«Mit der Bergung des Lastwagens wurde gewissermassen ein Strich unter die Tragödie am Hallwilersee gezogen. Bald wird sie sogar über anderen Sensationen in unserer so ereignisreichen Zeit vergessen sein, und der Lastwagen wird wieder seine schweren Lasten transportieren. Doch in zwei Stuben im Freiamt wird das Fehlen des Vaters und Ernährers wohl kaum so schnell vergessen.»

Mit diesen Worten schloss vor 50 Jahren, am 31. Januar 1963, der Journalist des «Aargauer Tagblatts» die Berichterstattung über das tragische Unglück am Hallwilersee ab.

Zwei Buben als einzige Zeugen

Was war geschehen? Am 28. Januar unternahmen die beiden Villmerger Rudolf Tellenbach (24) und Jakob Kuhn (33) eine Spritztour. Die beiden hatten am Nachmittag Reparatur- und Unterhaltsarbeiten an Baumaschinen durchgeführt und sind danach «da und dort in Wirtshäuser eingekehrt», wie im «Aargauer Tagblatt» zwei Tage später zu lesen war.

Anschliessend fuhren sie zurück in die Firma und wechselten das Fahrzeug: Mit einem Lastwagen, einem «Henschel» mit 9,1 Tonnen Leergewicht, fuhren sie ungefähr um 18.30 Uhr einige Meter auf den gefrorenen Hallwilersee hinaus. Zwei Buben, die am Ufer standen, beobachteten das ganze. Später gaben sie zu Protokoll, nach den Geräuschen zu urteilen seien der Fahrer oder beide Personen ausgestiegen. Man habe die beiden kurz reden gehört. Dann das Geräusch der sich schliessenden Wagentür. Kurz, nachdem der Wagen wieder angefahren war, habe man ein lang anhaltendes Krachen des Eises gehört, dann seien die Schlusslichter des Autos plötzlich verschwunden.

Die beiden Buben rannten ins Restaurant Delphin und informierten den Wirt. Dieser fuhr mit seinem Auto sofort hinaus, konnte aber nicht mehr helfen – 60 Meter vom Ufer entfernt war nur noch das 15 Meter grosse Loch zu sehen. Der Wirt informierte die Polizei. Bald war dann auch klar, wer verunglückt war.

Hilfe von der Seepolizei Zürich

Mit der Bergung konnte erst am nächsten Tag begonnen werden. Um 11 Uhr traf die Seepolizei Zürich mit drei Tauchern, sogenannten Froschmännern, ein. Das Eis war bereits wieder zugefroren, man musste es aufbrechen und die Eisblöcke aus dem Wasser fischen. Der Taucher fand einen Toten unmittelbar neben dem Wagen, den anderen fünf Meter entfernt. Die Ermittler nahmen an, dass beide den Wagen auf dem Seegrund verlassen hatten.

Die Leichen wurden geborgen und unter den Augen vieler Neugieriger und Reporter abtransportiert. Die Bergung des Lastwagens gestaltete sich schwierig. Mehrer Male rissen die Drahtseile, an denen man das Fahrzeug hochzog. Nach anderthalb Tagen gelang das Unterfangen.

Die Polizei hatte bis dahin davon abgesehen, ein generelles Verbot für das Befahren des gefrorenen Sees zu erlassen, «weil sie mit der Vernunft rechnete». Wie der Journalist des «Aargauer Tagblatts» weiter schrieb, habe sich diese Rechnung als falsch erwiesen. Kurz nach dem Unglück wurde ein Verbot erlassen, nicht nur wegen des Unfalls: «Tatsächlich befanden sich am Sonntag bereits Fahrzeuge auf dem See, deren Lenker nicht nur ihr eigenes Leben gefährdeten, sondern die wegen der Raserei, die stattgefunden haben soll, auch die vielen Hunderte von fröhlichen Eisgängern und Schlittschuhläufern schwerer Gefahr aussetzten.»

Es konnte nie geklärt werden, wieso die beiden jungen Männer mit dem Lastwagen auf das Eis fuhren. «So hat denn dieser schwere Unfall einen Schatten auf die Freude, die ob des seltenen Ereignisses der Seegfrörni allenthalben herrschte, geworfen.»