Meisterschwanden, Seengen und Staufen: Die drei aktuellen Steuerparadiese im haben letztes Jahr trotz des niedrigen Steuerfusses allesamt mehr Steuergelder eingenommen, als sie budgetiert hatten. Jedenfalls, wenn man auch die Sondersteuern (Nachsteuern und Bussen, Grundstückgewinnsteuern, Erbschafts- und Schenkungssteuern sowie Hundesteuern) und nicht nur die Allgemeinen Gemeindesteuern (Einkommens- und Vermögenssteuern, Quellensteuer und Aktiensteuern) berücksichtigt.

Interessant ist zu sehen, welche Rolle die Grundstückgewinnsteuern und die Nachsteuern spielen. Grundsätzlich gibt es für die Einleitung des Nachsteuerverfahrens zwei mögliche Gründe: Entweder eine Veranlagung ist zu Unrecht unterblieben oder eine rechtskräftige Veranlagung ist unvollständig ausgefallen. Dies, weil den Steuerbehörden die entsprechenden Tatsachen oder Beweismittel unbekannt waren. Der zweite mögliche Grund: Eine Veranlagung ist wegen eines Verbrechens oder Vergehens gegen die Steuerbehörden unterblieben oder unvollständig ausgefallen. Ein beträchtlicher Teil der anfallenden Nachsteuern geht auf die seit 2010 bestehende Möglichkeit der straflosen Selbstanzeige zurück.

In den letzten Jahren war eine massive Zunahme der Selbstanzeigen zu verzeichnen, denn seit 2018 müssen die EU-Banken den Schweizer Steuerbehörden Kontodaten von Personen liefern, die in der Schweiz steuerpflichtig sind – und die Schweizer Banken umgekehrt den EU-Staaten Daten von im EU-Raum steuerpflichtigen Personen. Dies aufgrund des 2015 in Brüssel unterzeichneten Abkommens über den automatischen Informationsaustausch.

Die Angst vor solchen Meldungen aus dem Ausland hat zahlreiche Steuerpflichtige dazu veranlasst, Selbstanzeige zu machen und bisher nicht deklarierte Vermögenswerte im Ausland den kantonalen Steuerverwaltungen bekannt zu geben. Grossteils scheint es dabei um Liegenschaften im Ausland zu gehen. Deren Schweizer Besitzer sind in der Regel vermögend und haben ihr Steuerdomizil aus naheliegenden Gründen vorzugsweise in Gemeinden mit extrem niedrigem Steuerfuss gelegt.

Ein «grosser Fisch»

Von den aktuellen «Top 5» im Aargau liegen drei in der Region Lenzburg. In Meisterschwanden (Steuerfuss 2018: 65 Prozent, 2019 unverändert) gingen insgesamt rund 9,19 Mio. Franken an Steuergeldern ein; gegenüber dem budgetierten Ertrag bedeutet dies ein kleines Plus von rund 70'000 Franken (+ 0,8 Prozent). Dass ein positiver Gesamtertrag resultierte, obschon das Budgetziel bei den Allgemeinen Gemeindesteuern verpasst wurde, verdankt Meisterschwanden hauptsächlich dem Ertrag bei den Nachsteuern und Bussen (rund 284'000 statt 10'000 Franken) sowie jenem bei den Grundstückgewinnsteuern (rund 390'000 statt 300'000 Franken).

Die Gemeinde selber hält auf ihrer Website ausdrücklich fest, dass das Ergebnis bei den Sondersteuern «aufgrund eines Nachsteuerfalls» klar übertroffen werden konnte. Sprich: Ein einzelner Steuerzahler dürfte Nachsteuern in der Grössenordnung von einer Viertelmillion bezahlt haben. Da geht es wohl um etwas mehr als ein kleines Ferienhäuschen im französischen Jura, das bisher am Fiskus vorbeigeschleust wurde ...

Seengen: sechs Fälle

In Seengen (Steuerfuss 2018: 77 Prozent, 2019 unverändert), wo der Steuerertrag insgesamt (rund 10,9 Mio. Franken) um 988'000 Franken (9,95 Prozent) über dem budgetierten Wert lag, gab es bei den Grundstückgewinnsteuern sogar ein absolutes Rekordergebnis (630'000 Franken statt der budgetierten rund 243 000 Franken). Aber auch in Seengen trugen die Nachsteuern massgeblich zum guten Ergebnis bei: Die eingegangenen 197'000 Franken übertrafen den budgetierten Wert um fast 177'000 Franken. Verantwortlich dafür waren nach Angaben der Gemeinde sechs Fälle. Ergibt im Schnitt fast 30'000 Franken pro Fall.

Nachsteuer-Ertrag 571 Franken

Ein wenig anders präsentiert sich die Situation in Staufen. Wobei anzumerken ist, dass Staufen erst mit dem Budget 2019 den Status eines Steuerparadieses der Spitzenklasse erreichte. Der aktuell gültige Steuerfuss von 76 Prozent (2018 lag dieser noch bei 86 Prozent) ist gleichbedeutend mit Rang 5 im Kanton. Zum Vergleich: Meisterschwanden liegt auf Rang 2, Seengen auf Rang 6. Die Plätze 1 und 3 nehmen Oberwil-Lieli und Geltwil ein, Rang 4 Unterlunkhofen. Staufen erzielte letztes Jahr einen Steuerertrag von rund 8,24 Mio. Franken. Die Budget-Erwartung wurde damit um 536'000 Franken (+ 7 Prozent) übertroffen. Die Grundstückgewinnsteuern und die Nachsteuern trugen in Staufen aber nicht zum guten Steuerertrag bei. Im Gegenteil: Das Budgetziel bei den Grundstückgewinnsteuern wurde um gut 23'000 Franken verpasst. Und bei den Nachsteuern und Bussen schauten gerade mal 571 Franken heraus. Budgetiert gewesen waren 10'000 Franken.

Staufner in der Warteschlaufe

Allerdings dürfte es in der Staufner Kasse mit ein wenig Verzögerung auch noch klingeln. Wie die Gemeinde auf ihrer Website deutlich macht, wurde das Kantonale Steueramt beziehungsweise die Sektion Nachsteuern und Bussen wegen des automatischen Informationsaustausches geradezu mit Bearbeitungsaufträgen überschwemmt. Leider, liest man, habe für die Gemeinde Staufen erst ein einziger Auftrag abgeschlossen werden können. Ende 2018 waren aber noch weitere Fälle pendent, die sich in der Rechnung 2019 niederschlagen sollten. Zudem gilt für Staufen: «Viele straffreie Selbstanzeigen konnten wiederum mittels Korrekturverfahren erledigt werden und erscheinen daher nicht in den Nachsteuern und Bussen, sondern in den ordentlichen Steuereinkünften.»