Etwa 30 Stühle haben die Mitarbeiter vom Betreibungsamt Dottikon ins Sitzungszimmer des Gemeindehauses gestellt. Viel zu wenig. Über 60 Personen sind gekommen. Wer keinen Stuhl hat, lehnt an Wänden und Fenstern – oder steht etwas verloren vor der offenen Tür des Sitzungszimmers. Dort hat sich eine kleine Schlange gebildet. Sie reicht bis ins Treppenhaus. Marius Gunzinger, Leiter des Betreibungsamtes, eilt umher und sorgt für mehr Platz. Stühle werden zusammengerückt. Um 14 Uhr eröffnet Gunzinger dann die Versteigerung.

Unter den Hammer kommt an diesem Dienstagnachmittag die wohl bekannteste Villa Dottikons: das Anwesen von Autohändler Riccardo Santoro. Dieser hatte Luxus-Karossen an gut betuchte Autoliebhaber vermittelt. Im Mai 2011 kollabierte sein Imperium. Seither ermittelt die Justiz. Es ist der grösste Fall von Wirtschaftskriminalität seit 20 Jahren. Eine Zusammenfassung der Ereignisse gibt es hier.

Trotz der Dimension des Falls hat das Betreibungsamt offensichtlich nicht mit einem so grossen Interesse an Santoros Villa gerechnet. Beim Besichtigungstermin vor ein paar Wochen kamen fast nur neugierige Nachbarn. Eine Frau aus dem Quartier sagte der az: «Vielleicht bekomme ich hier Ideen für die Einrichtung meines Hauses.» Santoros Villa, von Experten auf 3,25 Millionen geschätzt, enttäuschte zudem: «Mehr als 1,5 Millionen zahlt niemand», sagte ein Immobilienhändler nach der Besichtigung. Die Lage sei schlecht, die Villa habe wenig Zimmer und es müsse Geld investiert werden.

Santoro-Villa unter dem Hammer

«Ich war enttäuscht»

Im Januar konnten Interessenten und Gwundrige die Santoro-Villa besichtigen – das haben sie danach gesagt.

Eine Million für Garagengebäude

An der gestrigen Versteigerung stellt sich heraus: Die Mehrheit der Anwesenden ist nicht wegen der Villa ins Gemeindehaus gekommen. Viel mehr interessiert ein Garagengebäude in Dottikon, das Santoro gehört und ebenfalls versteigert wird. Geschätzter Wert: 630 000 Franken.

Die Leasingpleite des Aargauer Autokönigs Riccardo Santoro in Bildern: 

Zwei Brüder aus der Region bieten 600 000 Franken und steigen hoch ein. Der Zuschlag geht dann für eine Million Franken an den Inhaber eines Architekturbüros aus dem Raum Lenzburg. Das ist eine gute Nachricht für die Garage Paris mit ihren vier Mitarbeitern, darunter ein Lehrling. Diese ist Mieterin des Gebäudes und muss keine neue Bleibe suchen. «Es bleibt alles, wie es ist», sagt der Architekt nach der Versteigerung zur az.

Die Gläubigerin ersteigert Villa

Nach einer Pause wird es nochmals spannend: Jetzt kommt Santoros Villa unter den Hammer. Erstes Gebot: Nur 500 000 Franken. Dann Stille. Lange Stille. Einige Anwesende nehmen wohl nur aus Neugier an der Versteigerung teil. «Zum Ersten», ruft Marius Gunzinger und blickt etwas ungläubig in die Reihen. Ein Mann aus dem Bezirk Baden lässt sich dann 550 000 Franken entlocken – immer noch ein sehr tiefer Preis für die Villa, die Riccardo Santoro für rund 5 Millionen Franken gebaut hatte.

Das erhoffte Schnäppchen löst sich aber schnell in Luft auf. «1,75 Millionen Franken», ruft ein Mann von ganz hinten. «Danke», sagt Marius Gunzinger und wirkt etwas erleichtert. Dann erhöht der Mann sein eigenes Gebot auf 2,35 Millionen Franken und schafft Fakten. Die Villa geht an die Aargauische Kantonalbank (AKB), die der Mann vertritt. Das erstaunt nicht: Die AKB hatte Santoros Anwesen mitfinanziert und ist dessen Gläubigerin.

Kurz vor 15 Uhr ist die Versteigerung zu Ende. Draussen sorgt diese für viel Gesprächsstoff. Mit dabei ist jene Familie, die seit mehreren Jahren zur Miete in Santoros Villa wohnt. «Wir hoffen, dass wir bleiben können», sagt der Vater.