Vor zehn Jahren kämpfte er sich von einer Krebserkrankung zurück in den Alltag, möchte den Lebensmotor wieder im gleich hohen Takt zum «Brummen» bringen wie vor Ausbruch der Krankheit. Doch es harzt mit dieser Absicht. Jörg Kyburz ist damals 46 Jahre alt – und frustriert. Er verarbeitet seine Erfahrungen in einem Buch. «Mir fehlt zu allem einfach die Kraft. Es ist zum Heulen», schreibt er dort. Und weiter: «Tief im Innern weiss ich, dass ich meinen Lebensstil verändern muss.»

Ein Jahrzehnt später hat Jörg Kyburz einen Weg gefunden, sein Leben in neue Bahnen gelenkt. Der ehemalige Kantonspolizist, langjährige «Mister Bareggstau» auf Radio Argovia, Security-Leiter in der Privatwirtschaft, frühere Lokalpolitiker und Präsident des Einwohnerrats Lenzburg hat zurückgefunden in ein aktives, selbstbestimmtes und erfülltes Leben: In einem Teilpensum ist er Geschäftsführer des Gemeindeverbands Lebensraum Lenzburg Seetal. Und mit der Firma KybisView GmbH unterstützt er gemeinsam mit seiner Frau Menschen, mit den An- und Überforderungen des heutigen Lebens- und Arbeitsalltages umzugehen. In seiner Praxis bietet er Workshops und individuelle Betreuung an und benutzt dabei jene Methode, mit der er selber eine neue Work-Life-Balance fand.

Der Schlüssel zu Kyburz’ Erfolg heisst Achtsamkeit. Jörg Kyburz blickt zurück: «Ein Mediziner hat mich auf diese Möglichkeit aufmerksam gemacht, um mit meiner inneren Ungeduld, die einen unglaublichen Stress ausgelöst hat, umzugehen.» Die aus Amerika stammende Praxis war damals in der Schweiz noch kaum bekannt (siehe Box).

Kaum war Jörg Kyburz die Methode vertraut, war ihm klar, dass er mehr wollte, als das Gelernte einfach selber anzuwenden. «Ich wollte Menschen helfen, die sich, genau wie ich damals, im Hamsterrad befinden und keinen Ausweg mehr finden.»

Doch was genau ist unter Achtsamkeit zu verstehen? «Es ist ein Weg der Stressbewältigung, bei dem man lernt, seine eigene Verhaltensweise zu beobachten und situativ zu ändern, bevor es zu spät ist und es zu einem Burnout kommt», erklärt Kyburz. Als Beispiel führt er das Verhalten am Arbeitsplatz an, wo heutzutage viele Menschen Frust in sich hineinfressen, aus Angst, den Job zu verlieren. «Achtsamkeit hilft zu einem der Situation angepassten authentischen und selbstbewussten Handeln.»

Wirtschaft hat Potenzial erkannt

Jörg Kyburz besuchte den ersten Ausbildungslehrgang zum MBSR-Lehrer, den das Zentrum für Achtsamkeit in Zürich anbot. Später absolvierte er auch noch eine Weiterbildung beim geistigen Vater der Achtsamkeit, dem Amerikaner Jon Kabat-Zinn, nach dessen Methode er nun selber praktiziert.

Heute finden längst nicht nur Einzelpersonen den Weg in Kyburz’ Praxis. «KMUS, grössere Firmen, Verbände und Verwaltungen aus der ganzen Schweiz haben erkannt, dass die Kräfte, die Mitarbeitende im suboptimalen Umgang mit ihren Emotionen verbrauchen, extrem viele Ressourcen absorbieren und die Leistungsfähigkeit negativ beeinflussen», sagt er und zieht den Vergleich mit einer Maschine, die immer läuft, aber nie geschmiert wird.

Es ist fast ein wenig Ironie des Schicksals, dass Jörg Kyburz nun als Erster einen CAS-Lehrgang für Achtsamkeit in der Schweiz anbietet. Die Idee reifte in Kyburz und seinen Weggefährten mit der Änderung des Hochschulrahmengesetzes. «Aufbau und Qualität des Kurses entspricht einem Hochschulstandard», erklärt er. Erfolgreiche Absolventen des CAS (Certificate of Advanced Studies) in Achtsamkeit im Alltag und in der Führung erhalten 15 ECTS-Credits.

Hochkarätige Dozenten

Die Kurs-Teilnehmer werden zu Achtsamkeitstrainern im Alltag und in der Führung ausgebildet. «Erfolgreiche Absolventen des Lehrgangs sind fähig, eigene Workshops durchzuführen und Achtsamkeitsübungen in Betrieben anzuleiten», erklärt Kyburz das Ausbildungsziel. Der Lehrgang findet grösstenteils im Zentrum für Achtsamkeit in Lenzburg und an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) Brugg-Windisch statt. An der FHNW war Jörg Kyburz auf Professor Volker Schulte getroffen, der dort mit den Studierenden regelmässig Achtsamkeitsübungen durchführt.

Gemeinsam mit Schulte hat Kyburz das Konzept für das CAS entwickelt. Schulte ist Gesundheitsmanager und Theologe, leitet internationale Forschungsprojekte zum Thema Achtsamkeit und wird nun einer der Hauptdozenten der neuen CAS-Ausbildung. Ein weiterer Hauptreferent wird Professor Christoph Steinebach, Direktor der Angewandten Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und Professor für Rehabilitationspädagogik. Weitere Hauptreferenten sind die Yogalehrerin und ehemalige Gleitschirmflug-Spitzensportlerin Anja Kroll und Kyburz selber.

Wie kann man sich für den Lehrgang qualifizieren? Es gibt keine spezifischen Voraussetzungen für die Ausbildung, erklärt Kyburz. Bewerben kann man sich online unter www.achtsamkeit.swiss. Anschliessend werden die Interessenten zum persönlichen Gespräch eingeladen. Die für Jörg Kyburz die wichtigste Anforderung an Interessenten des CAS in Achtsamkeit ist «die Verpflichtung, das Gelernte regelmässig zu üben und zu verinnerlichen. Unter regelmässig verstehen wir täglich.»