Urteil
Wie dem Gericht im Fall Rupperswil eine Besonderheit gelingt

Das Bezirksgericht Lenzburg schliesst einen der aufsehenerregendsten Mordprozesse der Schweiz ab. Dem Gericht gelingt im Fall Rupperswil eine Besonderheit: Alle Parteien kommentieren das Urteil mit Erleichterung.

Andreas Maurer und Mario Fuchs
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Thomas N. während des Urteils: Kühl und distanziert, wie während des ganzen Prozesses.
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Er wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit anschliessender ordentlicher Verwahrung verurteilt.
Das öffentliche Interesse an dem Fall war gross.
Die Journalisten brachten sich früh in Position, darunter auch der AZ Gerichtszeichner Marco Tancredi.
Vierfachmord Rupperswil: Das war der Freitag
Die Staatsanwältin Barbara Loppacher hatte eine lebenslange Verwahrung gefordert. Trotzdem war sie mit dem Urteil zufrieden.
Markus Leimbacher, der Anwalt der Eltern und Grosseltern von drei Opfern aus einer Familie, war mit dem Urteil ebenfalls zufrieden.
Er hat seine Partnerin und zwei Stiefsöhne verloren: Georg Metger bedankte sich nach dem Urteil bei den Medien für die zurückhaltende Berichterstattung.
Renate Senn war die Pflichtverteidigerin von Thomas N. Sie wurde dafür kritisiert, dass sie den Opfern in ihrem Plädoyer quasi eine Mitschuld gab.
Susanne Nielen, Leiterin Opferhilfe Aargau-Solothurn hat während des ganzen Prozesses die anwesenden Opferfamilien betreut

Thomas N. während des Urteils: Kühl und distanziert, wie während des ganzen Prozesses.

Marco Tancredi

Gerichtspräsident Daniel Aeschbach haut mit seinem Holzhammer viermal auf den Resonanzkörper. Die Urteilsverkündung ist eröffnet. Der Richter gibt mit seinen Hammerschlägen, die aus einer vermeintlich längst vergangenen Zeit stammen, den Takt einer emotionalen Woche vor. Zum Soundtrack gehört das Rauschen der Laptop-Tastaturen, das die 65 Journalisten bei jedem markanten Satz anschwellen lassen. Bei manchen Aussagen des Vierfachmörders geht ein Raunen durch die Zuschauerreihen. Dazwischen rascheln die Taschentücher, mit denen Tränen getrocknet werden.

Richter Aeschbach zählt die neun Anklagepunkte auf, welche die unfassbare Tat zumindest juristisch fassbar machen: von Mord bis Brandstiftung. In allen Punkten wird er für schuldig erklärt. Das Gericht verhängt die härteste Strafe des Gesetzbuches, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, und die zweithärteste mögliche Massnahme, eine ordentliche Verwahrung.
Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass Thomas N. im Gefängnis sterben wird. Nach 15 Jahren ist bei guter Führung eine bedingte Entlassung möglich, wobei die zwei bisherigen Haftjahre angerechnet werden. Doch dann beginnt für N. die Verwahrung. Er wird nur entlassen, wenn Psychiater ihn nicht mehr als Gefahr für die Gesellschaft einstufen.

Opfer wurden «geschächtet»

Gerichtspräsident Aeschbach beschreibt, wie die Tat ihren Lauf nahm: «Es war, wie wenn sich N. in ein Fahrzeug setzte, bei dem er zuvor die Bremsen entfernt hatte, und dann den Autopiloten einschaltete. Er fuhr auf den Highway des Grauens und beschleunigte langsam von null auf tausend.» Ein Adverb genügt nicht zur Beschreibung. Er habe kaltblütig getötet, primitiv und krass egoistisch, mitleid- und empathiefrei. Besonders grausam sei, was Simona (†21) als Letztes in ihrem Leben gesehen habe: die Hinrichtung ihres Freundes, mit dem sie zuvor die Nacht verbracht hatte. Aeschbach kommentiert die vier Tötungen durch Kehlenschnitte: «Die Opfer wurden regelrecht geschächtet.»

Aeschbach lässt die Momente nach der Tat Revue passieren: «Er ging duschen und anschliessend mit seiner Mutter und den Hunden spazieren. Am Abend ging er mit Freunden in den Ausgang.»

Die Tat war drei Tage vor Weihnachten. In N. habe es in dieser Zeit wieder «gerattert», sagt Aeschbach. Der Täter habe die nächste Tat geplant. Er habe sie sogar optimieren wollen und sich deshalb Seile für die Fesselung besorgt. Einer der Brüder hatte sich von den Kabelbindern befreien können. Dann schnitt ihm N. die Kehle durch. Das Gericht sieht wie die Gutachter Anzeichen einer Serientäterschaft und stuft auch die Vorbereitungshandlungen für ähnliche Verbrechen in den Kantonen Solothurn und Bern als strafbar ein.

Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.
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Festgenommen wurde Thomas N. am 13. Mai 2016, fast 5 Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
Dieses Bild zeigt Thomas N. als Betreuer an einem Fussballspiel im April 2016, rund vier Monate nach der Tat.
13. März 2013: Thomas N. am ersten Prozesstag – so sieht ihn AZ-Zeichner Marco Tancredi.
Immer wieder stützt Thomas N. am Prozess seinen Kopf auf der Hand auf.
Am ersten Prozesstag wird Thomas N. vom Gericht befragt. «Mein Sexualleben ist im Gefängnis nicht vorhanden», sagt er etwa.
Er habe um seine Pädophilie gewusst und entsprechende Pornografie konsumiert. Kinder zu begehren, ist falsch. Und ich habe mir erfolgreich eingeredet, diese Videos würden auch bestehen, wenn ich sie nicht anschauen würde.»
Er habe um seine Pädophilie gewusst und entsprechende Pornografie konsumiert. Kinder zu begehren, ist falsch. Und ich habe mir erfolgreich eingeredet, diese Videos würden auch bestehen, wenn ich sie nicht anschauen würde.»
Thomas N. wird vor den Medien abgeschirmt Nach dem ersten Prozesstag verlässt ein ziviles Polizeifahrzeug der Kantonspolizei Aargau die Tiefgarage der Mobilen Einsatzpolizei in Schafisheim, wo der Prozesstag stattfindet. Die Polizei fährt Thomas N. zurück ins Zentralgefängnis Lenzburg. Nach dem Prozess wird er zurück in die Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf ZH gebracht.
Im Schlusswort am Mittwoch, dem zweiten Prozesstag, sagt er zu den Hinterbliebenen: «Es tut mir leid. Entschuldigung.»
Thomas N. und seine Verteidigerin am letzten Prozesstag, an dem das Urteil verkündet wird.
Das Urteil: Schuldig in allen Anklagepunkten, lebenslängliche Freiheitsstrafe, ordentliche Verwahrung, stationäre vollzugsbegleitende therapeutische Massnahme.

Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren. Die Junioren, ihre Familien und die Vereinsmitglieder sind geschockt.

ZVG

Dass das fünfköpfige Gericht bei der Freiheitsstrafe die Höchststrafe wählt, ist nicht überraschend. Verteidigerin Senn forderte 18 statt 20 Jahre und machte strafmildernd geltend, dass Behörden und Medien ihren Klienten vorverurteilt hätten und «ihm die Opfer in die Karten gespielt» hätten. Sie hätten sich einfach manipulieren lassen. Dieses Argument sorgte diese Woche für den Gipfel der Empörung. Sogar das Gericht tadelt sie dafür: «Es erscheint bizarr-grotesk, die Schuld den Opfern oder der Polizei zuzuschieben.»

Das Gericht ist gespalten

Die grosse juristische Frage, welche noch weitere Instanzen beschäftigen könnte, ist jene nach der Verwahrung. Gemäss Präsident Aeschbach ist das Bezirksgericht diesbezüglich gespalten. Voraussetzung für eine lebenslängliche Verwahrung ist, dass zwei Gutachter den Täter als untherapierbar einstufen. Die Psychiater diagnostizierten N. eine Kernpädophilie und eine zwanghafte oder narzisstische Persönlichkeitsstörung. Damit erklären sie den sexuellen Übergriff auf den Buben, N.s Hauptmotiv. Danach habe er die Familie getötet, um die Tat zu vertuschen. Das sei typisch für einen Narzissten: Um sich selber vor einem Gesichtsverlust zu bewahren, tötet er vier Menschen.

Staatsanwältin Barbara Loppacher hingegen sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen der Diagnose und den Tötungen. So hat sie N. kurzerhand für untherapierbar erklärt und eine lebenslängliche Verwahrung gefordert.

Präsident Aeschbach sagt, das Gericht habe das Argument der Staatsanwältin einstimmig als interessant eingestuft. Doch eine Mehrheit habe es nicht statthaft gefunden, dass sie Rosinen herauspicke. Sie hätte ihre Erklärung den Gutachtern vorlegen müssen, was sie aber wohl bewusst nicht getan habe.

Aeschbach beendet die Urteilsverkündung mit vier Hammerschlägen. An den ersten beiden Prozesstagen war die Pause dazwischen kurz. Für das Finale hält er zwischen jedem Schlag kurz inne. Danach geht das Geratter los. Die Selfiesticks werden ausgefahren. Vor den Mikrofonen entsteht Gedränge. Eine Journalistin von «20 Minuten» hat sich zwar einen Platz in der ersten Reihe besetzt, doch sie wird weggeschubst. «Wie Hühner», ruft sie.

Urteil im Rupperswil-Prozess – die Reaktionen von Beteiligten und Rechtsexperten:

Natalie Rickli, SVP «Die Richter haben das Maximum aus dem Strafgesetzbuch herausgeholt. Das Urteil ist richtig und fair – der Rechtsstaat funktioniert. Trotzdem braucht es im Verwahrungsgesetz Anpassungen. Die Hürden für eine lebenslange Verwahrung sind heute zu hoch und für die Entlassungen aus der ordentlichen Verwahrung zu tief. Zudem braucht es für skrupellose Täter wie jener von Rupperswil eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, ohne die Möglichkeit einer bedingten Entlassung.»
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Ruedi Hediger, Ammann Rupperswil «Ich bin glücklich, dass das Bezirksgericht Lenzburg das höchstmögliche Strafmass gefunden hat. Das ist sehr positiv zu beurteilen. Heute ist mir als Gemeindeammann und wohl auch den meisten Einwohnerinnen und Einwohnern von Rupperswil ein kleiner Stein vom Herzen gefallen. Dieses brutale, kaltblütige Verbrechen konnte zumindest juristisch gesühnt werden. Das ist beruhigend und entlastet die ganze Stimmung ein wenig.»
Georg Metger, Angehöriger «Ich danke den Medien für ihre zurückhaltende Berichterstattung in diesem schwierigen Prozess. Und ich bin dankbar, dass die Zeitungen die schlimmen Passagen aus der Anklageschrift nicht eins zu eins abgedruckt haben. Für uns Angehörige war es eine ganz schwierige Zeit. Ich bin sehr froh, dass der Prozess nun vorbei ist. Ich habe gehofft, dass dieser Mensch nie mehr auf freien Fuss kommt und eine Verwahrung ausgesprochen wird. Deshalb bin ich zufrieden mit dem Urteil.»
Matthias Fricker, Anwalt «Ich habe den Prozess verfolgt und aufgrund dessen, was ich gelesen habe, ist es wohl ein korrektes Urteil. Speziell ist, dass eine lebenslängliche Freiheitsstrafe und eine ordentliche Verwahrung ausgesprochen wurden. Man fährt also quasi zweigleisig. Einige Bobachter sind enttäuscht, dass es nicht zur lebenslangen Verwahrung kommt. Trotzdem hat die Verwahrungsinitiative etwas bewirkt. Das Pendel hat umgeschlagen. Heute werden härtere Urteile gefällt als etwa in den 80er-Jahren.»
Valentin Landmann, Anwalt «Ich finde das Urteil sorgfältig durchdacht und angemessen. Man hat immer von Therapierbarkeit gesprochen. Aber wenn der Täter ein gebrochenes Bein hat, ist er auch therapierbar. Das ändert nichts an der Rückfallgefahr. Es heisst, er habe eine narzisstische Persönlichkeit. Das haben bei uns über die Hälfte der Politiker, aber nicht die Hälfte der Politiker schlachtet Leute ab. Weil eine Behandelbarkeit allerdings nicht ausgeschlossen werden kann, ist eine lebenslängliche Verwahrung nicht möglich.»
Dieter Egli, Polizeiverband «Der Fall hat in der Kantonspolizei Aargau Spuren hinterlassen. Die Informationen aus dem Prozess haben nun gezeigt, dass man bei der Aufklärung sehr gut und effizient gearbeitet hat. Im Korps sieht man sich bestätigt und ist sehr froh darüber, dass man durch die Verhaftung weitere schlimme Verbrechen verhindern konnte. Als Polizeiverband kommentieren wir das Urteil nicht.»
Urteil im Rupperswil-Prozess: Das sind die Reaktionen

Natalie Rickli, SVP «Die Richter haben das Maximum aus dem Strafgesetzbuch herausgeholt. Das Urteil ist richtig und fair – der Rechtsstaat funktioniert. Trotzdem braucht es im Verwahrungsgesetz Anpassungen. Die Hürden für eine lebenslange Verwahrung sind heute zu hoch und für die Entlassungen aus der ordentlichen Verwahrung zu tief. Zudem braucht es für skrupellose Täter wie jener von Rupperswil eine lebenslängliche Freiheitsstrafe, ohne die Möglichkeit einer bedingten Entlassung.»

KEYSTONE/ALESSANDRO DELLA VALLE

Alle sind erleichtert

Staatsanwältin Barbara Loppacher tritt vor die Handykameras: «Unser Ziel war, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe zu bekommen. Das ist gelungen.» Dass sie mit ihrem Antrag für eine lebenslängliche Verwahrung nicht durchgekommen ist, scheint sie zu akzeptieren: «Der Täter bleibt sicher längere Zeit, wo er jetzt ist. Ich denke, das ist gut so. Ich bin überzeugt, dass dieser Mann sehr, sehr gefährlich ist, und ich glaube nicht, dass die ambulante Massnahme daran etwas ändern wird.» Deshalb sei der Entscheid des Bezirksgerichts richtig. Die Erleichterung sei gross: «Sehr viele Leute bei der Polizei und bei der Staatsanwaltschaft haben akribisch auf diesen Tag hingearbeitet, wochenlang, monatelang.»

Auch Verteidigerin Senn gewinnt dem «harten Urteil» Positives ab. Die Verwahrung sei zwar «schwer nachzuvollziehen». Doch ihr Klient sei «sehr glücklich», endlich eine Therapie zu erhalten. Ob sie das Urteil anficht, liess sie offen. Sie könnte fordern, dass therapeutische Massnahmen genügen würden. Das Gericht entschied sich dagegen, da dabei ein Therapieerfolg in weniger als fünf Jahren realistisch sein müsste. Dies sei nicht der Fall.
Die Opferanwälte äussern sich ebenfalls erleichtert. Zum Beispiel Markus Leimbacher: «Für die Opferfamilien war wichtig, dass das Gericht einen Weg findet, damit der Täter nie mehr freikommt. Das dürfte mit der ordentlichen Verwahrung sichergestellt sein.» Die Anwälte danken sogar den Medien, für die «sorgfältige Berichterstattung». Dabei sind es die Opfer, die bei diesem Prozess zu kurz gekommen sind. Der Täter stand im Zentrum. Zu jedem Hammerschlag wurde seine Reaktion notiert.