Beinwil am See
«Wie eine Entwurzelung» – Aargauer Studentin berichtet über ihre hektische Abreise aus Kanada

Philosphie-Studentin Ann-Kathrin Amstutz aus Beinwil am See musste ihr Austauschjahr in Kanada von einem Tag auf den anderen unterbrechen. Sie gehört zu einer Risikogruppe. Hier erzählt sie von ihrer dramatischen Heimkehr.

Ann-Kathrin Amstutz
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Ann-Kathrin Amstutz musste ihr Austauschjahr in Kanada wegen der Corona-Pandemie abbrechen.

Ann-Kathrin Amstutz musste ihr Austauschjahr in Kanada wegen der Corona-Pandemie abbrechen.

Aargauer Zeitung

«Eigentlich sollte die dicke Schneedecke vor der Tür gerade erst zu schmelzen beginnen», schreibt Ann-Kathrin Amstutz aus Beinwil am See. «Eigentlich sollte das Strassenbild von den hübschen roten Backsteinhäusern dominiert werden, deren Aussentreppen direkt in den zweiten Stock führen. Eigentlich sollte ich durchs Fenster in den Innenhof des E-förmigen Gebäudes blicken, wo ich im Sommer die rostbraunen Murmeltiere und im Winter den Schweregrad des Schneesturms beobachte. Eigentlich sollte ich den Wocheneinkauf im Walmart tätigen, wo die Tiefkühlprodukte spottbillig sind, der fade Käse hingegen unverschämt teuer. Eigentlich sollte ich auf dem Weg ins Sportzentrum das 8000 Zuschauer fassende Football-Stadion passieren, das zur Universität gehört. Eigentlich sollte ich alle Champions-League-Matches verpassen, weil ich um 20.45 Uhr nach mitteleuropäischer Zeit immer in der Vorlesung über Nietzsche sitze. Eigentlich sollten Menschen, denen ich zufällig begegne, Französisch sprechen – nicht das bisweilen hochnäsig klingende Französisch, das in Frankreich gesprochen wird, sondern das kehlige, gemütliche kanadische Französisch. Eigentlich, ja eigentlich sollte ich nicht in der Schweiz sein. Sondern in Québec, der kalten Stadt am Sankt-Lorenz-Strom, die mir in den letzten Monaten so sehr ans Herz gewachsen ist.

Niemand nahm das C-Wort in den Mund

Wer von uns musste in den letzten Wochen nicht Pläne über den Haufen werfen, die schon vor langer Zeit geschmiedet wurden? Wer von uns musste nicht den Lebensrhythmus ändern, die Tagesstruktur anpassen, sich mental ganz neu einstellen? Vermutlich mussten wir das alle tun. So auch ich. Von einem Tag auf den nächsten musste ich mein Austauschjahr in Kanada abbrechen.

Als in der Schweiz schon alle Welt von Covid-19 sprach und die ersten Fälle bekannt wurden, schien das Ganze in Kanada noch weit, weit weg. Niemand nahm das C-Wort in den Mund, das Leben verlief in seinen geordneten Bahnen. Man schrieb die fünfte Semesterwoche und der durchschnittliche Studierende sorgte sich vor allem um die «Mi-Session», die Prüfungen in der Mitte des Semesters. Doch dann begannen die Fallzahlen in Europa zu explodieren, und am 28. Februar wurde auch in Québec der erste Fall bestätigt. Das schien niemanden gross zu beunruhigen. Vielmehr wurde nach den ersten Einschränkungen der Versammlungsfreiheit über abgesagte Home-Partys geschnödet. Auch ich, ich gebe es zu, war anfangs vor allem über vereitelte Sommer-Reisepläne enttäuscht. Ein Roadtrip nach New York, mit dem Zug von der kanadischen Ost- bis an die Westküste, Wandern in den Rocky Mountains – all dies unmöglich. Ans Heimkommen dachte ich keine Sekunde lang.

Was, wenn ich für Monate festsitze?

Dann kam der Tag, an dem in Italien der Grossvater einer guten Freundin infolge einer Covid-19-Infektion starb. Plötzlich war die Bedrohung real. Schlagartig wurde mir bewusst, wie schnell sich die Situation entwickelte, wie sich von einem Tag auf den nächsten alles ändern konnte. Das war 24 Stunden, bevor der Bundesrat die Schliessung aller Schweizer Schulen und Universitäten ankündigte.

Freitag, den 13. März. Ich sitze in meinem Zimmer am Laptop und lese die Nachrichten. Es trifft mich wie ein Hammerschlag: Auch in Québec werden die Bildungseinrichtungen geschlossen – und dies, obwohl die Ausbreitung des Virus jener in Europa um mindestens zwei Wochen hinterherhinkt. Erste Fragen dringen mir ins Bewusstsein: Was bedeutet das nun für mich? Ich könnte hier in Québec bleiben und das Semester online beenden. Doch was, wenn ich nach Ende des Semesters nicht mehr nach Hause zurückkehren könnte? Was, wenn ich selbst krank würde? Könnte ich das hier in meinem Zimmer aussitzen oder wäre ich auf intensivere Pflege angewiesen? Als Typ-1-Diabetikerin gehöre ich zu einer Risikogruppe. Am Abend telefoniere ich mit meinem Freund in der Schweiz und sage ihm, dass mich der Gedanke einer vorzeitigen Rückkehr umtreibt. Er ist sprachlos vor Überraschung. Auch ich selbst kann kaum glauben, was gerade geschieht.

Die erste, die sich für eine Heimkehr entscheidet

Wenige Stunden später sitze ich in Schreckstarre da. Der Rückflug ist gebucht. Zwei Tage bleiben mir. Zwei Tage, um von all meinen Freunden Abschied zu nehmen und vom Leben, das ich mir innert sieben Monaten in Québec aufgebaut habe. Zwei Tage, um mich vom Gedanken zu verabschieden, weitere drei Monate in Kanada zu verbringen. Auch meine Freunde fallen aus allen Wolken: «Was, du reist ab? Was ist denn passiert? Aber nicht etwa wegen des Coronavirus?» Ich bin die Erste unter den Austauschstudierenden in meinem Umfeld, die sich zum drastischen Schritt einer überstürzten Heimkehr entscheidet. Doch ausnahmslos alle werden innert weniger Tage folgen.

Von da an muss ich nur noch funktionieren. Es bleibt keine Zeit für Fragen und Gedanken. In aller Eile den Mietvertrag künden. Ausgeliehene Bilder und Bücher zurückbringen. Ein letztes Mal durch die Strassen der Altstadt spazieren, das trutzige Château Frontenac bewundern und von der Terrasse aus über den Fluss schauen. Die Koffer packen. Ein letztes Mittagessen, einen letzten Abend mit meinen Freunden verbringen.

Ein letzter Sonnenaufgang

Ich finde kaum Schlaf in diesen Nächten. Erinnerungen, Emotionen halten mich wach. Zusammen mit der Ungewissheit, ob mit der Reise alles gutgehen wird. Nachrichten von annullierten Flügen machen die Runde, von in aller Welt Gestrandeten, die kaum mehr nach Hause kommen. Ich habe Angst, für mehrere Monate hier festzusitzen. Abgeschnitten von meiner Familie, meinem Freund und allen anderen Menschen, die mir wichtig sind. Was, wenn es im letzten Moment schiefgeht? Was, wenn der Bus nach Montréal gestrichen wird, wo ich in den Flieger steigen soll? Wenn die Swiss ihre Flugzeuge groundet? Wenn ich mich auf der Reise anstecke? Fragen über Fragen, doch keine Antwort in Sicht.

Mittwoch, den 18. März. Ich erwache noch vor dem frühen Wecker und sehe ein letztes Mal den Sonnenaufgang in Kanada. Dann die Schlüsselabgabe, letzte Abreisevorkehrungen. Ich bin unendlich dankbar, dass mir mein guter Freund Alex mit den zwei schweren Koffern hilft. Der Weg bis zum Busbahnhof ist eine Qual. Die Trottoirs sind mit Schnee und Kieselsteinen bedeckt, die sich in den Rädern der Koffer verfangen. Zum Glück haben wir genug Zeit. Ich lade Alex noch auf einen Tee ein, kann die letzten Minuten in Québec aber nicht richtig geniessen. Zu gross ist die ständige Alarmbereitschaft. Wir verabschieden uns, der Bus fährt ab.

Endlich Zeit, traurig zu sein

Drei Stunden dauert die Fahrt nach Montréal. Zum ersten Mal seit Tagen habe ich Zeit zum Durchschnaufen. Während ich im Bus sitze, landet die Swiss-Maschine in Montréal – sie wird also auch wieder in die Schweiz zurückfliegen. Ein Grossteil des Drucks fällt von mir ab. Ich breche in Tränen aus. Endlich kann ich es mir leisten, traurig zu sein über diese hektische Abreise, die sich wie eine Entwurzelung anfühlt. Natürlich freue ich mich auf zu Hause, auf die lieben Menschen, die mich dort erwarten. Aber in diesem Moment tut es vor allem weh, so überstürzt abreisen zu müssen. Viele Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich nehme Abschied.

Am Flughafen geht alles gut. Von Corona-Stress ist nichts zu spüren, der sonst so geschäftige Flughafen von Montréal ist deutlich ruhiger als bei Normalbetrieb. Auch das Boarding geht ungewohnt zackig. Nicht einmal ein Fünftel der Sitze im Flugzeug ist besetzt. Sobald der Start vorbei ist, herrscht freie Sitzplatzwahl.

Siebeneinhalb Stunden später landen wir in Zürich Kloten. Es ist ein emotionaler Moment. Viel zu früh bin ich zurück auf Schweizer Boden. Ich bin noch mit meinen Gedanken beschäftigt, als ich plötzlich auf eine Menschentraube stosse. Hunderte Menschen stauen sich vor der Skymetro, da nur 50 Personen aufs Mal einsteigen dürfen. Ein logistischer Albtraum, die Abstandsregeln sind unmöglich einzuhalten. Rundum werden Sorgen und hämische Kommentare geäussert. Eine halbe Stunde Wartezeit, dann ist auch das letzte Hindernis überwunden. Ich packe meine Koffer auf einen Wagen und gehe mit klopfendem Herzen auf den Ausgang zu.»