Möriken-Wildegg
Von der Schere zur Peitsche: Der Coiffeur, der jetzt auch Geisseln macht

Mario Birrer (46) aus Möriken-Wildegg hat in dieser Saison seine Werkstatt eröffnet. Eine Zweigstelle der «Geisselmacherei» in Egliswil.

Anja Suter
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Sonst arbeitet er mit Haaren, jetzt auch mit Flachs. Mario Birrer bei der Arbeit mit Geisseln.

Sonst arbeitet er mit Haaren, jetzt auch mit Flachs. Mario Birrer bei der Arbeit mit Geisseln.

Britta Gut

Drei oder vier Jahre alt sei er gewesen, als er zum ersten Mal eine Geissel in der Hand hatte, sagt Mario Birrer. «Mein Vater hat schon geklöpft, da steht man als Kind mit grossen Augen daneben und möchte das auch machen.» Später habe er dann manchmal alleine an der Aare unten geklöpft, «bis ich es richtig konnte und mich in die Öffentlichkeit traute», sagt er lachend.

Verlassen hat Birrer seine Passion für die Geisseln im Gegensatz zu anderen nie, auch im Erwachsenenalter nahm er sie während der Saison noch regelmässig in die Hand und gab die Tradition an seine beiden Kinder weiter. Grund dafür, dass er sich für die Beschaffung der Geisseln zu interessieren begann, sei wahrscheinlich sein Beruf, sagt Birrer, der seit 11 Jahren sein eigenes Coiffeur-Geschäft in Möriken-Wildegg führt. «Das Produkt Geissel fasziniert mich, der Flachs, der verarbeitet wird, ist fast wie Haar.»

Nicht nur ein Lehrmeister, sondern auch guter Freund

Die Faszination für das Produkt Geissel liess Birrer nicht mehr los, so wandte er sich an den einzigen Geisselmacher in der Region: Daniel Werren aus Egliswil. In seiner ersten Saison habe er vor allem zugearbeitet. Später lernte er das Handwerk dann Stück für Stück von Daniel Werren.

Das Geissel flicken klappt mittlerweile gut, wie er sagt. «Aber ich habe noch immer viel zu lernen, bei Daniel wirkt es, als könnte er die Geisseln auch im Schlaf machen, so entspannt wie er ist.» In Werren habe er nicht nur einen Lehrmeister, sondern auch einen guten Freund gefunden, sagt Birrer.

Geisselmacher gibt es in der Schweiz nicht mehr viele. Mit Mario Birrer sind es nach seinen Angaben vier. «Nach meinem ersten Jahr wurde mir bewusst, dass ich damit viel Verantwortung übernehme», sagt er. «Man kann nicht plötzlich sagen, dass man jetzt keine Lust mehr hat. Man hat auch eine Verantwortung dem Brauchtum gegenüber.»

Um das Brauchtum zu stärken, eröffnete Mario Birrer in dieser Saison eine Zweigstelle der Geisselmacherei Egliswil in Möriken-Wildegg. «Man kann den Tag durch im Coiffeur-Geschäft vorbeikommen und die Geissel bei mir abgeben», erklärt er.

Ziel der Zweigstelle sei es auch, dem Andrang besser gerecht werden zu können. «Es kam in den vergangenen Saisons oft vor, dass die Kunden 1,5 Stunden angestanden sind. Häufig sind es Berge von Geisseln, die es zu flicken gilt», sagt Birrer. Er appelliert aber auch an seine Kundschaft, die Geisseln direkt nach der Saison abzugeben und nicht kurz vor dem Start.

«Das ist wie Yoga. Es entspannt mich.»

Seine Werkstatt hat der 46-Jährige im Keller unter seinem Geschäft eingerichtet. An seine allererste eigene produzierte Geissel mag sich der Coiffeur gut erinnern: «Sie hatte so viel Spannung drauf, dass das Seil abstand.» Beim Lernen des neuen Handwerks sei ihm sein Beruf zugutegekommen, wie Birrer sagt: «Als Coiffeur hat man dank der Arbeit mit Haaren ein gewisses Feingefühl», sagt Birrer.

Für den Wildegger ist das Herstellen und Flicken der Geisseln ein perfekter Ausgleich zu seinem Beruf als Coiffeur. «Das Spinnen von neuen Geisseln ist mein Yoga. Es entspannt mich.» Birrer hofft, dass er das Brauchtum künftig auch weitergeben kann, vielleicht auch an seine Kinder. «Meine Tochter hilft schon heute gerne in der Werkstatt mit, mein Sohn klöpft lieber auf der Strasse.»