einen zweistelligen Millionenbetrag kostet.»

«Wir hätten da eine Idee»

Das Zeughausareal ist als Kantistandort praktisch vom Tisch. Der Stadtrat muss jetzt zuerst gemäss dem Rückweisungsantrag eine Reihe von Finanzfragen klären. Und er soll eine Aufzonung des Zeughausareals mit Gestaltungsplanpflicht überprüfen – im Sinne einer Veredelung des Ortsbürgerlandes.

Zudem werde, so sind Bachmann/Werder überzeugt, der Stadtrat wohl nicht darum herumkommen, sofern es ihm Ernst sei mit einer Kanti in Lenzburg, einen alternativen Standort zu suchen. Sie sagen, ohne Näheres zu verraten: «Wir hätten da eine Idee.»