1935, die Schrecknisse und Vernichtungskatastrophen der nahen Zukunft bahnten sich in immer schnelleren Schritten an, zog sich der junge Schweizer Kunstmaler Willie Fries aus Wattwil (SG) in ein winziges Bauernhaus zurück und schuf bis 1944 einen kühnen 18-teiligen Bilderzyklus. Darin verlegte er die Passion Jesu ins Toggenburg und erfüllte damit die biblische Leidenserzählung mit heimatlicher Aktualität und betonte in einer kriegerischen Zeit die Eigenverantwortung der Gesellschaft und des Menschen.

Knapp 40 Jahre später schrieb der aus Unterwasser (SG) stammende Komponist Peter Roth eine Musik zum Bilderzyklus und schuf so die «Toggenburger Passion». Die reformierte Kirchgemeinde Holderbank-Möriken-Wildegg bringt das Werk für Chor, zwei Solisten und Kammerorchester an diesem Wochenende in der Kirche von Möriken zur Aufführung.

Appell an Mut und Menschlichkeit

Die «Toggenburger Passion» ist ein musikalisches Ausnahmeereignis. Peter Roth hielt sich bei seiner Komposition eng an die Grundidee des Malers und seiner Passionsbilder und lässt geistliche und volkstümliche Musik auf faszinierende Weise ineinander verschmelzen. Dabei wird das Hackbrett, in Möriken gespielt von Monika Ender, zum Angelpunkt dieser musikalischen Erzählung, die eindringlich von der Verspottung und der Isolation des Jesus berichtet und seinen Appell an Mut und Menschlichkeit unterstreicht. Mühelos und betörend gestalten sich die Übergänge von chorischen Psalmgesängen zu traulichen Schottisch und Ländler.

Im Unterschied zu anderen Passionen endet die «Toggenburger Passion» nicht mit der Kreuzigung des Menschensohnes, sondern mit Pfingsten und setzt einen hymnisch-feierlichen und versöhnlichen Schlusspunkt. Wie Sonnenstrahlen, die durch Wolken brechen, erklingt in der Kirche von Möriken die helle und luzide Sopranstimme von Solistin Andrea Hofstetter und verbindet sich mit den Chorstimmen zu einer abschliessenden Preisung der Empathie.

Viele Einheimische im Chor

Der Musiker und Musikschullehrer Markus Fankhauser aus Möriken dirigiert den Ad-hoc-Chor, der aus 46 Sängerinnen und Sängern besteht. Für ihn liege die Faszination der «Toggenburger Passion» in ihrem Abwechslungsreichtum, sagt er am Rande einer Probe. «Insbesondere die Besetzung des Orchesters findet man im kammermusikalischen Bereich sonst nicht.» Für ihn sei die Direktion der Passion eine grosse Herausforderung, die ihm aber viel Freude bereite. «Viele der Chormitglieder sind aus Möriken-Wildegg selbst. Auch das war ein Grund für mich, die Aufgabe zu übernehmen. Denn diese Besetzung wird es so wahrscheinlich nicht mehr geben.»