Seon
Warum die Seoner im Dorf gratis Bus fahren dürfen

Wer in Seon mit dem Bus vom Bahnhof zum Hallenbad fährt, bekommt ein «Strichli» statt ein Billett. Ein Kuriosum auf dem Netz vom Regionalbus Lenzburg.

Pascal Meier
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Ein Fahrzeug des Regionalbus Lenzburg fährt vor dem Hallenbad Seon vorbei.

Ein Fahrzeug des Regionalbus Lenzburg fährt vor dem Hallenbad Seon vorbei.

Pascal Meier

In Seon müssen Chauffeure vom Regionalbus Lenzburg (RBL) noch mehr auf der Hut sein als anderswo. Steigt ein Fahrgast beim Seoner Bahnhof ein und vor dem Hallenbad wieder aus, muss der Chauffeur das bemerken und auf einer Liste ein «Strichli» machen. Denn die Seoner Bevölkerung darf im Dorf gratis den Bus nutzen. Statt ein Ticket in die Hand gibts ein «Strichli» auf der Liste.

Die Rechnung zahlt dann die Gemeindekasse: Der RBL verrechnet Seon einen Kollektivpreis von 72 Rappen pro Fahrt. Ein günstiger Preis gegenüber den Fr. 2.20, die ein Kurzstrecken-Billett am Automaten kostet.

Dieses Modell ist einzigartig auf dem RBL-Streckennetz. Eingeführt wurde es am 1. Januar 1989. Das Team der Seoner Gemeindeverwaltung hat für die az in den Archiven gewühlt und den entsprechenden Gemeinderatsbeschluss gefunden.

Warum die kostenlosen Busfahrten damals eingeführt wurden, steht jedoch nicht in den Unterlagen. Der heutige Gemeindeammann Heinz Bürki vermutet, dass man damit den öffentlichen Verkehr fördern wollte. «Unsere Vorgänger wollten damit wohl auch den Individualverkehr im Dorf reduzieren», sagt Bürki.

Rund 15 Jahre nach der Einführung wird das Angebot immer noch rege genutzt: 2015 verrechnete der RBL der Gemeinde Seon knapp 15 000 Franken. Das sind etwa 21 000 Fahrten. Oder pro Tag 57. Zum Vergleich: Seon zählt derzeit etwa 5000 Einwohner. Den Gratis-Bus in der Gemeinde nutzen laut RBL vor allem Schüler. Hinzu kommen Senioren, die nicht mehr gut zu Fuss sind. Und andere Seoner, die den Bus statt das Auto zum Einkaufen nutzen.

Klares Votum für den Bus

Der Gratis-Bus im Dorf ist also beliebt. Das zeigte sich am vergangenen Freitag an der Gemeindeversammlung: Der Gemeinderat wollte sparen und strich 18 000 Franken für die kostenlosen Busfahrten aus dem Budget 2017. Die Versammlung machte dies per Antrag jedoch rückgängig.

«Sparen ist richtig, aber hier ist es am falschen Ort», war vor der Versammlung im Online-Gästebuch der Gemeinde zu lesen. Oder: «Diese Massnahme trifft in erster Linie Schulkinder und Personen, die nicht so gut zu Fuss sind.» An der Versammlung sagte dann eine Seonerin: «Ist der Bus nicht mehr gratis, könnte das Problem mit den Elterntaxis vor unseren Schulen noch mehr zunehmen.»

Das Nein kam auch für den Gemeinderat nicht unerwartet: Schon vor zehn Jahren wollte er den kostenlosen Bus wegsparen – und unterlag. Am Freitag merkte man Gemeindeammann Heinz Bürki zudem an, dass er – trotz Sparwille – Sympathie für das kostenlose Busangebot hat. Der Gemeinderat habe lediglich dort zu sparen versucht, wo es nicht so weh tut, sagte Bürki.

Schüler lernen den öV kennen

René Bossard, Geschäftsführer der Regionalbus Lenzburg AG, freut den Entscheid der Gemeindeversammlung. «Unser Angebot wird in Seon offensichtlich geschätzt.» Von diesem profitiere zudem auch der RBL: «Es ist toll, dass eine Gemeinde uns finanziell unterstützt», so Bossard. «Zudem lernen all jene Schüler, die den Bus nehmen, den öffentlichen Verkehr kennen. Das sind unsere zukünftigen Fahrgäste.»

Doch bewährt sich das System auch im Alltag der Chauffeure? Ist eine «Strichli»-Liste im Zeitalter von Online-Tickets und Smartphone-Apps noch zeitgemäss? «Für uns ist das eine pragmatischste Lösung», sagt Bossard. «Die Strichli-Liste ist einfacher als eine spezielle Mehrfahrtenkarte oder eine elektronische Erfassung.» Der RBL nehme damit auch in Kauf, dass nicht jeder Seoner Fahrgast erfasst wird.