Lenzburg
«Vor unseren Augen stürzte die Welt ein»: Aargauer Wirt hält Nepal trotz Erdbeben die Treue

Martin Kromer erlebte das schwere Erdbeben im April 2015 in Nepal hautnah mit. Nun spricht er über das Leben und weshalb er trotz der schweren Erdbeben dort bleiben will.

Ruth Steiner
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Noch wartet der zerstörte Königspalast der Malla-Dynastie in Kathmandu auf die Wiederherstellung.

Noch wartet der zerstörte Königspalast der Malla-Dynastie in Kathmandu auf die Wiederherstellung.

Martin Kromer

Es ist Samstag, der 25. April 2015, kurz vor Mittag, als der Boden unter Martin Kromers Füssen zu rumpeln beginnt.

Das Datum hat sich fest in Kromers Gedächtnis eingebrannt. «Ich war daheim, im ersten Stock meines Hauses in Kathmandu. Wie aus dem Nichts begann die Erde zu schwanken.» Wie ein Schiff in stürmischer See. «Das Schütteln wurde immer heftiger. Der Fernseher fiel zu Boden, mit ihm alles, was nicht niet- und nagelfest war», erzählt er.

Kromer hat nicht lange gefackelt, die Beine in die Hand genommen und ist ins Freie geeilt. Mit ihm rannte die ganze Nachbarschaft um ihr Leben. Alle mit der bangen Frage auf den Lippen: Was geht hier vor? «Es war gfürchig», erinnert sich Kromer. «Vor unseren Augen ist in diesem Moment die Welt buchstäblich eingestürzt.»

Seit zwanzig Jahren betreibt der Lenzburger in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu ein Restaurant. Auf dem Speisezettel stehen gepflegte thailändische Spezialitäten und Continental-Küche. Das Lokal blieb bei den Erdstössen im Frühling 2015 am Himalaja verschont.

Nepal

Nepal grenzt im Norden an Tibet, im übrigen an Indien. Im Norden und im Osten des Landes liegt ein grosser Teil des Himalaja-Gebirges, unter anderem der Mount Everest, dessen Gipfel mit 8848 Metern den höchsten Punkt der Erde darstellt. Am 25. April und 12. Mai 2015 wurde das Land von zwei schweren Erdbeben heimgesucht. Die Hauptstadt Nepals ist Kathmandu. 2008 wurde im ehemaligen Königreich die Republik ausgerufen. Nepal hat rund 27 Millionen Einwohner. Das durchschnittliche Volkseinkommen beträgt rund 400 Schweizer Franken. (str)

Von Lenzburg nach Nepal

62 Jahre alt ist Martin Kromer. Ein gepflegter Herr. Gekleidet in ein blaues Hemd, blauen Strickpullover und eine dunkle Hose sitzt vor einer Tasse Kaffee und spricht über sein Leben in Südasien und seine ungebrochene Beziehung zu Lenzburg.

Nach seinem Ausscheiden aus der heutigen Kromer-Gruppe Anfang der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zog es ihn in die Ferne. Auf langen Reisen erkundete er den Globus, lernte viele schöne Flecken auf der Erde kennen. Doch immer wieder habe es ihn nach Nepal gezogen, erzählt Martin Kromer. Und er kommt ins Schwärmen, wenn er von den «unglaublichen Sonnenuntergängen, der unbeschreiblich schönen Natur Nepals» spricht. Die nepalesische Kultur, die Menschen und ihre Zuvorkommenheit gegenüber Fremden hatten es dem Lenzburger angetan. «Als Ausländer wurde man hochgeschätzt», sagt er.

Martin Kromer hat deshalb nicht lange überlegen müssen, als das Restaurant-Projekt in Kathmandu an ihn herangetragen wurde. So wurde der ehemalige Finanzchef zum Restaurant-Besitzer. Zusammen mit einem einheimischen Partner übernahm er das Lokal in Kathmandus Touristenviertel Thamel. Die Klientele bestand zu Beginn hauptsächlich aus Touristen, Trekking-Reisenden unterwegs Richtung Himalaja. Zunehmend kamen aber auch Einheimische und Geschäftsleute. Nicht ohne Stolz erwähnt Martin Kromer: «Wir waren die ersten, die im Lokalradio Werbung gemacht haben.» Seit einigen Jahren doziert er zudem an der Tourismusfachschule Wein- und Getränkekunde.

Lenzburger Altstadt ruhig

Wenn Kromer heute von «Daheim» spricht, so meint er Kathmandu, nicht die Schweiz. Obwohl er regelmässig in die Heimat zurückkehrt und seine Familie in Lenzburg besucht.

Über das wachsende Lenzburg äussert er sich diplomatisch. Doch gibt er zu, ein bisschen unheimlich sei es schon, wie die Widmi expandiere, die Blöcke wie Pilze aus dem Boden schiessen. Vermissen tut er jedoch die Aktivitäten in der Altstadt. «Die Rathausgasse, als Coop und Kleiderladen noch hier waren, ist in meiner Erinnerung viel lebendiger.»

Wenig angetan ist Martin Kromer von der Hektik hierzulande, er schätze es, Zeit zu finden für eine spannende Buchlektüre.

Schüler sammelten für Schüler

Nach den grossen Erdbeben in Nepal letztes Jahr haben diverse Organisationen aus dem Aargau gesammelt und das Geld Martin Kromer treuhänderisch übergeben. Zur direkten Hilfe vor Ort. So ging beispielsweise die Kollekte des ökumenischen Gottesdienstes an der Bundesfeier 2015 in Lenzburg nach Nepal, ebenso der Erlös eines Schul-Basars in Waltenschwil, den eine Kollegin Kromers organisiert hat. Das von den Schülern gesammelte Geld kommt wiederum Schülern im Bergdorf Lisankhu zugut. Dort muss das vom Erdbeben völlig zerstörte Schulhaus wiederaufgebaut werden. «5000 Franken habe ich vor meiner Abreise in die Schweiz am 19. August in Geldscheinen persönlich übergeben. Das ist der einfachste Weg hier, eine Bank gibt es nicht im Dorf.»

Martin Kromer (2.v.l.) übergibt Lisankhus Schulleitung Geld für ein neues Schulhaus.

Martin Kromer (2.v.l.) übergibt Lisankhus Schulleitung Geld für ein neues Schulhaus.

zvg

Zögerlicher Wiederaufbau

«Die Dörfer ausserhalb Kathmandus hat es wüst mitgenommen», erzählt Martin Kromer. Aber auch in Kathmandu selber ist die Zerstörung gross. Heute noch liegen Quartiere in Schutt und Asche. Martin Kromer dokumentiert diese mit seiner Kamera, macht Fotos von verfallenen Gebäuden, an denen seit dem Erdbeben noch kein Finger gerührt worden sei. «Der Wiederaufbau geht nur schleppend voran. Die Geldverteilung ist verpolitisiert und durch die schleppende Bürokratie verzögert worden», gehen seine Vorwürfe an die nepalesische Regierung.

Eine definitive Rückkehr in die Schweiz stand für Martin Kromer nie zur Debatte. Auch wenn die Erdbeben die Geschäfte vorübergehend praktisch zum Erliegen gebracht haben. «Wo früher bis nach Mitternacht das Leben pulsierte, Live-Bands in den Strassen aufspielten, ist heute nach 22 Uhr Feierabend», sagt er. «Die Leute haben andere Probleme als Bier zu trinken.»

Vermissen tut Martin Kromer in Nepal wenig aus der Schweiz. Höchstens dies: «Gutes Brot, Käse und ein besseres kulturelles Angebot. Dieses ist etwas dürftig.»