Lenzburg

Widerstand gegen Mehrfamilienhaus für sieben Millionen – auch wegen der Kinder

Die Villa im Garten (Bildmitte) an der Ecke Stadtgässli/Grabenweg soll einem Mehrfamilienhaus weichen. Hohe schmale Bauprofile zeigen die Dimensionen des Neubaus. San

Die Villa im Garten (Bildmitte) an der Ecke Stadtgässli/Grabenweg soll einem Mehrfamilienhaus weichen. Hohe schmale Bauprofile zeigen die Dimensionen des Neubaus. San

Gegen ein geplantes Bauvorhaben in Lenzburger Altstadtnähe macht sich Opposition breit – die Stadt habe wenig Augenmass, heisst es. Auch in der Politik ärgert man sich über das Projekt.

Noch bis am 14. Januar liegt auf dem Bauamt Lenzburg ein Baugesuch auf, das schon jetzt für rote Köpfe sorgt. Die Villa des einstigen Lenzburger Unternehmers Kurt Schäfer an zentraler Lage beim Metzgplatz (Ecke Stadtgässli/Grabenweg) muss weichen. An deren Stelle soll für gut sieben Millionen Franken ein modernes Mehrfamilienhaus mit Gewerbe gebaut werden – 17 Wohnungen und einer Tief- garage mit 26 Autoeinstellplätzen sowie zwei oberirdischen Abstellplätzen. Als Bauherr tritt das «Konsortium Grabenweg» auf mit Adresse bei der KMP Architektur AG in Wettingen. KMP Architektur AG hat das Projekt verfasst.

Anwohner geht es um die Kinder

Noch währenddem das Projekt aufliegt, werden Stimmen gegen das Bauvorhaben laut: Stein des Anstosses sind sowohl der geplante Bau in der Ringzone wie auch die Tiefgarage. Laut den Bauplänen führt die Zu- und Wegfahrt über den Grabenweg. Das missfällt vielen, auch Nachbar Bruno Keller. Kellers Haus, in dessen Erdgeschoss der heute 84-Jährige jahrzehntelang eine Metallbauwerkstatt betrieb, grenzt direkt an das nun in der öffentlichen Diskussion stehende Grundstück. Keller hat gegen die Erschliessung der Tiefgarage via Grabenweg Einwendung gemacht.

Er macht sich Sorgen um die Sicherheit der unzähligen Passanten, die tagtäglich den Grabenweg frequentieren. Zu Fuss und mit dem Fahrrad. «Unter den Fussgängern hat es viele Kindergarten- und Schulkinder», gibt er zu bedenken. Unter diesem Gesichtspunkt erscheine ihm die vorgesehene Garageein- und Ausfahrt in den Grabenweg unverantwortlich. Dabei betont Keller, «als ehemaliger Handwerker kein Bauverhinderer zu sein», doch das Projekt gehe zu weit: Das Aufkommen von 26 Autos mache den vielbegangenen Weg in Zukunft zu gefährlich, findet Keller.

Am Gartenzaun bei der geplanten Einfahrt in die Tiefgarage hat Bruno Keller ein Plakat mit den Plänen angebracht – und seine Telefonnummer hinterlegt. «Ich wollte mit jemandem über das geplante Projekt diskutieren», begründet der Senior sein Vorgehen. Die Flut an Reaktionen hat ihn dann allerdings gehörig überrascht, der kleine Aushang am Gartenzaun habe eine regelrechte Lawine ausgelöst. Bruno Keller: «Alle sagten dasselbe: ‹Das isch ja de Wahnsinn›.» Die Folge: rund 50 Unterzeichner, die sich mit einer Sammeleinwendung gegen das Projekt wenden wollen. Keller rechtfertigt seine Schritte: «Ich wohne seit 40 Jahren hier. Es geht mir nur um die vielen Kinder, die täglich den Grabenweg benutzen. Ich hätte keine Ruhe gehabt, wenn ich nichts unternommen hätte.»

Politiker geht es um Richtlinien

Doch nicht nur direkte Anwohner nehmen Anstoss am Bauvorhaben, auch in der Politik macht sich Opposition gegen den geplanten Bau breit. Dort ärgert man sich zusätzlich über die Dimension des Projekts. GLP-Einwohnerrat Martin Geissmann spricht von einem «massiven Eingriff in den Ortsbildcharakter». Geissmann zeigt sich befremdet über die Auslegung der gültigen Bau- und Nutzungsordnung (BNO). (Diese befindet sich derzeit in Revision. Anm. Red.). Die aktuelle BNO sage wenig zu Ausnützung und Gebäudeabständen aus, der Gemeinderat habe viel Spielraum und könne die Projekte nach eigenem Gutdünken bewilligen.

Doch was die Bauweise in der Ringzone anbelange – zu der das Grundstück gehört – seien die BNO-Vorgaben deutlich, hält Geissmann fest und zitiert den gültigen Paragrafen: «Bauliche Erneuerungen und die Schliessung von Baulücken haben sich gut in das bestehende historische Ortsbild einzuordnen und dürfen insbesondere den Charakter der Altstadt und der weiteren Schutzzonen nicht beeinträchtigen.» Diese Auflagen seien beim vorliegenden Projekt nicht erfüllt, beanstandet Geissmann. «Eine Einbindung findet nicht statt und der Charakter der Ecke Stadtgässli/Grabenweg wird massiv verändert.»

Martin Geissmann, der selber im Quartier wohnt, dessen Familie den Weg durch den Graben in die Stadt, zur Schule und zum Bahnhof ebenfalls täglich zu Fuss und mit dem Fahrrad nutzt, nimmt kein Blatt vor den Mund. «Die Stadt lässt bei diesem Projekt an dieser exponierten Lage das richtige Augenmass vermissen», kritisiert er. Seine Anfrage an den Stadtrat wurde seines Erachtens unzureichend beantwortet. Der Stadtrat halte sich bedeckt und wolle anscheinend am Stadtgässli zusätzlich zum geplanten Neubau «Hächlerhaus» auch hier einen möglichst grossen Wohnblock haben, sagt Geissmann (siehe separaten Text). Auf jeden Fall werde das Thema auf dem politischen Weg weiterverfolgt. Geissmann hofft, dass das Projekt nochmals unter Einhaltung der Vorgaben überarbeitet wird und der Stadtrat vor dem Entscheid zur neuen BNO nicht noch mehr Fakten schafft. Für den grünliberalen Einwohnerrat kommt nur eine Baute infrage, die sich in das bestehende historische Ortsbild beim Metzgplatz einordnet. «Wie in der BNO vorgegeben.»

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