Schloss Wildegg

Während einer Woche wird nur gesaugt: Die Vorbereitungen für die Wiedereröffnung laufen auf Hochtouren

Für den Frühlingsputz auf Schloss Wildegg hatten Erland Eichmann und sein Team mehr als genug Zeit. Jetzt fehlt nur noch der Pulsschlag.

Er weiss, wie man saugt. Von oben nach unten, der Dreck fällt. Und wenn er erst mit dem Saugen angefangen hat, dann dauert das. Nicht bloss Stunden, sondern eine Woche. Kein Wunder, bei all den Zimmern, verteilt auf zehn oder elf Etagen, so klar ist das noch nicht einmal. Und ist erst einmal gesaugt, kommen die Fenster dran. «Butzenfenster», sagt er und verzieht das Gesicht. «Das sind die Schlimmsten.»

Der Mann, für den das Wort «Frühlingsputz» so ganz andere Dimensionen hat als für andere, ist Erland Eichmann, Betriebsleiter von Schloss Wildegg. Vor 26 Jahren hat er seinen Beruf als Linienpilot gegen das Leben auf dem Schloss eingetauscht; weil das Stelleninserat spannend klang. 18 Jahre lang hat er mit seiner Frau Marianne auf dem Schloss gewohnt. Es liegt ihm am Herzen, ist wie eine alte Freundin. Und auch mit den einstigen Schlossbewohnern der Effinger ist er per Du; Julie, Sophie, Bernhard und wie sie alle hiessen, manchmal grüsst er sie, wenn er an ihren Porträts vorbeigeht. «Man kennt sich, nach 26 Jahren», sagt er und grinst.

Sieben Monate ist die Wildegg pro Jahr geöffnet, empfängt rund 60'000 Besucher. Normalerweise. Heuer ist alles anders, die Saison beginnt knapp zwei Monate später. Viel Wichtiges wurde abgesagt, der Setzlingsmarkt zum Beispiel, darob blutet Eichmann das Herz. Oder all die Hochzeiten, Führungen, Veranstaltungen. Auch das Blühen der abertausend Tulpen haben alle verpasst.

Aber so blieb wenigstens Zeit für das Putzen. Das Saugen und Aufnehmen der Böden, das Abstauben der Flächen, das Fensterputzen, das Kontrollieren von allem Elektrischen, all das haben Eichmann und sein Team ohne Stress erledigt. Einzig das Putzen von Vergoldetem, Bemaltem oder Textilem haben sie den Kuratoren überlassen. «Weil diese Objekte so wertvoll sind, dass man ganz genau wissen muss, wie sie geputzt werden müssen.»

Jetzt laufen die letzten Arbeiten, ganz entspannt. Im Schlosshof stehen Paletten mit Getränken, die Blumenkästen auf der Treppe müssen noch bepflanzt werden, die toten Fliegen vor den Ostfenstern – «es sind immer die Ostfenster, jeden Frühling» – aufgesaugt, die letzten Türen abgeschlossen werden. Wenn alles parat ist, kommen die frischen Blumen in die Räume. Bläst die Bise, wird nochmals gelüftet. Und dann wird Eichmann die Uhren aufziehen, alle 14 Stück. «Wenn sie ticken, hat die Wildegg ihren Pulsschlag zurück. Dann lebt sie wieder.»

Angst hatte Eichmann auf dem Schloss erst zweimal

Eine Riesenfreude habe er an seiner Wildegg, sagt Eichmann, auch nach all der Zeit. «Die Wildegg hat die Entwicklung von der Burg zum Schloss mitgemacht, hat alles Bedrohliche verloren. Heute ist es eine wunderschöne, liebliche Anlage.» Sein Lieblingsplatz ist der Barockgarten. «Da sitze ich gern, abends, wenn die Besucher nach Hause gegangen sind und das Licht weicher wird.»

Und Angst? Nachts, wenn er auf Kontrollgang muss, weil ein Alarm losging? «Nein», sagt Eichmann, «nicht im Geringsten.» Er glaube nicht an Geister. Angst habe er nur zweimal gehabt, als der Blitz einschlug, «ein Krachen wie ein Kanonenschuss.» Beide Male wurde keine historische Substanz beschädigt, einzig die Technik sei hin gewesen. «Zum Glück; Feuer wäre das Allerschlimmste.»

Doch jetzt steht Gefreutes auf der Agenda, die Eröffnung am Dienstag. Von einem Blitzstart geht Eichmann nicht aus, eher von einem gemütlichen Anlaufen. Aber das sei in Ordnung so, so könne man auch die Hygienemassnahmen problemlos einhalten.

Die Besucher übrigens, die lassen ganz schön viel Dreck da. Da staune er immer wieder, sagt Eichmann. Nicht nur Staub, sondern vor allem Textilfasern, die sich in Würsten in den Ecken sammeln. Aber dafür wird ja gesaugt. Immer montags. Immer von oben nach unten.

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