Ein unscheinbares Schild neben dem Billettschalter verweist auf die «Buvette» gleich um die Ecke. Drinnen riecht es nach Kaffee und Zigarettenrauch. Die Uhr über dem Eingang hängt etwas schräg. Der Zeiger zeigt Punkt neun Uhr. Znünizeit also. An der Bar sitzen fünf ältere Herren. Beinahe synchron ziehen sie an ihren Glimmstängeln, nippen an ihrem Kaffee und blättern in der Zeitung. Auch wenn nicht viel geredet wird, merkt man sofort: Das ist eine Gemeinschaft, wie sie für eine Stammbeiz typisch ist.

Alfred Fuhrer wirkt etwas bedrückt. Das hat seinen Grund: Seit nunmehr 33 Jahren betreibt er die «Buvette» mit Herzblut und jetzt soll Ende Februar definitiv Schluss sein. Die SBB wollen anstelle der Stammkneipe lieber einen «Migrolino» sehen. Die Begründung: Die «Buvette» sei kein Lokal für Bahnkunden, sondern für die Bevölkerung. «Ich finde das extrem schade», sagt Alfred Fuhrer. «Nicht wegen mir, sondern wegen meiner Kunden.» Fuhrer macht eine ausholende Armbewegung Richtung Bar und sagt, für viele seiner Gäste sei die «Buvette» ihre einzige soziale Plattform.

Multikulturell und familiär

In der «Buvette» verkehren Leute verschiedenster Nationalitäten und aus allen sozialen Schichten. «Es ist eine wahre Multikulti-Gesellschaft», meint ein langjähriger Stammkunde. Das kann auch Soumya Bürgi bestätigen, die seit 16 Jahren in der «Buvette» arbeitet. «Wir haben schon einmal gleichzeitig Leute aus sieben verschiedenen Nationen hier gehabt.» Alle würden sich grossartig verstehen und man könne über alles reden. «Wir sind wie eine Familie.»

Die Stammkunden sind traurig und ungehalten über die bevorstehende Schliessung. Viele von ihnen kommen seit Jahren täglich hierher und wissen nicht, wo sie danach hinsollen. «Wahrscheinlich sitzen wir dann da draussen gleich auf der Strasse», tönt es aus der Runde. «Das Menschliche ist nichts mehr Wert, es geht nur noch um Profit.» Und weiter: «Macht eigentlich ‹die Stadt Lenzburg gar nichts dagegen? Heutzutage tritt niemand mehr für die kleinen Leute ein.» Dann gehts richtig rund: «Die interessiert es doch kein bisschen, was mit uns geschieht. Weshalb fragen die nicht, was wir wollen?

Die Volksmeinung hat doch gar keinen Wert mehr.» Ein bärtiger Pensionär, der sich anfänglich noch wortkarg gibt und die Gespräche mit Zurückhaltung verfolgt, enerviert sich schliesslich ausgiebig über die SBB: «Die studieren überhaupt nichts.» Eine Migros-Filiale sei doch kein Ort, wo man reinsitzen und sich unterhalten kann. «Es ist eine Sauerei, uns unseren Treffpunkt wegzunehmen», fährt er mit seiner Schimpftirade fort. Für ein Foto herhalten, will er dann aber doch nicht.

Auch «Buvette»-Pächter Alfred Fuhrer zeigt sich enttäuscht über das Vorgehen der SBB. «Ich will nicht jammern», sagt er, «aber ich habe nicht einmal einen Brief erhalten über die bevorstehende Schliessung.» Die SBB hätten alles geregelt, ohne ihn direkt zu informieren. «Für sie zählt nur der wirtschaftliche Faktor, nicht der menschliche.»