Holderbank

Wie diese Aargauerin ausgegrenzt wurde: «Die jenische Lebensweise war der Schweiz suspekt»

Ursula «Uschi» Waser mit ihrem Jack Russell «Gini» auf dem Arm. Daneben der Transportbefehl, mit welchem das «illegale» Baby ihrer Mutter weggenommen wurde. Der erste Akteneintrag 1953 lautet: «Ein erneuter Ableger der Vaganität.»

Ursula «Uschi» Waser mit ihrem Jack Russell «Gini» auf dem Arm. Daneben der Transportbefehl, mit welchem das «illegale» Baby ihrer Mutter weggenommen wurde. Der erste Akteneintrag 1953 lautet: «Ein erneuter Ableger der Vaganität.»

Als «Kind der Landstrasse» wurde Uschi Waser aus Holderbank ihrer Jugend beraubt. Als Präsidentin der Stiftung Naschet-Jenische kämpft sie seit Jahrzehnten für die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der Schweizer Sozialgeschichte.

«Fecker! – Zigeunerin.» Als die Gspänli ihrer Kollegin auf dem Schulweg unentwegt diesen Schlötterlig anhängten, wurde Uschi Waser erstmals so richtig bewusst, dass sie wohl nicht zu dieser Gesellschaft dazugehörte. Damals war sie 12 Jahre alt.

Uschi Waser war eine sogenannte Illegitime, ein unehelich geborenes Kind. «Illegal» steht denn auch auf dem «Transportbefehl» für Ursula Maria Kollegger, geboren 1952, von Obervaz GR, den der Landjägerposten Samaden (heute Samedan) ein halbes Jahr nach der Geburt der kleinen Uschi ausstellt. Auftraggeber ist die Pro Juventute mit ihrem damaligen «Hilfswerk Kinder der Landstrasse». Zweck des Transports: «Einlieferung in ein Kinderheim.» Der Grund: Uschis jenische Herkunft. «Rund 650 Kinder wurden unter der Schirmherrschaft der Pro Juventute von 1926 bis 1973 ihren Familien entrissen, in Heimen oder Pflegefamilien platziert», sagt Uschi Waser.

Gefährdet waren vor allem Kinder aus ärmlichen Verhältnissen und Kinder von alleinerziehenden Müttern. Oftmals ging das eine mit dem andern einher. Das Ziel der Pro-Juventute-Aktion: Die jenischen Kinder ausserhalb ihrer Herkunftsfamilien zu brauchbaren Gliedern der Gesellschaft zu erziehen. «Die jenische Lebensweise war der Schweiz suspekt. In der damaligen Vorstellung bildeten die Jenischen eine Gefahr für die Gesellschaft», sagt Waser. Die Vorurteile waren tief verankert: Jenische stehlen, sind schmutzig, haben eine liederliche Lebensart.

Am 14. Geburtstag am 26. Ort platziert

Waser hat diese Sätze und ihre persönliche Lebensgeschichte schon unzählige Male erzählt. Und zwar seit sie ihren Kampf für die Rehabilitation einst administrativ Versorgter aufgenommen hat. Mittlerweile dauert der Kampf 35 Jahre. Als Präsidentin der Stiftung Naschet-Jenische setzt sie sich ein für die Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels Schweizer Sozialgeschichte. Als Vertreterin der Jenischen sass Uschi Waser am runden Tisch, den der Bundesrat 2014 zur Aufarbeitung der fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen in der Schweiz vor 1981 eingesetzt hatte (Text am Schluss).

Wenn die heute 67-jährige Uschi Waser ihre persönliche Geschichte erzählt, so ist kaum vorstellbar, dass so etwas hierzulande überhaupt einmal möglich war. Uschi Waser wurde um ihre Jugendjahre beraubt. Sie hat sich jedoch nicht unterkriegen lassen, sondern sich mutig ein eigenes Leben zurückerkämpft. Ihr Kampfgeist war stärker als jede Wut und Bitterkeit.

Auch heute noch ist der Blick der Seniorin wach, hängt interessiert am Gegenüber. Zum Gespräch hat sie in ihr Zuhause in Holderbank eingeladen. Im Dachstock eines Wohn- und Geschäftshauses in Holderbank haben sie und ihr Mann sich ein behagliches Daheim gebaut. An einer Wand hängt ein riesiges Bild mit zwei Engelskindern, die sich umarmen. Vor sich auf dem Tisch und in Schachteln am Boden stapeln sich Dokumente – alles handfeste Beweise von Wasers schier unglaublicher Lebensgeschichte.

Bis zu ihrem 18. Lebensjahr wurde die junge Ursula hin- und hergeschoben, von Ort zu Ort gereicht in Heime und Pflegefamilien in der halben Schweiz. Am 14. Geburtstag wurde sie am 26. Ort platziert. Gebrochen haben die schwierigen Lebensumstände die junge Uschi nie. Auch der Missbrauch durch den Stiefvater nicht. «Meine Träume und meine Hoffnungen blieben davon unberührt. Der Glaube, dass es einmal besser werden wird, war stärker», erzählt sie. Zwei Töchter hat Uschi Waser grossgezogen, beide sind verheiratet und haben eigene Familien.

«Urseli ist ein typisches Vagantenkind»

Vor der grössten Zerreissprobe stand Uschi Waser, als sie als 37-Jährige endlich Einblick in ihr Dossier erhielt. Die «Akte Ursula Kollegger» umfasste 3500 Seiten und wog 25 Kilogramm. Die Aufzeichnungen, erzählt sie, hätten ihre schlimmsten Vorstellungen überstiegen. «Etwas Menschenverachtenderes als der Inhalt dieser Dokumente gibt es nicht.»

Waser hält einen kurzen Moment inne, blickt auf die Schachteln neben sich. Sie sind gefüllt mit Papierseiten. Und dabei ist es nur ein Bruchteil der Originalakten. «Eine solche Kröte muss man erst schlucken», sagt sie und nimmt einige Blätter zur Hand. Da steht: «Ein neuer Ableger der Vaganität.» Das ist der erste Eintrag im Jahr 1953, die kleine Ursula ist damals vier Monate alt. Später wird über die Zweijährige festgehalten: «Eine Zeit lang probierte sie uns abzuschleichen. Wir haben uns gesagt, dass ihr das im Blute liege. Wir mussten recht streng werden, bis es aufhörte.»

Im gleichen Stil gehen die Einträge weiter. «Urseli ist ein typisches Vagantenkind mit all der Liebenswürdigkeit, aber auch den unangenehmen Seiten dieser Kinder», steht über die Fünfjährige geschrieben. Als Uschi sieben ist, heisst es: «Sie hat es ausserordentlich auf die Buben abgesehen.»

Akteneinsicht löste Suizidgedanken aus

Was Uschi Waser da zu lesen bekam, habe ihr buchstäblich den Boden unter den Füssen weggezogen, sagt sie. Hatten die schwierigen Lebensumstände der Frohnatur Uschi Wasers bisher nichts anhaben können, so sei sie nun psychisch ins Bodenlose geschlittert. «Ich wurde tagelang regelrecht von Weinkrämpfen geschüttelt.» Uschi dachte gar daran, aus dem Leben auszusteigen. Doch die Sorge um ihre beiden minderjährigen Töchter hielt sie vor der Tat zurück. Des Nachts ging Waser also weiterhin ihrer Arbeit als Nachtwache in einem Pflegeheim nach, tagsüber weinte sie.

Am Ende hat sie die Kurve wieder gekriegt. Aus eigener Kraft. «Ich habe einen Vertrag mit mir selber abgeschlossen. Ich wollte mir endlich meinen Berufswunsch erfüllen, den ich als Jugendliche hatte.» Hebamme oder Kinderkrankenschwester wäre sie gerne geworden. Stattdessen zwang man sie zu einer Ausbildung als Damenschneiderin. Jetzt aber gab ihr «ein kleines Inserätli in einem Heftli» eine neue berufliche Perspektive. Dort wurde die Ausbildung zur Spielgruppenleiterin angeboten. Uschi Waser zögerte keinen Moment, machte nebst dem Job die Ausbildung zur Spielgruppenleiterin und fand schliesslich ihre berufliche Erfüllung.

Noch heute als Pensionärin leitet sie Spielgruppen in der Region. Manchmal, wenn sie die kleinen Knirpse beobachtet, gehen ihr Gedanken an ihre Akteneinträge durch den Kopf. «Mein Gott, was über die kleine Ursula in diesem Alter schon alles niedergeschrieben worden war.»

Als sie wieder einigermassen auf den eigenen Füssen stehen konnte, kehrte auch Wasers Kampfgeist zurück. Sie fing an, sich für die Rehabilitation der «Kinder der Landstrasse» einzusetzen. 2014 setzte der Bundesrat eine unabhängige Expertenkommission (UEK) ein, um die administrativen Versorgungen in der Schweiz, die bis Anfang der 1980er-Jahre andauerten, aufzuarbeiten. Uschi Waser sass mit am runden Tisch. Und sie hat sich starkgemacht, dass der organisierte Kinderraub der Pro Juventute in die Schulbücher aufgenommen wird. «Wir sind auf guten Wegen», zeigt sie sich zufrieden.

Uschi Wasers Kampf dauert nun schon 35 Jahre. Die Präsidentin der Stiftung Naschet-Jenische hat viel erreicht. Doch in einem ist sie bisher auf Granit gestossen. Der sexuelle Missbrauch der Landstrassen-Kinder ist bis jetzt ein Tabu geblieben. «Selbst die Kirche ist daran, das Kapitel aufzuarbeiten. Doch die offizielle Schweiz hat das Thema bisher verdrängt.» Waser ärgert sich und gibt sich gleichzeitig entschlossen. «Ich werde nicht ‹lugg› lassen und weiterkämpfen. Doch es muss bald etwas passieren», gibt sich die 67-Jährige etwas ungeduldig. «Mir werden wohl kaum weitere 35 Jahre Zeit bleiben, um mich um die Sache zu kümmern.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1