Solidarität
Wie vier junge Schweizer im Flüchtlingscamp zu Helfern wurden

Während ihrer Balkan-Büssli-Tour brachten vier junge Reisende aus der Schweiz in einer Durchgangsstation für Flüchtlinge gesammelte Hilfsgüter vorbei. Mischa Kaspar aus Olten und Florian Kronenberger aus Lenzburg berichten über ihre Erlebnisse.

Deborah Onnis
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Vier junge Schweizer werden Helfer in Flüchtlingscamp
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Bei der Hinfahrt in die Durchgangsstation in Bapska.
Im Flüchtlingscamp in Bapska.

Vier junge Schweizer werden Helfer in Flüchtlingscamp

zvg

Die Büssli-Tour durch Osteuropa war schon seit mehreren Monaten geplant», sagt der 24-jährige Oltner Mischa Kaspar. Zusammen mit drei etwa gleichaltrigen Bekannten war das Ziel, mit einem alten Mazda-Bus das Schwarze Meer zu erreichen, inklusive kurzen Stopps «irgendwo» in Südosteuropa. Lediglich die Reisedauer von fünf Wochen war festgelegt. Wenige Monate vor dem Start Ende September sind Bilder von Flüchtlingen, die im Osten Richtung Europa ziehen, in den Medien omnipräsent. «Wir wussten, dass wir möglicherweise einen Flüchtlingsstrom antreffen würden.» Reise absagen? Routenwechsel? Nein. «Wir haben uns gedacht, wenn wir schon in dieses Gebiet fahren, dann können wir auch gleich ein paar Hilfsgüter selber abgeben», sagt der Umweltwissenschaften-Student und Pfader. Wann und wo, das ist ihnen bei der Abfahrt aber noch nicht ganz klar.

Ganz unvorbereitet ging die Gruppe aber nicht Richtung Balkan. «Wir informierten uns vor der Abreise über bekannte Facebook-Gruppen wie zum Beispiel ‹Let’s help refugees in hungary and europe›, was wo gebraucht wird.» Winterjacken, wasserfeste Schuhe und einige Toilettenartikel, wie zum Beispiel Damenbinden, seien gefragt gewesen. Über einen Aufruf auf Facebook sammelte die Gruppe innert weniger Wochen so viel Ware, dass sie damit das Büssli füllen konnte. Auf einem Zettel schrieben sie auf, was sie alles dabei hatten, und ein Mitglied setzte seine Unterschrift darunter. Dieses Dokument hätten sie am Zoll gezeigt, falls man sie angehalten hätte. Angehalten wurden sie aber nicht. So fuhren sie erst mal nach Slowenien.

In Ljubljana angekommen, verfolgen die jungen Erwachsenen die aktuellen Meldungen in einigen Facebook-Gruppen. Das Internet war kein Problem. Ein Gruppenmitglied hatte vor der Abreise ein Daten-Roaming-Abo gelöst. Die Meldungen führen die Gruppe vier Autostunden entfernt in die kroatische Stadt Slavonski Brod, in der Nähe der serbisch-kroatischen Grenze. Dort bezogen sie eine einfache Unterkunft und planten, am nächsten Tag an die Grenze zu fahren. Doch kaum angekommen, hiess es auf Facebook, der Flüchtlingsstrom habe sich verschoben. 2000 bis 3000 Flüchtlinge schliefen am Grenzübergang beim 500-Seelen-Dorf namens Strošinci auf offener Strasse. Es brauche dringend Wasser, Jacken und Schuhe. Ohne zu zögern, brach die Gruppe noch am selben Abend auf.

Flüchtlingshilfe: Experte warnt

Dieselbe Überlegung wie die Büssli-Reisenden haben sich auch andere Leute aus der Schweiz gemacht und reisten an die serbisch-ungarische Grenze, um Hilfsgüter jeglicher Art gleich selbst abzuliefern. Ohne Anmeldung und Absprechen mit einer Kontaktperson. «Unkoordinierte Aktionen verursachen viel zusätzliche Arbeit für die Hilfskräfte vor Ort, die bereits am Anschlag ihrer Kräfte sind», erklärt Stefan Frey von der Schweizer Flüchtlingshilfe. Der Wille an sich, die Flüchtlinge zu unterstützen, sei gut, man solle sich aber nicht von Gefühlen leiten lassen. Stefan Frey rät, vor der Abfahrt abzuklären, was wo genau gebraucht wird. Wichtig sei auch eine vertrauenswürdige Abgabeadresse. Nicht vergessen dürfe man auch die technischen Fragen, zum Beispiel bezüglich gültige Zollunterlagen. (DO)

«Wir gingen in einen Raststätten-Shop, der auch um 1 Uhr nachts noch offen war, und kauften 500 Liter Wasser in grossen und kleinen Flaschen», sagt Mischa Kaspar lachend. Mit der Ausgabe von zirka 650 Franken hatten sie ursprünglich aber nicht gerechnet. «Unser Budget ist begrenzt», sagt er. Deswegen posteten sie auf ihrer Facebook-Seite «Es Büssli voll Chleider» die gekaufte Ware inklusive Aufruf zur Unterstützung. Innert kurzer Zeit meldeten sich Bekannte und auch Unbekannte, um die Kontonummer für die Spende zu erfahren. «Es war ein Hammergefühl, so viel Solidarität zu erfahren», strahlt der Pfader.

Mit der gekauften Ware kommt die Gruppe aber in Strošinci nicht bis zu den flüchtenden Menschen. «Polizisten wollten uns nicht durchlassen, weil sie Unruhe befürchteten», sagt er. Der 26-jährige soziokulturelle Animator Florian Kroneberger aus Lenzburg, ein Mitglied der jungen Reisegruppe: «Die Polizisten meinten, wenn jemand gleich mit sehr viel Ware auf einmal kommt, sich möglicherweise alle darum reissen und ein Chaos ausbrechen könne.» Die wenigen kroatischen NGO-Mitglieder, die auch an der Grenze waren, verhandelten dann mit der Polizei, um wenigstens einige Jacken und Schuhe verteilen zu können. Die akkreditierten Helfenden, die vom Roten Kreuz unterstützt wurden, erhielten dann die Erlaubnis, leise einmal zu den Flüchtenden zu gehen. Ausgerüstet mit kleinen Taschenlampen wurden sie von den Polizisten durchgelassen und verteilten einige Ikea-Säcke voller Jacken und Schuhe, vor allem an Kinder und ältere Menschen. Währenddessen machten die vier Schweizer die Bekanntschaft mit der schaulustigen Dorfjugend.

Facebook-Updates bestimmten das Ziel am darauffolgenden Tag: eine Durchgangsstation bei Bapska, einem kroatischen Dorf nahe der serbischen Grenze. Im Gegensatz zur letzten Station muss die Gruppe beim bewachten Posten im ländlichen Gebiet nur kurz Rechenschaft ablegen. «Wir sagten, wir hätten Jacken, Schuhe und Toilettenartikel dabei und wollen helfen», sagt der Pfader. Das reichte dem anwesenden Polizisten, um das Büssli einfach durchzuwinken. «Ehrlich gesagt hatten wir nicht damit gerechnet, dass wir die ganze Ware selber verteilen dürften. Wir waren aber natürlich froh darüber», so Mischa. Bereits beim Auspacken hätten sich einige Flüchtlinge dem Büssli genähert. «Hey, brauchst du neue Schuhe?, fragte ich einen Knaben und streckte ihm ein paar Schuhe entgegen. Seine sahen echt verbraucht aus», sagt Florian. Ohne zu zögern habe der Flüchtling die Schuhe angenommen und habe sich gleichzeitig mit einem starken Händedruck bedankt. «Es lief alles sehr unkompliziert ab», sagt er. Die Situation im Durchgangscamp könne man sich am besten als der Durchgangsbereich eines kleinen und chaotischen Festivals nach mehreren Tagen vorstellen». Vieles war sehr improvisiert und auch etwas chaotisch. Trotzdem habe das Meiste aber doh einigermassen gut funktioniert.

Aus Selbstschutz abgereist

«Es fiel uns schwer, wegzugehen, denn der Bedarf an Freiwilligen ist da», sagt Florian Kroneberger. Was wird aus dem Flüchtling im Rollstuhl? Und mit dem frierenden und hustenden Kind? Noch drei bis vier Tage lang kauten die Jugendlichen an den Erlebnissen. Je länger sie sich im Lager aufhielten, desto mehr Verantwortung wurde ihnen von den anderen Freiwilligen zugeteilt. «Bald hätten wir irgendwelche Schichten übernommen», sagt Mischa Kaspar. «Wären wir eine Woche länger geblieben, hätten wir unseren Zeitplan nicht einhalten können.»
Wollten sie nur deswegen weg? Mischa und Florian schauen einander kurz in die Augen. Zögern. «Ich glaube, wir waren am Schluss alle froh, wieder zu gehen, quasi als Selbstschutz», sagt Mischa. «Wir hatten nicht damit gerechnet, dass wir so nah und viel mit den Menschen in Kontakt kommen», sagt Florian. «Deshalb waren wir bereits nach wenigen Einsatzstunden emotional völlig ausgelaugt.» Gleichzeitig sei es ein sehr schönes Gefühl gewesen, konkret helfen zu können. «Und wir haben gemerkt: Man kann verdammt viel bewirken», sagt Mischa. Brachten sie zum Beispiel ein Kind zum Lächeln, lächelte dann die ganze Familie. Sie sind sich einig: «Wir würden wieder gehen.» Sind sich aber bewusst: «Wir hatten auch viel Glück, da das Camp relativ gut organisiert war. Es gibt viele andere, die es nicht sind.» (do)

Nach Aufenthalts- und Küchenzelten seien Hunderte von Leuten an einer Strasse vor einer Art Bushaltestelle angestanden. Etwa im Stundentakt führte ein Car mehrere Dutzend Personen von da zum nächsten Flüchtlingscamp. Polizisten beaufsichtigten den Einstieg in den Car am Strassenrand. «Wurde es in der langen Schlange laut, oder verschob sich die grosse Menge auch auf die zweite Strassenspur, drückten Polizisten die Menschen wieder zur Seite.» Sie sprachen laut Mischa Kaspar kein Englisch und kommunizierten nur mit Gestik oder einer erhöhten Lautstärke.

Kaum hätten die vier ihre leuchtgelben Westen angezogen, seien sie als Teil des Helfer-Teams angesehen worden. Nachdem sie die mitgebrachten Waren verteilt hatten, nahmen sie sich verschiedenster Aufgaben an: Verteilten Essen, räumten Müll zusammen oder betreuten die flüchtenden Menschen.

«Es war uns sehr wichtig, uns möglichst viel Zeit zu nehmen, um mit den Menschen zu sprechen, die am liebsten weitergezogen wären, Richtung ‹Germany›.» Nicht alle waren aber völlig am Boden zerstört. «Wir waren überrascht, als wir auf einige junge Männer stiessen, die ziemlich locker mit ihrer Flucht umgingen, ganz im Stil ‹easy, wir nehmen es, wie es kommt›.» Vor allem Familien mit Kindern hingegen hätten sehr erschöpft und ängstlich gewirkt. «Sie fragten den Freiwilligen mit leuchtgelben Westen ‹Wo gehen wir jetzt hin?› oder ‹Wo sind wir?›», sagt Mischa Kaspar. «Wir haben in dieser Zeit vor allem Erklärungen und Anleitungen gegeben, weil viele diese Leute völlig orientierungslos waren.» Nach 100 Schicksalsgeschichten, 100 Erklärungen und 1000 Impressionen in fünf Einsatzstunden verliessen die vier Helfenden das Camp, um ihre Reise im Balkan fortzusetzen.

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