Eine ehrgeizige Politikerin mischt die Meisterschwander Politik auf: Michelle Rütti (32), Vizepräsidentin der SVP Aargau. Rütti wohnt seit 2015 im Dorf und tritt bei den Gemeinderatswahlen gegen zwei Einheimische an: Christoph Häusermann (43) von der FDP und die frühere Posthalterin Priska Notter (48). Damit buhlen drei Kandidaten um die zwei freien Sitze im Gemeinderat.

Die Wahlen sind nicht nur deshalb spannend. Michelle Rütti kandidiert gleichzeitig für die Schulpflege. Das ist möglich, aber umstritten. Es hagelt deshalb Leserbriefe: Der frühere Gemeindepräsident Kurt Kaufmann (FDP) schaltete sich hier in die Diskussion ein und warnte öffentlich vor Interessenkonflikten: «Der Gemeinderat ist dem Dorf verpflichtet, die Mitglieder der Schulpflege dagegen der Schule Meisterschwanden und auch der Oberstufe der vier Gemeinden des Oberen Seetals.» Ein Gemeinderat in der dreiköpfigen Schulpflege von Meisterschwanden sei zu vermeiden.

Misstöne zwischen FDP und SVP

Das Thema schlägt in Meisterschwanden so hohe Wellen, dass sich der Gemeinderat vor einer Woche in den Wahlkampf einschaltete. In einer Stellungnahme hielt er nochmals fest, was er im Mai mitgeteilt hatte: Das Doppelmandat sei ein Vorschlag und ein Wunsch des Gemeinderates. Die Schule könne so besser unterstützt werden. «Es wird angestrebt, dass das Gemeinderatsmitglied mit dem Ressort Schule gleichzeitig Mitglied der Schulpflege wird», so der Gemeinderat. Dies verbessere den Informationsfluss und die Unterstützung zwischen den Behörden.

Das Doppelmandat ist damit keine Erfindung von Michelle Rütti. Sie wurde von der SVP angefragt, ob sie die beiden Ämter übernehmen möchte. Dieses Vorgehen hat gleichzeitig zwei starke Verbündete entzweit: Die Stimmung zwischen den Ortsparteien SVP und FDP ist im Keller. «Wir haben das Doppelmandat breit diskutiert und sind der Meinung, dass ein Gemeinderat nicht gleichzeitig in der Schulpflege sitzen soll», sagt FDP-Präsident Paul Stocker. «Zudem ist der Zeitaufwand gross, vor allem weil unsere Schulpflege nur drei Mitglieder zählt.» Die FDP habe deshalb entschieden, dieses System nicht zu unterstützen und keine gemeinsame Liste zu machen. Das heisst: Die FDP unterstützt nur ihre beiden Kandidaten Dieter Studer (bisher) und Christoph Häusermann (neu).

Die SVP reagierte prompt: «Weil die FDP nur ihre Kandidaten empfiehlt, unterstützen wir nur unsere SVP-Kandidaten», sagt Parteipräsident Ueli Haller. Dazu gehören nebst Haller (Gemeindepräsident) Michelle Rütti (neu) sowie Fritz Früh (bisher).

Das ist noch nicht alles: Die SVP portierte zudem Gemeinderat Fritz Früh als neuen Vizepräsidenten. Einige Meisterschwander staunten: Fritz Früh ist parteilos und tritt nun unter der Flagge der SVP gegen FDP-Gemeinderatskollege Dieter Studer an, der auch Vizepräsident werden möchte.

Eine Frau, zu viele Ämter?

Inmitten dieser Konflikte steht Michelle Rütti. Die vielen Leserbriefe haben sie überrascht. «Der Systemwechsel mit dem Doppelmandat ist ein Vorschlag, den wir den Stimmbürgern vorlegen», sagt Rütti. «Ich sagte Ja, weil dies Synergien bringt.» Zudem sei die Schulpflege nie unabhängig vom Gemeinderat. «Wenn es ums Geld geht, ist dies Sache des Gemeinderates.»

Das Doppelmandat ist nicht nur wegen möglicher Interessenkonflikte umstritten: «Die Doppelbelastung ist nicht zu unterschätzen», sagte Franco Corsiglia, Präsident der Vereinigung Aargauer Schulpflegepräsidenten (VASP), Anfang Monat in diesem Zusammenhang der AZ. Corsiglia: «Die Ämter sind zeitintensiv. Wir hatten in Gemeinden mit einem solchen Doppelmandat schon schnelle Rücktritte.»

Im Fall von Michelle Rütti stellt sich die Frage nach der Belastung tatsächlich: Rütti ist unter anderem Vizepräsidentin der SVP Aargau, sitzt im Parteivorstand der SVP Schweiz, hat vor wenigen Tagen ihr zweites Kind bekommen und möchte nach dem Mutterschaftsurlaub mit einem 40-Prozent- Pensum wieder als Einkäuferin bei einem Modeunternehmen arbeiten. Wie geht das auf? Zumal das Doppelmandat Gemeinderat/Schulpflege einem geschätzten Pensum von 30 bis 40 Prozent entspricht? «Das geht», sagt Rütti. «Ich arbeite gerne mal am Wochenende, stehe früh auf und gehe abends später ins Bett, wenn es nötig ist.» Ehemann und Familie seien zudem eine Unterstützung. Und: «Ich habe nebst Familie und Politik keine Hobbys.»

Michelle Rütti möchte deshalb auch nicht ausschliessen, dass sie bei den nächsten Wahlen für den Grossen Rat bzw. den Nationalrat zum zweiten Mal kandidiert. «Das ist aber noch weit weg», so Rütti. «Ich schaue nun, wie sich alles entwickelt. Meine Lust auf Politik ist aber gross.»