Lenzburg

Was soll das mit der Lyrik?

Lesung und Gespräch am Samstagnachmittag unter der Moderation von Martin Zingg mit Nora Bossong, Sabine Gruber und Klaus Merz (v.l.).

Lesung und Gespräch am Samstagnachmittag unter der Moderation von Martin Zingg mit Nora Bossong, Sabine Gruber und Klaus Merz (v.l.).

Das Lyrikfestival Neonfische, organisiert vom Aargauer Literaturhaus Lenzburg, beschäftigte sich auch mit der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Dichtung.

Um sich selbst drehen kann man sich so lange, bis einem schwindelig wird. Und ein wenig darüber hinaus. Man torkelt dann, antriebsvergessen, durch verschwimmende Eindrücke, bis einem, ohnmächtig jetzt, die Realität ihren harten Boden entgegenschleudert.

Dieser Gefahr der übersteigerten Selbstbeschäftigung ist mitunter auch die Lyrik ausgesetzt. Wer sich selbst nicht zu den Eingeweihten zählt im Zirkel der sprachspielenden Schöpfer und Geniesser, kann sich bei der Frage nach der Relevanz und dem gesellschaftlichen Potenzial von Dichtung allenfalls nur entgeistert am Kopf kratzen. Was soll das alles?, lautet die stumme Frage.

Was das alles soll, dies zeigte unter anderem das Aargauer Literaturhaus Lenzburg mit seinem Lyrikfestival Neonfische am Samstag und am Sonntag. Über 20 Dichterinnen und Dichter aus Deutschland, Österreich und der Schweiz waren geladen, um in Werkstattlesungen ihre Texte vorzustellen und gemeinsam mit dem Publikum einen erhellenden Zugang zu finden in die verzweigten, oft erratischen Sprachgebilde.

Behutsamer Umgang mit Lyrik

Die Autoren gaben in den Lesungen im Müllerhaus Einblicke in die Entstehungsgeschichte ihrer Werke, verorteten diese biografisch und topografisch. Die Zuhörer stellten Verständnisfragen oder brachten ganz einfach ihre Begeisterung über die Sprachschöpfungen zum Ausdruck.

Aus Wien angereist war die Schriftstellerin Sabine Gruber. Sie lobte die Organisation des Festivals und den behutsamen Umgang mit Lyrik, der nach ihrem Eindruck in Lenzburg gepflegt werde. «Es ist mutig, ein solches Festival zu veranstalten, bedenkt man, dass die Lyrik immer mehr ins Hintertreffen gerät. Sie hat nicht so eine laute Stimme wie die Prosadichtung, wie Romane.»

Bewusstsein für den anderen Blick

Da war sie wieder, die Frage nach der Relevanz von Dichtung. Konkret akzentuiert wurde sie ein erstes Mal vom Aargauer Dichter Klaus Merz am Samstagnachmittag während der Werkstattlesung zusammen mit Sabine Gruber und der deutschen Autorin Nora Bossong. Zuversicht habe ihn gepackt, so Merz, als er sich mit den Texten von Gruber und Bossong beschäftigt habe. «Man kann sich ja schon fragen, weshalb wir uns beim derzeitigen Weltgeschehen mit Lyrik befassen.» Doch Gedichte könnten, das sei ihr ureigenes Wirkpotenzial, den Blick auf die Sprache, die Wörter richten. Nach Klaus Merz ist es entscheidend, dass das Bewusstsein für diesen «anderen Blick», der sich Gedanken über die Sprache, ihre Handhabung und ihre Funktion macht, nicht erlischt.

Damit nun ist man wieder bei der Selbstbeschäftigung der Lyrik angelangt, die während des Festivals mindestens eine so entscheidende Rolle gespielt hat, wie die Klärung der Frage nach der Relevanz von Dichtung. Der Anagramm-Workshop vom Samstagmorgen, bei dem sich auch das Publikum dichterisch betätigen durfte, darf als bestes Beispiel für diese Selbstbeschäftigung dienen. Anagramme, als Worte oder Sätze, die aus dem Buchstabenangebot eines gegebenen Wortes oder Satzes gebildet sind, illustrieren die Verwandlungskraft der Sprache eindrücklich und oft amüsant.

Die Frage der Relevanz von Dichtung und die Beschäftigung der Dichtung mit sich selbst, dies legte das Lyrikfestival offen, sind eng miteinander verknüpft. Bei der Beschäftigung mit Lyrik kann einem vor lauter Selbstverweisen schwindelig werden. Im besten Falle aber schafft es die Lyrik, einen Blick zu fördern, mit dem auch die Wirklichkeit neu und anders bewältigt werden kann.

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