Bezirksgericht Lenzburg
Waghalsiges Manöver auf der Autobahn: 70-Jähriger erhält 15 Monate Gefängnis

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilt einen Renter wegen eines waghalsigen Überholmanövers auf der Autobahn A1 bei Lenzburg.

Janine Gloor
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Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte einen 70-Jährigen zu 15 Monaten Gefängnis.

Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte einen 70-Jährigen zu 15 Monaten Gefängnis.

Chris Iseli

Es war ein Überholmanöver auf der Autobahn, das Markus (alle Name geändert) vor das Bezirksgericht Lenzburg führte. Kein gewöhnliches Überholmanöver, das ist schon am Strafmass abzulesen. Die Staatsanwaltschaft beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten, sowie eine Busse von 5000 Franken.

Der Straftatbestand lautet «qualifizierte grobe Verletzung der Verkehrsregeln durch waghalsiges Überholen». «Waghalsig» ist ein Wort, das an Cowboys erinnert, die stehend auf galoppierenden Pferden herumreiten. Was Markus vorgeworfen wurde, erinnert auch an einen Stunt aus einem Film.

Autonummer gemerkt und Anzeige gemacht

Zeuge Fritz war mit seinem Lieferwagen nach der Büez auf der A1 in Richtung Bern unterwegs. Er fuhr auf der Normalspur, irgendwo nach Lenzburg beschloss er, einen Lastwagen zu überholen. «Ich schaute in den Rückspiegel und sah ein blaues Auto weit hinter mir auf der Überholspur», sagte Fritz aus. Nach einem zweiten Kontrollblick entschied er sich, dass der Abstand zum blauen Auto immer noch gross genug war.

Er verliess die Normalspur und «erchlüpfte» gewaltig: «Als ich auf der Höhe des Lastwagenanhängers war, überholte mich links das blaue Auto», sagte Fritz. Die Autobahn ist an dieser Stelle zweispurig, das blaue Auto fuhr zwischen dem Lieferwagen von Fritz und der Mittelleitplanke. Fritz war in der Mitte eingeklemmt. «Ich ging sofort vom Gas.» Er merkte sich die Autonummer des blauen Autos und zeigte den Fahrer an. «Dieses Verhalten ist lebensgefährlich», sagte er.

«Wer sagt denn, dass die Zeugen sich nicht kennen?»

Neben Fritz hat auch ein zweiter Zeuge, Christian, das Überholmanöver mitbekommen. Er wurde einige hundert Meter vor dem Dreier-Manöver von Markus rechts überholt und behielt das blaue Auto im Blick. «Plötzlich sah ich, dass drei Autos nebeneinander auf der Autobahn waren.» Es habe gestaubt, das blaue Auto sei auf dem Dreckstreifen neben der Mittelleitplanke gefahren.

Nach den Zeugen ist Markus dran. Das habe sich alles ganz anders abgespielt, sagte er. Seine Argumente sind vielfältig. Er würde nie jemanden rechts überholen oder sich in Lebensgefahr begeben. «Wer sagt denn, dass die Zeugen sich nicht kennen?», fragte er. Diese Frage war schnell beantwortet, die Zeugen haben genau dies ausgesagt und das Gesamtgericht schien es im Gegensatz zu Markus zu glauben. So waren sich schliesslich alle Parteien einig, dass es an diesem Tag im März 2017 tatsächlich zu einem Dreier-Überholmanöver gekommen war, bei dem Markus involviert war.

Dem pensionierten Handwerker mit eigenem Geschäft aus der Region merkt man die 70 Jahre nicht an. Er trägt Trekkingschuhe und einen sportlichen Rucksack, mit seinem vollen grauen Haar sieht er aus wie ein Model aus einer Werbung für Tabletten, die Leute im Alter vital halten. Er sagte, dass er in seiner Freizeit viel draussen marschiere und allein Bergtouren unternehme.

«Vom Lieferwagen verdrängt worden»

Markus schildert die Situation auf der A1 anders. Er sei auf der Normalspur gefahren und habe den Lieferwagen von Fritz und den Lastwagen überholen wollen. Als er bereits zum Überholen ansetzte, sei Fritz ebenfalls ausgeschert und er habe ausweichen müssen. Er drückte aufs Gas und fuhr vor dem Lieferwagen wieder auf die Überholspur.

Nach der Anzeige gelang es Markus, an die Kontaktdaten von Fritz zu kommen. Er rief zweimal bei dessen Arbeitgeber an und beschwerte sich bei Fritz’ Vorgesetzten über die Fahrweise von Fritz. Zudem habe er versucht, Fritz so zum Rückzug seiner Anzeige zu bringen und soll mit einer Gegenanzeige gedroht haben. Das letzte Wort nutzte Markus, um seinen Missmut über die Staatsanwaltschaft kundzutun: «Sind Sie eigentlich für die Zeugen zuständig?», fragte er die beiden Juristen.

Das Bezirksgericht vertraute auf die Aussagen der Zeugen und verurteilte Markus zu 15 Monaten Gefängnis bedingt, mit einer Probezeit von zwei Jahren. Dazu kommen eine Busse von 3000 Franken sowie knapp 6000 Franken Gebühren. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.