Lenzburg
Von Siechen und Cheiben – Lenzburger Flurnamen erklärt

Flurnamen sind eine bedrohte Gattung. Viele sind noch gebräuchlich, ihre Bedeutung ist jedoch nicht immer klar. Andere sind längst vergessen. Eine Übersicht über interessante Flurnamen von Lenzburg.

Janine Gloor
Drucken
Teilen
1. Römerstein Der grosse Römerstein ist ein Findling aus der Würmeiszeit im Wald Lind. Mit vielen anderen Findlingen wurde der Stein vom Reussgletscher nach Lenzburg getragen. Die Bezeichnung Römer bezieht sich auf die römischen Siedler, die auf dem Lindfeld einen Vicus gründeten. Ein anderer Name für den Römerstein ist Fischbank. In einer Sage heisst es, der Stein soll zur Heidenzeit den Fischverkäuferinnen als Unterlage gedient haben. Eine Theorie ist, dass der Römerstein den Mittelpunkt einer Siedlung des keltischen Stamms der Lentienser war.
11 Bilder
2. Gexi Der Name Gexi bezeichnet das flache Gebiet zwischen Lenzburg und Othmarsingen. Er dient auch als Bezeichnung für das einstige Nadelöhr der SBB auf der Ost-West-Achse. Die Deutung für diesen Namen gestaltet sich nicht ganz einfach. Möglicherweise handelt es sich um den Familiennamen Gex mit der Endung auf i. Hänny bezieht Gexi auf das Verb gäxe, welches vom schweizerdeutschen Wörterbuch Idiotikon mit «kreischende Töne hervorbringen» übersetzt wird. Hänny vermutet, dass der Name von den lärmenden Krähen auf dem Acker stammen könnte. Die Broschüre der Forstdienste Lenzia verbindet den Namen mit der gleichbedeutenden Variante giixe des Verbs. Womöglich komme der Name von den quietschenden Ochsenwagen oder gar vom Schreien der Gerichteten der nahen Richtstätte.
3. Marktmatten Die Marktmattenstrasse bildet am östlichen Ende der Bahnhofstrasse eine Schlaufe. Eine Matte ist eine Wiese, Markt kann in seiner neuhochdeutschen Bedeutung verstanden werden. Wieso hier das Wort Markt als Name verwendet wird, ist nicht ganz klar. In einer Urkunde 1449 wurde das Wort Mert geschrieben, später wurde daraus Merit oder Märt. Der städtische Markt fand gewöhnlicherweise innerhalb der Stadtmauern statt, der Viehmarkt hatte ebenfalls einen eigenen Platz. Der Historiker Jean-Jacques Siegrist deutet den Namen Marktmatten als einen Hinweis auf ein Dorf Oberlenz, das an diesem Ort noch vor der Stadtgründung existiert haben soll.
4. Oberer Scheunenweg Mehrere Strassennamen zeigen, wie die Stadt ursprünglich aufgebaut war. Die steinernen Stadtmauern umschlossen den Kern der Siedlung. Die Strassen ausserhalb der Stadtmauern wurden von landwirtschaftlichen Betrieben geprägt. So stehen noch heute am Oberen Scheunenweg zwei Scheunen. Das gleiche Bild bietet sich bei der Strasse Brättligäu am östlichen Ende der Altstadt. Gau bezeichnet eine Gegend, die sich von ihrer Umgebung abhebt. Möglicherweise steht Brättli als Verkleinerungsform zu Brett für die hölzernen Scheunen an dieser Strasse.
Lenzburger Flurnamen
6. Chaibegarte Der Chaibegarte liegt am Rand des Waldes Lütisbuech. Cheib ist ein alemannisches Wort und bedeutet ursprünglich Aas. Im Chaibegarten oder Schindgarten wurden früher Tierkadaver entsorgt. im Jahr 2006 haben die Forstdienste Lenzia an der Stelle des Chaibegartens mit kleinen Teichen einen Lebensraum für bei uns selten gewordene Amphibien geschaffen. Cheib als negative Bezeichnung für eine Person stammt vom gleichen Wort.
7. Wilmatten Das Wort Wil ist immer ein Hinweis auf menschliche Besiedlung. Die Wilmatten befinden sich entlang dem Aabach, die dortige Sportanlage hat den Namen übernommen. Das Tal wird kurz Wil genannt. Der Name kommt auch in der Wylgasse noch vor. Wil kann auf lateinisch «villa» für Gutsbetrieb, Hof, Landhaus zurückverfolgt werden. Aus dem lateinischen Wort hat sich auch der Name Weiler entwickelt. Das mittelhochdeutsche «wîler» bedeutet kleines Dorf, es kann aber auch für ein einzelnes Gehöft stehen.
8. Hermen (Symbolbild) Der Flurname kommt im Gebiet Lenzburg zweimal vor. Er bezeichnet einen Acker im Grenzgebiet von Lenzburg, Niederlenz und Möriken. Er existiert auch auf dem offenen Feld zwischen Staufen und Lenzburg, wo eine Geflügelfarm und mehrere Wege nach ihm benannt sind. Der Name lässt sich auf den Personennamen Hermann zurückführen und zeigt ein Besitzverhältnis an. Die Endsilbe -mann wird in der schweizerdeutschen Form abgeschwächt.
9. Siechenhölzli (Symbolbild) Das Siechenhölzli befindet sich südlich des Oberrainwalds an der Grenze zu Seon. Das Adjektiv siech bedeutet krank. Im Mittelalter stand es besonders für ansteckende Krankheiten wie Lepra oder die Pest. Wie andere Städte besass auch Lenzburg ein Sondersiechenhaus, in dem sich Kranke ausserhalb der Stadtmauern aufhielten. Flurnamen mit der Bezeichnung Siech bezeichnen gewöhnlich Orte, an denen sich eine solche Einrichtung befand. Im Wald mit diesem Namen befand sich aber kein Siechenhaus, möglicherweise gehörte er den gleichen Besitzern. Auch der Kraftausdruck Siech hat diesen Hintergrund.
10. Esterli Das Gebiet Esterli befindet sich im Wald Berg, aus dem seit 1974 der Esterliturm aus Stein herausragt. Esterli ist die Verkleinerungsform zu Ester. Dabei handelt es sich nicht um den Frauennamen, sondern um eine Bezeichnung für ein Tor. Die mittelhochdeutsche Form des Namens lautete Eschtor und bezeichnete ein Feld- oder Weidgatter. Der Name Esterli kann somit auf den Viehdurchlass im beweideten Wald zwischen Lenzburg und Egliswil zurückgeführt werden.
Keckbrunnen – der verlorene Brunnen (Symbolbild) In einer Flurnamensammlung aus dem 19. Jahrhundert taucht der Name Keckbrunnen auf. Die Bezeichnung ist heute gänzlich unbekannt, so auch die Stelle, wo sich dieser Brunnen hätte befinden können. Das Adjektiv keck bedeutet lebenskräftig, im schweizerdeutschen Wörterbuch wird Chechbrunne mit lebendige Quelle erklärt. Das Wort keck kommt auch in erquicken oder Quecksilber «lebendiges Silber» vor.

1. Römerstein Der grosse Römerstein ist ein Findling aus der Würmeiszeit im Wald Lind. Mit vielen anderen Findlingen wurde der Stein vom Reussgletscher nach Lenzburg getragen. Die Bezeichnung Römer bezieht sich auf die römischen Siedler, die auf dem Lindfeld einen Vicus gründeten. Ein anderer Name für den Römerstein ist Fischbank. In einer Sage heisst es, der Stein soll zur Heidenzeit den Fischverkäuferinnen als Unterlage gedient haben. Eine Theorie ist, dass der Römerstein den Mittelpunkt einer Siedlung des keltischen Stamms der Lentienser war.

Aargauer Zeitung

Auswärtige, die Gofi nicht richtig aussprechen, werden belächelt. Doch was bedeutet dieser Name überhaupt?
Bezeichnungen für kleine Landschaftsteile wie Wiesen, Felder und Wälder heissen Flurnamen. Wird diese Definition ausgeweitet, können damit auch von Menschen erschaffene Objekte wie Strassen, Gebäude und Plätze bezeichnet werden. Flurnamen helfen den Menschen, sich zu orientieren. Sie teilen die Welt ein und widerspiegeln die geografischen Verhältnisse. Sie geben an, ob ein Gebiet flach oder steil, ertragsreich oder mühselig zu bewirtschaften war. Andere Namen geben Auskunft über den Verwendungszweck: Auf der Munimatt grasten keine Schafe. Auch Personennamen von Bewohnern oder Besitzern lassen sich oft in Flurnamen finden.

Längst vergessenes Wissen

Die Flurnamen sind als Zeugnis der Vergangenheit ein Teil unserer Kultur. Sie verraten viel über die Lebensweise der Generationen vor uns. Wie sie hiessen, wie sie ihren Lebensunterhalt bestritten haben, unter welcher Herrschaft sie standen.
Vielen Flurnamen ist die Bedeutung noch heute auf den ersten Blick anzusehen, auch wenn sie zum Teil mehrere hundert Jahre alt sind. Die Burghalde liegt unter dem Schloss Lenzburg. Im Eichligarten hat es Eichen, im Lütisbuech Buchen. Bei anderen Namen verstehen wir noch die Wörter, können aber ohne Nachforschung nicht mit Sicherheit sagen, wie es zu dieser Bezeichnung gekommen ist. Was ist am Himmelrych so himmlisch? Wie kam das Eisen an die Isengasse? Einige Namen entziehen sich unserem Verständnis. Flurnamen sind eine bedrohte Namenart. Die Bauernhöfe wurden weniger, Matten und Felder überbaut. Manchmal lebt eine Bezeichnung als Quartiername weiter. Flurnamen sind ein Fenster in eine Zeit, die uns immer fremder wird.

Ursprünglich wurden Flurnamen mündlich weitergegeben. Älteste schriftliche Zeugnisse sind in rechtlichen Dokumenten zu finden, in Lenzburg sind dies die Kopialbücher. Verkaufsurkunden von Land gehören zu den frühsten Belegen für Flurnamen. Auch auf alten Karten können Bezeichnungen gefunden werden, die heute von der breiten Bevölkerung nicht mehr verwendet werden.
Im Stadtarchiv befindet sich eine von Hans Hänny erstellte Sammlung zu Lenzburger Flurnamen. In jahrelanger Arbeit hat der Bezirksschullehrer einen umfangreichen Zettelkatalog erstellt. Jeder Name ist mit Belegen aus Urkunden und anderen Quellen versehen.

Aktuelle Nachrichten