Politikerlöhne
«Wer Chef einer Gemeinde ist, muss besser verdienen als seine Angestellten»

Sein Körper sandte ihm Signale aus, kürzer zu treten: Weil der ehemalige Beinwiler Gemeindeammann Hans Schärer beim Job nicht reduzieren konnte, verzichtete er auf das Amt. Nun erklärt er, weshalb es mit mehr Lohn auch hätte anders kommen können.

Daniel Fuchs
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Da war Hans Schärer noch FDP-Gemeindeammann von Beinwil am See (Archiv).

Da war Hans Schärer noch FDP-Gemeindeammann von Beinwil am See (Archiv).

Fritz Thut

Herr Schärer, Sie traten 2009 von Ihrem Amt als Gemeindeammann von Beinwil am See überraschenderweise zurück. Weshalb?

Hans Schärer: Im Frühling 2009 hatte ich eigentlich noch vor, eine weitere Amtsperiode anzuhängen. Doch fing mein Körper zu rebellieren an. Das 100-Prozent-Pensum im Aussendienst und die wöchentlich zusätzlichen 20 bis 25 Stunden für das Amt nagten nach acht Amtsjahren an meiner physischen Verfassung.

Was genau geschah?

Vorerst nicht viel. Doch befürchtete ich ernsthaft, an einem Burnout zu erkranken. So konnte ich etwa während einer gewissen Zeit nicht mehr gut schlafen.

Spielten auch finanzielle Überlegungen eine Rolle?

Nein. Das Amt als Gemeindeammann übt man aus Überzeugung aus - und nicht des Geldes wegen.

Sie entschieden sich voll und ganz für Ihren Beruf bei einer Versicherungsgesellschaft – einem gut bezahlten Job also. Wieviel verdienten Sie als Gemeindeammann überhaupt?

Das Grundsalär betrug 24'000 Franken. Dazu kamen Sitzungsgelder, deren Höhe sich je nach Anzahl Sitzungen auf 500 bis 1000 Franken pro Jahr beliefen. Der Anteil an Autospesen war minim.

Dann standen also doch finanzielle Überlegungen hinter Ihrem Rücktritt.

Nein, so einfach ist es nicht. In meiner Funktion als Grosskundenbetreuer im Aussendienst gab es schlicht keine Möglichkeit, das Pensum zu reduzieren. Hätte ich reduzieren können, dann hätte ich möglicherweise als Gemeindeammann weitergemacht. Aber bei einer Vollzeit-Anstellung und vier bis fünf Sitzungen pro Woche wurde die Belastung schlicht zu hoch.

Der Rücktritt von einem Exekutivamt aus finanziellen Gründen bleibt für viele Politiker ein Tabu. Die Präsidentin der bernischen Gemeinde Kirchlindach brach es, als sie ihren Rücktritt bekannt gab und die tiefen Saläre thematisierte.

Es handelt sich dabei um ein spezifisches Problem bei Politikern, die ihren wirklichen Beruf in Teilzeit ausüben. Heutzutage sind dies vorwiegend Frauen. Jemand, der neben seinem politischen Amt in Vollzeit arbeitet oder sein Pensum auf 80 Prozent reduziert, hat keine oder fast keine finanziellen Einbussen. Bei solchen Leuten – ich gehöre dazu – stellt sich eine andere Frage: Sind sie noch bereit, bei einer 45 Stunden-Woche ihre Freizeit für ein Trinkgeld zu opfern?

Doch stellen die Arbeitgeber ihren Arbeitnehmern nicht Arbeitszeit für die Ausübung ihrer politischen Engagements zur Verfügung?

Das stimmt. Dafür muss im Normalfall ein Teil des Salärs dem Arbeitgeber abgegeben werden. In meinem Fall war es ein Viertel. Doch nutzte ich etwas mehr als einen Viertel der Arbeitszeit für die Ausübung meines Amtes.

Machte Ihr Arbeitgeber Druck, dass Sie von Ihrem Amt absehen?

Nein, überhaupt nicht. Ich holte die Bewilligung ja ein, bevor ich überhaupt zum ersten Mal ins Amt gewählt wurde.

Wagen wir ein Gedankenspiel: Das Amt des Gemeindeammanns in Beinwil am See ist ein Vollzeitamt und gleich gut bezahlt wie ein vergleichbarer Job auf dem Arbeitsmarkt. Hätten Sie noch einmal als Gemeindeammann kandidiert?

Hätte ich die Wahl zwischen zwei gleich gut bezahlten Jobs gehabt, dann hätte ich mich für das Amt als Gemeindeammann entschieden.

Das ist das Ende des Schweizerischen Milizsystems.

Wäre das so schlimm? Sehen Sie: Wer Chef ist, muss doch besser verdienen als seine Angestellten. Ich halte das System, wie es in der Ostschweiz häufig praktiziert wird, für ein praktikables System. Mancherorts wird die Stelle als Gemeindepräsident dort ausgeschrieben. So sollten wir das auch im Kanton Aargau handhaben. Machen wir es nicht, dann schwächen wir die Führung der Gemeinden immer mehr. Ich befürchte einen Stillstand.

Man könnte zu einem Trick greifen um das Milizsystem zu retten und zum Beispiel die Spesen statt die Löhne erhöhen.

Das halte ich für keine gute Idee. Es müsste sich unbedingt um ein ordentliches, steuerpflichtiges Einkommen handeln. Es ist zum Beispiel denkbar, das Amt des Gemeindepräsidenten vollzeitig zu entlöhnen und die restlichen Mitglieder des Gemeinderats als Miliz-Politiker arbeiten zu lassen.

Hätten Sie nicht während Ihrer Amtszeit versuchen können, Ihr Salär zu erhöhen.

Das darf man nie tun. Versucht ein Politiker nur ansatzweise, sich selber Vorteile zu verschaffen, dann muss er zurücktreten.

Dann bleibt es an der Bevölkerung, von selber auf die Idee zu kommen?

Es handelt sich doch um einen laufenden Prozess. Man muss die Diskussion reifen lassen und geduldig sein. Noch hat die Bevölkerung leider zu grosse Angst vor höheren Ausgaben, die mit einer Professionalisierung der politischen Führung auf Gemeindeebene einhergehen würde. Doch eine seriöse Kosten-Nutzen-Rechnung würde zeigen: Eine professionelle Führung einer Gemeinde würde sich lohnen.

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