Bahnhof Othmarsingen
Vom Schandfleck zum Knotenbahnhof

Seit einem Jahr wird gebaut. Bald kommen mehr Züge – und mehr Verkehr in den Quartieren.

Samuel Schumacher
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Höher, länger, sicherer: So werden die Perrons, wenn sie (wie der Abschnitt links) fertig erneuert sind. Samuel Schumacher

Höher, länger, sicherer: So werden die Perrons, wenn sie (wie der Abschnitt links) fertig erneuert sind. Samuel Schumacher

Samuel Schumacher

Der Bahnhof Othmarsingen war nie ein Bijou der Bahnhofsbaukunst. Das alte Stellwerkgebäude war trostlos, die Gittertreppenstufen auf dem Perron gefährlich und die Aufgänge zu den Geleisen alles andere als alters- und behindertenfreundlich. Das handelte dem mit sechs Schienen bestückten Provinzbahnhof einst gar einen Ruf als nationalen Schandfleck des Schienenverkehrs ein. Die Leser des «Tages-Anzeigers» wählten ihn 2009 zu einem der 10 schlimmsten Bahnhöfe der Schweiz.

Doch diese düstere Ära ist bald vorbei. Die SBB, der Kanton und die Gemeinde investieren rund 20 Millionen Franken in den Umbau des Bahnhofs. Vor rund einem Jahr begannen die Bauarbeiten. Ende 2016 sollen sie planmässig abgeschlossen werden. Noch aber gibt es offene Fragen.

50 000 Franken für Bike&Ride?

Die Aufrüstung des «Knotenbahnhofs» Othmarsingen findet im Rahmen des SBB-Projektes «S-Bahn Aargau 2016 ff» statt. Damit wollen die SBB ihr Angebot in der Region ausbauen. Seit Dezember 2015 verkehren mehr Direktzüge zwischen Wohlen und Zürich via Othmarsingen, ab Dezember 2016 befährt die neue S-Bahn-Linie S25 die Strecke Muri–Othmarsingen –Brugg im Stundentakt. Auf der Heitersberglinie sollen ab 2016 die Direktzüge Freiamt–Zürich häufiger und ab 2018 die S3 Aarau–Zürich in den Hauptverkehrszeiten im 30-Minuten–Takt verkehren. Ab 2019 wird die S3 durch die S11 abgelöst, die mit längeren Zugskompositionen ab Aarau bis nach Winterthur verkehrt.

Um diese zusätzliche Belastung bewältigen zu können, erneuern die SBB in Othmarsingen die Schienen und den Schotter, installieren schnellere Weichenstellungen und verlängern und erhöhen die Perrons. Bereits abgeschlossen ist der Rückbau des alten Dienstgebäudes. An diesen Kosten musste sich die Gemeinde nicht beteiligen. Die 392 000 Franken, die Othmarsingen an das Projekt beisteuert, werden für die Installation einer WC-Anlage, eine behindertengerechte Rampe, zwei Liftanlagen und neue Wartehäuschen eingesetzt.

Der Anstoss für den Bahnhofumbau kam von den SBB. Hats die Gemeinde verpasst, selber rechtzeitig die Weichen für eine moderne Bahninfrastruktur zu stellen? «Gar nicht», meint Gemeindeammann Fritz Wirz. «Wir hatten den Umbau schon länger thematisiert und gegenüber den SBB auch gefordert. Die entsprechenden Gelder sind seit gut zehn Jahren im Finanzplan eingestellt.» Das neue Behindertengleichsstellungsgesetz habe die SBB schliesslich dazu veranlasst, endlich loszulegen.

Wenn die Geleise und Weichen Ende 2016 erneuert, die Wartehäuschen aufgestellt und die Liftanlagen installiert sind, startet rund um den Bahnhof die zweite Bauphase. Entstehen sollen rund 60 Park&Ride-Parkplätze sowie 40 bis 60 Veloabstellplätze (Bike&Ride). Zudem soll das alte Stellwerkgebäude neu belebt werden. «Wer oder was dort einzieht, ist noch nicht klar. Ein grosser Kiosk würde aber super dorthin passen», meint Wirz.

250-Jahr-Jubiläum

Für das erweiterte Parkplatzangebot und die «Neubelebung» des Stellwerkgebäudes muss die Gemeinde nicht aufkommen. Für die neue Veloabstellanlage, die in der zweiten Bauphase realisiert werden soll, wären aber noch einmal rund 50 000 Franken nötig, welche die Othmarsinger bewilligen müssten. Wirz ist zuversichtlich, dass die Bevölkerung hinter diesem Anliegen steht. «Der zusätzliche Verkehr, der in den Quartieren durch die neue Park&Ride-Anlage zu erwarten wäre, ist zwar eine Belastung», meint Wirz. Dennoch schaffe der neue Bahnhof einen Mehrwert für die Gemeinde und die ganze Region. «Der Knotenbahnhof Othmarsingen wird einer der reise- und benutzerfreundlichsten Bahnhöfe seiner Grössenkategorie im ganzen Land», ist Wirz überzeugt.

Wenn alles planmässig verläuft, kann Othmarsingen den neuen Bahnhof Ende Jahr einweihen: Fast genau 250 Jahre, nachdem die schnaubenden Karawanen des Schweizerischen Postkutschennetzes 1767 erstmals offiziell in Othmarsingen Halt machten.