Polly Schneider aus Ermensee und ihr Lagottohund Wakiro lieben sich über alles. Sie sind unzertrennlich, auch in der Nacht. Das hat einen weiteren Grund, denn Polly Schneider ist Diabetikerin und braucht jemanden, der sie in der Nacht auf ihre Unterzuckerung aufmerksam macht. Dafür könnte sie einfach ihren Wecker stellen. Lieber ist es ihr, wenn Wakiro sie weckt, damit sie ihre Zuckerration sofort zu sich nehmen kann.

Nur mit dem Wecken klappts noch nicht zu richtig. Statt zu bellen, fixiert der hübsche Vierbeiner seine Meisterin. Am Tag ist das eine Hilfe, doch in der Dunkelheit hilfts wenig.

Ein halbes Jahr in der Schule

Im Assistenzhundezentrum von Sandra Lindenmann in Dürrenäsch lernt Wakiro nachts zu bellen. Seit bald einem halben Jahr besuchen er und Polly Schneider die Schule. Im Januar müssen sie eine dreitätige Prüfung ablegen. Die Prüfung wird von einem deutschen Hundezentrum abgenommen, in der auch Sandra Lindenmann ihre Trainerausbildung absolviert hat. In der Schweiz sind solche Schulen kaum bekannt.

«Es ist schöner, einen Hund selbst auszubilden, als einen Ausgebildeten zu kaufen», sagt Sandra Lindenmann, während sie ihren zweijährigen Golden Retriver-Rüde Weyne liebevoll über den Rücken streichelt. «Das fördert die Bindung zwischen Mensch und Tier und ist ein einmaliges Erlebnis für alle.» Für Kinder, die ihre Schule besuchen, hat sie ein spezielles Programm: Sie dürfen Zirkusstücke mit ihren Hunden üben. «Die Kinder sind stolz, wenn sie etwas mit ihren Hunden erreichen.»

Während der Ausbildung werden die Tiere nicht nur auf die Diabetes-Krankheit ausgerichtet. Sie lernen Gehorsam und Verhaltensregeln. Ihre Besitzer machen sich mit Gesetzgebung, Ernährung und Hygiene ihrer Lieblinge vertraut. «Es ist toll zu sehen, wie Teilnehmer, die anfänglich an ihrem Können gezweifelt haben, Fortschritte machen.»

Hunde holen Notfallspritze

Sandra Lindenmann weiss, wie sie mit Hunden und Diabetiker umgehen soll. Sie arbeitete lange als Pflegerin und ist Pflegemutter und Mutter von drei Kindern. Weyne wurde zum Begleithund für ihre jüngste behinderte Tochter ausgebildet.

Die feine Wahrnehmung und Sensibilität von Hunden faszinieren Sandra Lindenmann. Dank ihrem feinen Geruchssinn würden Diabetiker-Warnhunde die Unterzuckerung ihrer Besitzer riechen. Ihre Hilfe ist unterschiedlich. Sie machen Betroffene darauf aufmerksam, solange diese noch in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Sie holen das Blutzuckermessgerät, Traubenzucker oder die Notfallspritze, die stets auf der Kommode parat liegt.

Es gibt auch Hunde, die Lichtschalter betätigen oder bei allein lebenden Diabetikern einen speziell installierten Notschalter betätigen. Liegt ein Diabetiker im Koma, holen die Hunde sofort Unterstützung. Sandra Lindenmann erzählt eine Geschichte über Waiko, dem Hund ihrer Schülerin Polly Schneider. Er befand sich mit dem Ehemann von Polly Schneider auf einem Spaziergang und wurde plötzlich unruhig. Waiko drängte nach Haus, seine Besitzerin brauchte dringend Hilfe.

Nicht alle Hunde eignen sich für die Ausbildung, sagt Sandra Lindenmann. Keinesfalls sollte er ängstlich oder aggressiv sein. Deshalb sei ein Labrador besser als ein Kampfhund. Und nicht alle Hunde lernen gleich schnell. «Über eine Leberwurst geht jedoch alles», sagt sie und lacht. Rüde Weyne siehts auch so. Erwartungsfreudig wedelt er mit seinem Schwanz.