Es ist vorhersehbar – irgendwann brauchen Vater oder Mutter Pflege. Doch wenn dieser Moment tatsächlich da ist, trifft er die meisten Familien wie ein Schlag: Die Kinder realisieren, dass ein Leben ihrer Eltern in den eigenen vier Wänden ohne Hilfe nicht mehr möglich ist. Plötzlich stehen Fragen im Raum wie: Wer soll sich kümmern? Wo gibt es Platz?

«Für die Familie beginnt eine schwierige Phase, wenn Eltern intensivere Betreuung brauchen», sagt Verena Meyer. Für die Abteilungsleiterin im Alters- und Pflegezentrum Länzerthus in Rupperswil gehören diese Prozesse zum beruflichen Alltag. Und doch fühlt sie mit den Betroffenen jedes Mal mit.

Persönlich steht nämlich auch sie als Tochter einer zunehmend dement werdenden Mutter mit ihrer Familie vor denselben Problemen, welche die Kinder der «Länzerthus»-Bewohner zu bewältigen haben.

Meyer weiss, dass oftmals die Frage nach geeigneten Betreuungsmöglichkeiten für die Mutter oder den Vater die ganze Familie vor eine schwierige Aufgabe stellt. Da die Kinder heutzutage selber berufstätig sind, können sie den elterlichen Erwartungen an Unterstützung aus der eigenen Familie kaum gerecht werden.

Vorwürfe lasten schwer

Und hier beginnt für Verena Meyer das Dilemma und die grosse Belastungsprobe für alle: «Die Familienkulturen sind häufig von Idealen geprägt, die sich mit den heutigen Lebensmustern kaum vereinbaren lassen.»

Das Altersheim als neues Daheim für Vater oder Mutter bleibt daher oft die einzige Lösung. Eltern, die jedoch auf einen Lebensabend in den eigenen vier Wänden gehofft hatten, sind in diesem Moment verständlicherweise enttäuscht. Das Unverständnis über die unerfüllten Hoffnungen macht sich breit und kann, so weiss Meyer aus ihrem langjährigen Berufsalltag, zu schweren Vorwürfen an die Adresse der Kinder führen.

Die Jungen reagieren betroffen, wenn es plötzlich heisst: Sie wollen mich abschieben und aus dem Haus haben. Oder: Sie wollen ja nur an mein Geld. Ein derartiges Verhalten ist man sich von den Eltern nicht gewohnt. Verena Meyer nickt verständnisvoll: «Man hat ein Mutter- oder Vaterbild im Kopf, das nun plötzlich nicht mehr passt. Das gilt es anzunehmen. Doch sind Äusserungen dieser Art von Vater oder Mutter für die Kinder ein Schock, können für sie gar zu einer Gewissensfrage werden.»

Die neue Rolle der Kinder

In solchen Momenten die eigenen Emotionen im Zaum zu halten, ist nicht so einfach. Fachfrau Verena Meyer ergeht es nicht anders als andern Familien: «Im Berufsalltag fällt es mir einfach, sachlich zu bleiben und für die Situation Verständnis zu haben.» Hingegen schaue sie als Tochter hilflos der Veränderung der eigenen Mutter zu. Eine Neuorientierung steht an. Gemeinsam mit ihren Geschwistern versucht die berufstätige Pflegefachfrau, den Prozess zu bewältigen.

Klar ist: Mit dem Altwerden beginnen sich die Rollen zwischen den Eltern und Kindern zu verändern. Die nun hilfsbedürftigen Eltern werden von ihren Söhnen und Töchtern abhängig. Diese Rollenumkehr und die Erwartungshaltungen bergen grosses Potenzial für Konflikte und Schuldgefühle, ist man sich im Alters- und Pflegeheim Länzerthus bewusst – erlebt die Konsequenzen fast täglich.

Die Beziehungen zwischen erwachsenen Kindern und ihren alten Eltern ist mit steigender Abhängigkeit ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt, weiss auch Bettina Ugolini, Leiterin der Beratungsstelle «Leben im Alter» am Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich. Ugolini kommt ins «Länzerthus» und spricht über die Beziehung der Generationen im Spannungsfeld von Hoffnungen, Erwartungen und Enttäuschungen.