Meisterschwanden

Wie viel Geld ist diese Fabrik wert? Der Souverän soll über die Erhaltung entscheiden

Das heute leer stehende Hüetli war im 19. Jahrhundert eine Strohhutfabrik.

Das heute leer stehende Hüetli war im 19. Jahrhundert eine Strohhutfabrik.

Meisterschwanden entscheidet über das Schicksal des Hüetli. Kommt das Alte weg, gibt es Neues in alter Form. Dabei könnte die Gemeinde als «Sponsor» auftreten.

Wie alle Gemeinden am Hallwilersee erlebt Meisterschwanden einen grossen Bauboom. Der Gemeinderat versucht, dämpfend zu wirken, indem er etwa die gemeindeeigene, in Erschliessung begriffene Wiese beim Hüetli in den nächsten Jahren nicht zur Überbauung freigibt. Zuerst soll für dieses Gebiet ein neues Nutzungskonzept erarbeitet werden. Und auch der neue Gestaltungsplan wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

Oder indem der Gemeinderat Gelegenheiten nutzt, um den Liegenschaftsbesitz der Gemeinde zu erweitern. So geht es an der Gemeindeversammlung vom kommenden Mittwoch um den Kauf der «Hofweg 6»-Parzelle, die inklusive Gebäuden eine Million Franken kosten wird. Ebenfalls nächste Woche soll die mehrteilige Gebäudestrategie verabschiedet werden.

Günstige Wohnungen im alten Gemeindehaus

Der Gemeinderat möchte dabei auch erstmals aktive Wohnraumpolitik betreiben. Er schlägt vor, im ehemaligen Gemeindehaus bezahlbaren Wohnraum beispielsweise für junge Erwachsene zu schaffen. Vorerst geht es um einen Planungs- und noch nicht um einen Baukredit. Das Gleiche gilt für die Schulanlage Eggen, deren Nutzung nach dem Auszug der Oberstufe (Sek/Real) neu aufgegleist, und die saniert werden muss. Es wird dereinst ein Baukredit von mehreren Millionen nötig sein.

Allein der Erhalt würde 1,9 Mio Franken kosten

Die grösste Unbekannte der bevorstehenden Gemeindeversammlung ist der Verlauf der Diskussion über das Hüetli. «Wir fragen mit unserem Abbruchantrag die Bevölkerung, was mit dem ehemaligen Fabrikgebäude geschehen soll», erklärt Gemeindepräsident Ueli Haller. «Wir wollen das Vorgehen breit abstützen. Der Souverän soll sagen, ob er dieses Gebäude erhalten möchte.» Aus Sicht des Gemeinderates ist der Fall klar: Das nicht denkmalgeschützte Gebäude soll abgebrochen werden. Es lohne sich nicht, 1,9 Millionen Franken zu investieren. Die Gemeinde würde dabei als eine Art Sponsor auftreten. Denn mit den 1,9 Millionen Franken könnte nur die Substanzerhaltung finanziert werden, für die künftige Nutzung wären weitere grosse Investitionen nötig.

Die Ausgangslage ist anspruchsvoll: Das 1862 erstellte Gebäude ist in den Augen seiner Fans so etwas wie das Mutterhaus der Meisterschwander Strohindustrie. Es ist Teil des Bundesinventars der schützenswerten Ortsbilder (Isos). Ebenso wie das alte Gemeindehaus. Im Isos steht über den ­Aufschwung der Stroh- und Rosshaarflechterei in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts: «Entlang des Dorfbachs ­entstand ein ausgeprägtes Indus­triegebiet mit Fabrikgebäuden, Villen und Arbeiter­häusern. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts arbeiteten annähernd 1000 Menschen in den Betrieben von Meisterschwanden.»

Keine Abbruch-Bedenken in Seniorenzentrum-Phase

Das Hüetli ist in der nachindustriellen Phase lange von Möbel Pfister als Lagerhaus genutzt worden. Dann war es Werkhof der Gemeinde (bis 2018) und an Dritte vermietet. Jetzt steht es leer. Die Gemeinde ist aber als Gebäudeeigentümerin (seit 1983) dafür verantwortlich, was dort passiert. «Wir hatten in den letzten Jahren immer wieder ungebetene Besucher, die im Haus wüteten», erklärt Haller.

Zwischen 2015 und 2017 gab es Pläne für ein Seniorenzen­trum (betreutes Wohnen analog «Casa Hubpünt» in Seengen). Bedenken wegen des Abbruchs des alten Fabrikgebäudes wurden damals wie auch an der Gemeindeversammlung vom 15. November 2015 nie geäussert. Die Realisierung des Seniorenzentrums kam dann aber nicht zu Stande. Das Projekt wurde im Sommer 2017 seitens der Gemeinde beendet.

Im Mai 2018 liess die Gemeinde ein Abbruchgesuch auflegen. Dann gab es erstmals Opposition in Form von Einsprachen. Daraufhin zog der Gemeinderat das Abbruchgesuch zurück und klärte den genauen Aufwand für einen möglichen Erhalt ab.

Um Isos zu genügen, ist ein Hüetli-Paragraf geplant

Das Verfahren wurde nun frisch aufgegleist. Einerseits zeigten die Abklärungen, dass nur für den Erhalt der Bausubstanz ein Betrag von 1,9 Millionen Franken erforderlich wäre. Diese Summe erachtet der Gemeinderat als unverhältnismässig. Er ist aber gewillt, den Anforderungen an das Ortsbild von nationaler Bedeutung Rechnung zu tragen. Daher soll eine neue Bestimmung, ein Hüetli-Paragraf, in die Bau- und Nutzungsordnung (BNO) aufgenommen werden. Mit ihr soll ein künftiger Nutzer des Hüetli-Areals (für die Gemeinde stehen immer noch Alterswohnungen im Vordergrund) verpflichtet werden, die aktuelle Kubatur und Aussenform auch bei einem neuen Gebäude zu berücksichtigen. Die Detailformulierung wird aber nach der Gemeindeversammlung mit den kantonalen Fachstellen ausgearbeitet. Und der Gemeinderat plant, über die Parzelle die Pflicht für einen Gestaltungsplan zu legen.

Der Hüetli-Paragraf soll nach Rechtskraft des Abbruchgesuches der Gemeindeversammlung zur Genehmigung unterbreitet werden.

Autor

Urs Helbling

Urs Helbling

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