Mediencoup
Vierfachmord Rupperswil: Partner der Mutter (†48) schreibt Buch

Nach dem Prozess im Vierfachmord Rupperswil plant Georg Metger, der Partner der ermordeten Mutter, einen Mediencoup: Er erzählt seine Geschichte in Buchform. Der Zürcher Wörterseh-Verlag bringt das Werk auf den Markt.

Andreas Maurer
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Der mutmassliche Täter Thomas N. und das Mordhaus in Rupperswil (Fotomontage)
34 Bilder
Thomas N. wurde im Gefängnis Pöschwies in Regensdorf ZH inhaftiert. Hier wartet er seither auf den Prozess.
21. Dezember 2015: An diesem Tag kommt es in diesem Haus zum Vierfachmord.
Kurz vor Mittag geht bei der Feuerwehr Rupperswil-Auenstein ein Notruf über einen Brand in diesem Einfamilienhaus in Rupperswil ein.
Beim Einsatz finden Feuerwehrleute vier verkohlte Leichen im Haus.
Schnell ist klar: Es handelt sich um ein Verbrechen. Die Opfer waren gefesselt und wiesen Stich- und Schnittverletzungen auf.
Eine Forensikerin auf dem Weg zum Tatort im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier.
Die Ermittler sichern Spuren im und um das Haus.
Kapo-Medienchef Roland Pfister informiert die Medien über die vier gefundenen Leichen im Wohnhaus.
23. Dezember 2015: Zwei Tage nach der Bluttat sind die Opfer identifiziert: Es handelt sich um Carla Schauer (†48), ihre beiden Söhne Davin (†13) und Dion (†19) sowie dessen Freundin Simona (†21).
Mit Flugblättern sucht die Polizei bald in Rupperswil nach Personen, die Auskunft zur Bluttat mit den vier Personen machen können.
Auf dem Flugblatt ist auch dieses Bild von Carla Schauer (†48) zu sehen, aufgenommen von einer Überwachungskamera: Sie hebt Geld an einem Bankschalter in Wildegg ab. Es sind zirka 9000 Franken.
Später veröffentlicht die Polizei auch dieses Bild: Carla Schauer hebt knapp 20 Minuten nach dem ersten Geldbezug in Wildegg an einem Geldautomaten in Rupperswil 1000 Euro ab.
Trauerbekundungen beim Haus im Rupperswiler Spitzbirrli-Quartier, wo die vier getöteten Personen gefunden wurden.
Die Ermittlungsarbeiten zum Tötungsdelikt in Rupperswil reissen auch über die Feiertage nicht ab.
Für die Ermittler bedeutet der Fall Knochenarbeit: Ein Polizist leuchtet in einen Schacht.
8. Januar 2016: In Rupperswil findet ein Gedenk-Gottesdienst für die Opfer statt.
Rund 500 Personen wohnten dem Trauer-Gottesdienst bei. Wegen des grossen Andrangs mussten rund 200 Gäste den Gottesdienst vom Saal des Kirchgemeindehauses aus verfolgen.
Der Schock über die schreckliche Tat sitzt tief: Trauernde geben sich Halt
21. Januar 2016: Die Aargauer Staatsanwaltschaft gelangt an die ZDF-Sendung "Aktenzeichen XY – ungelöst". Im April wird der Mordfall von Rupperswil in München aufgezeichnet.
18. Februar 2016: Polizei und Staatsanwaltschaft informieren erstmals ausführlich über die Geschehnisse in Rupperswil an einer Pressekonferenz.
An dieser Pressekonferenz setzen die Behörden eine Belohnung von bis zu 100'000 Franken für Hinweise auf die Täterschaft aus.
Aus der Bevölkerung gehen hunderte Hinweise ein – keiner führt die Polizei auf die richtige Spur. Um den Vierfachmord von Rupperswil aufzuklären, haben die Aargauer Untersuchungsbehörden einen Aufwand betrieben wie noch nie zuvor.
13. Mai 2016: Fast fünf Monate nach dem Tötungsdelikt laden Polizei und Staatsanwaltschaft kurzfristig zu einer zweiten grossen Pressekonferenz ein.
Oberstaatsanwalt Philipp Umbricht enthüllt: Der Täter ist gefasst! Es handelt sich um einen 33-Jährigen aus Rupperswil, der nicht vorbestraft ist.
Der mutmassliche Mörder von Rupperswil: Thomas N. war jahrelang Fussball-Trainer und betreute C-Junioren.
Seine Fussballkollegen beschreiben ihn als Einzelgänger und guten Trainer.
In diesem Haus in Rupperswil – nur wenige Meter vom Haus der Familie Schauer entfernt – wohnte Thomas N.
Diesen Rucksack mit Tatutensilien für den nächsten Mord hat die Polizei im Haus von Thomas N. sichergestellt.
Die Haustür des Gebäudes wurde von der Polizei – nach einer Hausdurchsuchung – amtlich versiegelt.
Wenige Tage nach der Ergreifung des Täters wird bekannt: Die Rechtsanwältin Renate Senn wird den Mörder von Rupperswil vor Gericht vertreten.
21. Dezember 2016: Ein Jahr nach der Tat gab es in Rupperswil keine Gedenkfeier. Ammann Ruedi Hediger: «Die Wunden «sind am Verheilen.»
7. September 2017: Staatsanwältin Barbara Loppacher von der Staatsanwaltschaft Lenzburg-Aarau erhebt Anklage.
13. März 2018: In diesem Saal in Schafisheim soll die Verhandlung stattfinden.

Der mutmassliche Täter Thomas N. und das Mordhaus in Rupperswil (Fotomontage)

Fotos: HO und Sandra Ardizzone / Montage: az

Georg Metger (49) wagt sich schrittweise an die Öffentlichkeit. Er ist der Partner von Carla Schauer, die am 21. Dezember 2015 mit ihren zwei Söhnen und der Freundin des älteren Sohns in Rupperswil ermordet wurde.

Im Januar 2016 äussert er sich erstmals und dementiert im «Blick» Gerüchte über Beziehungsprobleme: «Von einer Trennung waren wir weit entfernt. Es war voller Harmonie zwischen uns. Bis zum Schluss.» Kurz vor der Tat habe er seine Carla zu einem Candle-Light-Dinner ins Restaurant Bären ausgeführt.

Im Mai 2016 lässt er sich von SRF-Reportern der «Rundschau» filmen, wie er an seinem Laptop die Medienkonferenz der Ermittler live mitverfolgt. Aus dem Lautsprecher ertönt die Stimme der Staatsanwältin: «Der Täter ist ein 33-jähriger Schweizer aus Rupperswil.»

Metger blickt vom Laptop auf und sagt in die Kamera: «Jesses Gott. Unglaublich. Jemand aus unserem Dorf. Das hätten wir nie gedacht. Dass jemand so kaltblütig sein kann.» Dem «Lenzburger Bezirksanzeiger» schickt er danach sein vorläufig letztes Statement: «Ich wünsche allen, dass wir nun lernen, nach vorne zu schauen.»

Georg Metger, Angehöriger der Mordopfer.

Georg Metger, Angehöriger der Mordopfer.

Screenshot SRF

Nun plant Metger den ganz grossen Schritt: Nach dem Gerichtsprozess, der am 13. März beginnt, veröffentlicht er seine Sicht in Buchform. Der Zürcher Wörterseh-Verlag hat sich die Rechte gesichert. Verlegerin Gabriella Baumann-von Arx und der Autor wollen sich noch nicht äussern, denn die Verkaufskampagne soll mit einem Überraschungseffekt lanciert werden. Der Deal mit der Medienpartnerin für den Abdruck des ersten Auszuges steht bereits. Die Geschichte des Vierfachmords an der Familie wird die «Schweizer Familie» im Originalton bringen.

Spezielle Perspektive

Der Partner der Mutter kann das brutalste Verbrechen der jüngeren Schweizer Geschichte aus einer speziellen literarischen Perspektive schildern. Er war nah dran und doch weit weg. Der Täter wartete an diesem Montagmorgen, bis Metger das Haus verlassen hatte, und klingelte. Der Student aus der Nachbarschaft begann mit der Mutter ein freundliches Gespräch. Plötzlich bedrohte er den jüngeren Sohn und zwang sie, den älteren Sohn und dessen Freundin zu fesseln. Er wies die 48-jährige Mutter an, bei zwei Banken 10'000 Franken abzuheben. Als sie zurückkam und ihm das Geld gab, fesselte er sie, missbrauchte den jüngeren Sohn sexuell, schnitt allen vieren die Kehle durch und zündete sie an. So schilderte die Staatsanwaltschaft den Ablauf. Der Täter sei geständig.

Eine Woche nach der Tat: Die Gedenkstätte vor dem Haus in Rupperswil. Ab dem 13. März wird der mutmassliche Täter an der öffentlichen Gerichtsverhandlung dazu befragt.

Eine Woche nach der Tat: Die Gedenkstätte vor dem Haus in Rupperswil. Ab dem 13. März wird der mutmassliche Täter an der öffentlichen Gerichtsverhandlung dazu befragt.

Mario Heller

Der Markt der Opferliteratur

Doch der Stoff einer Opfergeschichte kann noch so bewegend sein; ob sie sich gut verkaufen lässt, steht auf einem anderen Blatt. Diese Erfahrung machte der Wörterseh-Verlag mit seiner jüngsten Enthüllung. Vor einem Jahr veröffentlichte er «Jürg Jegges dunkle Seite», die Geschichte des Missbrauchsopfers Markus Zangger. Dem Verlag glückte der Überraschungseffekt und er erzielte maximale Medienaufmerksamkeit. Doch das Buch wurde zum Ladenhüter. Verlegerin Baumann hatte gehofft, sich ein Stück des Erfolgs von Jegges Pädagogik-Standardwerk «Dummheit ist lernbar» abschneiden zu können. Der Bestseller verkaufte sich mehr als 200'000 Mal. Doch die Geschichte des Missbrauchsopfers ging bloss 2000 Mal über den Ladentisch. Kürzlich mutmasste Baumann über die Gründe für den Flop: «Das Opfer ist männlich und fast 60. Ich habe das Gefühl, dass das Buch einer jungen Frau auf mehr Interesse gestossen wäre.»

Das Interesse für Opfergeschichten ist in den 1970er-Jahren entstanden. Philipp Theisohn, Literaturprofessor der Universität Zürich, sagt: «Im Zuge der emanzipatorischen Bewegung erhielt das Opfer eine Stimme.» Fünfzig Jahre später hat die Wissenschaft allerdings nicht einmal einen einprägsamen Namen für das Genre gefunden. Theisohn verwendet den Begriff «Betroffenheitsliteratur» nicht, da er abwertend sei und dem Opfergestus widerspreche. Ein Opfer sage: «Meine Erfahrung ist einzigartig.» Die Bezeichnung «Betroffenheitsliteratur» meine: «Das ist eine Masche.» Theisohn bevorzugt deshalb den Begriff «Verständigungstext». Er bedeute: «Jemand schildert seine Rolle in der Gesellschaft, seine Prägung und seine Deformierung.» Das Schreiben könne einem Opfer helfen, sein Trauma zu bewältigen.

Der Literaturprofessor sinniert: «Warum sind Opfergeschichten erfolgreich? Geht es da tatsächlich immer um Betroffenheit? Oder um Voyeurismus?» Bei jedem Opferdiskurs gebe es eine Sensationslust. Die Sensation sei schon im Opferbegriff enthalten. Ein Opfer sei ein Ausgesonderter. Somit sei die Person nicht wie alle anderen, sondern spektakulär. Theisohn fragt: «Darf man mit seinem Schicksal hausieren gehen?» Er findet es nicht verwerflich. Der Literaturbetrieb funktioniere nun mal nach ökonomischen Prinzipien.

Anwalt rät nur in einem Fall ab

Ein potenzieller Käufer für Metgers Geschichte meldet sich bereits: Valentin Landmann, Buchautor und Strafverteidiger. Er sagt: «Die Wahrnehmung des Opfers in einem derartigen Fall dürfte viele Leute interessieren. Auch mich persönlich.» Wenn seine Klienten ihre Geschichten publizieren wollten, rate er ihnen grundsätzlich nicht ab, mit einer Ausnahme: «Wenn jemand aus Rache eine Abrechnung mit der Justiz schreiben will, mahne ich zu Vorsicht.»

Dieser Fehler kann Metger nicht passieren. Er hat das Buch verfasst, bevor die Justiz ihren Teil der Geschichte schreibt.

Literatur von Opfern

Markus Zangger: Jürg Jegges dunkle Seite

Im Frühling 2017 machte Markus Zangger in einem Buch publik, wie er als Schüler von seinem Lehrer Jürg Jegge sexuell missbraucht worden war. Damit zerstörte er die Reputation des gefeierten Pädagogen. Die Staatsanwaltschaft eröffnete ein Verfahren gegen Jegge, stellte es aber wegen Verjährung ein.

Natascha Kampusch: 3096 Tage

Natascha Kampusch wurde 1998 entführt und konnte erst 2006 flüchten. Sie veröffentlichte zwei Bücher (3096 Tage und 10 Jahre Freiheit), moderierte eine Talkshow und gab eine Schmuckkollektion heraus. Das Erstlingswerk landete auf Platz 1 der Bestsellerliste.

Amanda Knox: Zeit, gehört zu werden

Die amerikanische Studentin Amanda Knox studierte in Italien und wurde dabei in einen Mordfall verwickelt. Vier Jahre sass sie im Gefängnis, bis sie 2011 freigesprochen wurde. Sie erzählt ihre Geschichte als Justiz-Opfer.

Sacha Batthyany: Und was hat das mit mir zu tun?

Der Schweizer Journalist Sacha Batthyany schildert in seinem 2016 erschienen Buch die Geschichte seiner Grosstante, die am Nazi-Massaker von Rechnitz beteiligt war. Er war ein Opfer seiner Familiengeschichte und wurde für den Schweizer Buchpreis nominiert.

Binjamin Wilkomirski: Bruchstücke

Ein Verlag der Suhrkamp-Gruppe veröffentlichte 1995 eine Autobiografie eines Binjamin Wilkomirski. Der Ich-Erzähler erzählte seine Kindheitserinnerungen zur Nazi-Zeit. Drei Jahre später enthüllte die «Weltwoche», dass es sich um ein Pseudonym und die Fiktion des Schweizers Bruno Dössekker handelt.