Beinwil am See
Wenn Maschinenbau-Profis ein Hobby suchen: Komm, wir bauen einen Doppeldecker!

Samuel und Hansueli Gautschi aus Beinwil am See haben zehn Jahre lang und 4000 Arbeitsstunden an ihrem Traum gebaut. Jetzt fliegt der nur 478 Kilogramm schwere «Hatz»-Doppeldecker.

Samuel Schumacher
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Hansueli Gautschi (links) hat mit seinem Sohn Samuel in über 4000 Arbeitsstunden einen Doppeldecker gebaut.

Hansueli Gautschi (links) hat mit seinem Sohn Samuel in über 4000 Arbeitsstunden einen Doppeldecker gebaut.

Samuel Schumacher

Als Samuel Gautschi den blau-cremefarbenen Doppeldecker 600 Meter über dem Hallwilersee in die Höhe reisst und zum Looping ansetzt, kommt es mir urplötzlich wieder in den Sinn: Das Flugzeug, in dem wir sitzen, hat der 35-jährige Hobbypilot selber gebaut, zusammen mit seinem Vater Hansueli, in der Werkstatt daheim in Beinwil am See. Für einen kurzen Moment steht der Doppeldecker Kopf, über uns der glitzernde Hallwilersee, unter uns der blaue Himmel. Zehn Jahre lang haben Vater und Sohn an ihrem «Hatz»-Doppeldecker gelötet, gebohrt, geplant, geschraubt, ihn getestet und schliesslich stolz bestaunt. Knapp 4500 Arbeitsstunden haben sie Seite an Seite gewirkt.

Der pure Wahnsinn, was die beiden Maschinenbau-Profis in ihrer Freizeit geleistet haben. Und dieser pure Wahnsinn hält und fliegt tatsächlich. Samuel Gautschi zieht den Looping durch. Ich kralle mich an meinem Sitz fest. Dann glitzert unter uns wieder der See, über uns der blaue Himmel, rund um uns herum «die schönste Hatz der Welt», wie Samuel Gautschi den Flieger nennt.

Puzzle-Spiel und die «Impfung»

2004 hatten sie sich die Baupläne gekauft, dann gings los. «Das Ganze war wie ein riesiges Puzzle-Spiel», sagt Hansueli. Tausende kleine Projekte standen an. Samuel, der Reisser und Handwerker, und Hansueli, der Planer und Techniker, standen mindestens zwei Abende in der Woche und etliche Samstage zusammen in der Werkstatt. Bis auf ein paar wenige Komponenten haben die Gautschis alle Teile ihrer «Hatz» – eines Doppeldecker-Modells, das in den 1960ern in den USA entworfen wurde – selber gebaut, manche sogar mit eigenhändig konstruierten Maschinen.

Die Idee für das ungewöhnliche Projekt kam von Samuel. «Ich habe früher zwar ab und zu Modellflugzeuge gebaut, habe aber immer ziemlich schnell aufgegeben, wenn sie abgestürzt sind.» Die gemeinsame Reise mit dem Vater nach England zu verschiedenen Flugzeugbauern und Air-Shows im Jahr 2001 hat in ihm aber etwas ausgelöst, ihn «geimpft», wie er sagt. Und als er an einem Frühlingsabend seinen Vater fragte, ob er nicht gemeinsam mit ihm einen Doppeldecker bauen wolle, nahm alles seinen Lauf.

«Dieses Flugzeug war irgendwie in uns drin, es ist wie ein Teil von uns», erzählt Samuel. Der Doppeldecker hatte oft höchste Priorität, die Familie musste häufig auf die beiden angefressenen Flugzeugbauer verzichten, wie so viele Familien auf die Angefressenen in ihren Kreisen verzichten müssen. Nur dass die Angefressenen in diesem Fall eben nicht mit einer Märklin-Bahn spielten oder an einem Töffli mechten, sondern ein richtiges Flugzeug bauten, das dereinst mit 150 km/h durch die Lüfte rauschen sollte.

Am 11. Juni 2014 war es dann endlich so weit. Der Doppeldecker war fertiggebaut und die Experten der Experimental Aircraft Association of Switzerland und das Bundesamt für Zivilluftfahrt, die das Doppeldecker-Projekt als sachverständige Überwacher von Anfang an begleiteten, gaben grünes Licht. Dem Jungfernflug der Gautschi-Hatz stand nichts mehr im Weg.

Todeskrämpfe beim Jungfernflug

Als der ausgebildete Privatpilot Samuel auf dem Flugplatz Beromünster aufs grasige Rollfeld hinausfuhr, raste ihm das Herz. «Ich wusste, wenn ich jetzt Vollgas gebe, dann heisst das: alles oder nichts.» Trotz den vielen Flugstunden, die er absolviert hatte und der intensiven mentalen Vorbereitung auf den Jungfernflug: Das Flugzeug, das die beiden in ihrer heimischen Werkstatt zusammenbauten, gibts weltweit in dieser Form nur einmal, viele Details weichen von den Bauplänen ab. Dass der Doppeldecker fliegt, war nach all den Tests zwar abzusehen. Wie gut sich das handgemachte Flugzeug mit seinen 7,8 Metern Spannweite und einer Rumpflänge von knapp 6 Metern aber steuern lassen würde, das wusste niemand. «Ich startete dann einfach durch und hob ab», sagt Samuel. «Und ich hatte Todeskrämpfe und wahnsinnig Angst um den Sohn und das Flugzeug», sagt Hansueli, der den Jungfernflug vom Flugfeldrand aus beobachtete.

Das Flugzeug flog bestens und am 1. Juli 2015 erhielten die Gautschis schliesslich auch die definitive Flugbewilligung vom Bundesamt für Zivilluftfahrt. Ein Ordner voller Testresultate und eine selbstverfasste, 70 Seiten lange Bedienungsanleitung waren dazu nötig.

Der Traum vom England-Flug

Gelohnt haben sich die tausenden unbezahlten Arbeitsstunden aber trotz dem umfangreichen Papierkrieg zum Schluss. «Die Arbeit am Flugzeug, das war für mich ein purer Genuss, wie ein gutes Glas Wein, einfach zehn Jahre lang», sagt Hansueli. Und Samuel? Der hat nebst seiner Freude am Flugzeugbauen definitiv auch die Freude am Fliegen entdeckt und sich zum Kunstflugpiloten weiterbilden lassen. Er darf jetzt auch Loopings fliegen, Schrauben drehen und beim Kunstflug die letzte Kraft aus dem 150-PS-Sternmotor herauskitzeln. Das Flugzeug hat die entsprechende Zulassung erhalten.

Der Traum des Doppeldecker-Duos: mit ihrem wunderschönen Erstling an jenes Oldtimer-Fliegertreffen in England fliegen, das sie vor inzwischen 15 Jahren schon einmal besuchten und an dem Samuel seine «Impfung» erhielt. Wer weiss, mit welcher Wahnsinns-Flause die beiden dann nach Hause zurückkehren.

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