Seit mehr als 200 Jahren gehört das Hünerwadelhaus der Stadt Lenzburg und wird als Schulhaus genutzt. Einst wurden dort alle Schulstufen unterrichtet, seit über 40 Jahren ist es allein durch die kaufmännische Berufsschule belegt. Auch damit ist bald Schluss: Im Rahmen des neuen «Standortkonzeptes Berufsfachschulen» hat der Regierungsrat entschieden, das KV Lenzburg Reinach per Ende Schuljahr 2019/20 zu schliessen. Die KV-Lernenden müssen in Zukunft nach Wohlen zur Schule, die BM2 Wirtschaft wird in Baden angesiedelt.

Die Enttäuschung im Hünerwadelhaus ist gross – auch wenn der Entscheid des Kantons über das Aus der KV-Schule gestern Morgen nicht ganz unerwartet kam. Er hatte sich in den vergangenen Jahren abgezeichnet. Vor drei Jahren hatte die Schliessung noch abgewendet werden können. Jetzt, nachdem das Verdikt unwiderruflich auf dem Tisch liegt, sagt Schulleiter Andreas Schmid dennoch: «Dass Lenzburg über die Klinge springen muss, ist ein regionalpolitischer Entscheid, der völlig undurchdacht und wenig zukunftsorientiert ist.»

Andreas Schmid, Schulleiter KV Lenzburg Reinach

Andreas Schmid, Schulleiter KV Lenzburg Reinach

Am KV Lenzburg Reinach werden 475 Lernende unterrichtet, 75 davon in Reinach. Die Schüler kommen aus 82 Gemeinden nach Lenzburg und Reinach. 27 Lehrer teilen sich in 20 Vollzeitstellen. «Die Unsicherheit unter den Lehrkräften ist gross», sagt Schulleiter Schmid. Zwei Mitarbeitende hätten bereits gekündigt. Für die übrigen würden nun Lösungen an den neuen Standorten in Wohlen und Baden gesucht. Sie gehören nebst Aarau und Rheinfelden zu jenen Schulen, die weiterhin betrieben werden.

Seit Jahren ist die Reorganisation der Schulstandortlandschaft im Kanton auf der politischen Agenda. Immer wieder hat Lenzburg in der Vergangenheit die Wichtigkeit des KV Lenzburg Reinach als kantonales Kompetenzzentrum für die BM2 Wirtschaft und Dienstleistungen (WIDL), Typ Wirtschaft, hervorgehoben. «Lenzburg ist die drittgrösste KV-Schule im Kanton. Jeder dritte BM-Wirtschaft-Absolvent kommt von hier», hält Schulleiter Schmid auch jetzt fest und ergänzt: «In Lenzburg werden doppelt so viele Lektionen unterrichtet wie in Wohlen.» Das Berufsbildungszentrum Freiamt in Wohlen will der Kanton weiterführen.

In diesem Zusammenhang ebenfalls interessant ist die Tatsache, dass das Hünerwadelhaus vor wenigen Jahren für rund fünf Millionen Franken umfassend saniert und neu möbliert wurde. Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten im Frühling 2012 hatte sich die Regierung gemeinsam mit der Stadt gefreut über «die Investition, welche den Schulstandort Lenzburg festige». Aus heutiger Sicht ist dieser Situation eine gewisse Ironie nicht abzusprechen.

Keine Freude an Plänen aus Aarau

Enttäuscht zeigt man sich auch beim offiziellen Lenzburg. «Der Stadtrat bedauert den Entscheid des Regierungsrates ausserordentlich», heisst es in einem Communiqué. Stadtammann Daniel Mosimann doppelt nach. «Mit dem KV Lenzburg Reinach führt der Kanton ein gutes Rennpferd auf die Schlachtbank.» Auch wenn sich eine Reduktion der KV-Standorte aufdränge, so dürfe man mit Fug und Recht die Frage stellen, ob tatsächlich auch die richtigen Orte geschlossen würden.

Wenig erbaut ist man in Lenzburg zudem über die Pläne des Kantons, in den heutigen KV-Räumen zukünftig eine Aussenstelle der Berufsfachschule für Gesundheit (BFGS), Brugg, zu führen. In Lenzburg sollen bald Fachangestellte Betreuung zur Schule gehen. Für Mosimann ist das keine Option. Ebenso wenig zeigt er Verständnis für das Vorgehen des Regierungsrats. «Der Kanton kann nicht Kompetenzzentren fordern und auf gleichzeitig seine eigenen Schulstandorte (Brugg) zerschlagen.»

Lenzburg hat offensichtlich andere Pläne mit dem Hünerwadelhaus. In der Medienmitteilung heisst es dazu einzig: «Der Stadtrat vertieft seine Überlegungen betreffend die zukünftige Nutzung des Gebäudes im Eigentum der Stadt Lenzburg.»

Fusion angeboten

Obwohl alles dagegen sprach, hat Schulleiter Schmid lange gehofft, eine Schliessung abwenden zu können. Und zwar deshalb, weil man in Lenzburg nicht untätig geblieben war. «Gemeinsam mit Brugg und Baden haben wir eine Fusion geprüft», erzählt Schulleiter Schmid. Auch habe man das Berufsbildungszentrum Freiamt, Wohlen, zu den Gesprächen eingeladen, dieses habe jedoch davon abgesehen. «Die von den Rektoren ausgearbeitete Idee ist vom Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) nicht weiterverfolgt worden», hält Schmid enttäuscht fest. Man habe im eingereichten Konzept nämlich aufzeigen können, dass mit Klassenoptimierungen die finanziell wohl beste Lösung hätte erreicht werden können. Obwohl, auch das bedauert Schmid, der Kanton bis heute konkrete Zahlen zu Kosteneinsparungen schuldig geblieben sei. Kommentar rechts