Neue Boutique in Lenzburg
Verträgt die Altstadt ein weiteres Mode-Geschäft?

Wo früher Bier ausgeschenkt wurde, hat Monika Studer die «Kleidergalerie» eröffnet. Sie erklärt, wieso ihre Boutique trotz vielen Konkurrenzangeboten erfolgreich sein wird.

Ruth Steiner
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Früher zechten hier die Jungen in der Bar Nachtschicht, jetzt lockt Monika Studer mit Mode für die Dame jeden Alters in die Leuengasse. Ruth Steiner

Früher zechten hier die Jungen in der Bar Nachtschicht, jetzt lockt Monika Studer mit Mode für die Dame jeden Alters in die Leuengasse. Ruth Steiner

Vor wenigen Tagen hat sich Monika Studer mit 53 Jahren ihren lang gehegten Mädchentraum erfüllt: Sie hat in der Altstadt die Modeboutique Kleidergalerie eröffnet. Jetzt ist sie ihr eigener Herr und Meister.

Auf den ersten Blick sieht es in ihrer «Kleidergalerie» eher nach einer stilvoll eingerichteten Wohnung aus, denn nach einem Kleidergeschäft. Das Sortiment an exklusiver Damenmode ist im rückwärtigen Bereich ausgelegt. Gleich beim Eingang steht ein Sekretär, ein Erbstück von Studers Grossmutter, den Deckel aufgeklappt zu einem Schreibtisch, als wolle sich gerade jemand hinsetzen und einen Brief schreiben. An der Wand gegenüber steht ein riesiger antiker Kleiderschrank, im linken Türflügel ist ein Spiegel eingelegt. «Das ist unser Hochzeitsschrank», lacht Studer. Und in der Mitte schliesslich steht als Herzstück ein grosser runder Tisch. Es ist sozusagen der Stammtisch, hier sollen sich die Kundinnen zum Schwatz treffen, untereinander oder mit der Chefin selber.

Der Tisch ist denn auch ein wenig eine Hommage an die Bar, die vormals in den Räumen betrieben worden war. Früher war die Leuengasse 12 nämlich ein Platz für die Jungen. In der «Nachtschicht» wurde Bier getrunken und gechillt. Jetzt sind die Zapfhahnen Kleiderstangen gewichen.

Monika Studer hat über drei Jahrzehnte auf diesen Moment hin gearbeitet. Sie hat das Modebusiness von der Pike auf gelernt: Sie hat bei grossen Modeketten im Einkauf gearbeitet, kennt den Zwischenhandel, weiss durch ihre lange Erfahrung im Verkauf, was die modebewusste Frau von heute will. Lange hat der Wunsch nach einer eigenen Boutique in Studer geschlummert: Im eigenen Geschäft verkauft sie nun exklusive Labels für jedes Portemonnaie. Ihr Kleidersortiment ist aufgeteilt in neue Ware und Second Hand. «Letzteres sind hochwertige Stücke für jedes Portemonnaie», sagt sie.

Jetzt ein Überangebot

Mit der «Kleidergalerie» erweitert sich der Reigen der Anbieter für Damenmode um eine Vertreterin. Dabei war er schon vorher beträchtlich: Allein im Umfeld von wenigen Metern hat es mit der Boutique am Brunnen, dem «Fashion Corner», der Boutique Vitrine, dem «Unikum» vier weitere. Zieht man den Radius etwas weiter, kommen gleich nochmals vier hinzu: «Linea Alessandro», «Charles Vögele Mode» sowie im «Müli-Märt» das «Express Clothing» und die Migros, die ebenfalls Kleider anbietet.

Einige sind schon lange Jahre ansässig. Zu ihnen gehört Hanspeter Huber. Seit 35 Jahren verkauft er «exklusive Damen-Mode für die anspruchsvolle Kundin». Vor 8 Jahren hat er den «Fashion Corner» in der Rathausgasse in grössere Räume gezügelt. Und das sind seine Erfahrungen: Lenzburg habe eine potente Kundschaft, das Einzugsgebiet reiche bis ins Seetal. «Wichtig sind dabei das Angebot und das Preissegment, in dem ein Anbieter tätig ist. Wir erleben eine markentreue Kundin.» Das heisst, dass Kunden dort einkaufen, wo sie ihr Lieblingslabel erhalten. Und trotzdem ist Huber skeptisch, für ihn ist das Fass nun am Überlaufen. Er glaubt, dass «in der Altstadt nun ein Überangebot an Modeboutiquen vorhanden ist». Huber führt schweizweit 8 Boutiquen, die Hälfte davon im Aargau. In Bremgarten, Rheinfelden und neuerdings in Berikon.

Mit Seitenblick auf die frei werdenden grossen Ladenflächen in der Rathausgasse sagt er: «Grundsätzlich ist es immer besser, wenn Räume besetzt sind und nicht leer bleiben.» Seiner Meinung nach hat sich die Stadt in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. «Sie ist lebendiger geworden, der Ladenmix in der Altstadt stimmt», sagt er. Und er pflichtet der Präsidentin der Centrums-Vereinigung bei, wenn sie sagt, dass ein Comestibles-Fachgeschäft die Rathausgasse bereichern würde (az 11.2.). Für Huber hat aber auch ein Geschäft für Herrenmode Platz oder «ein Warenhaus, das täte Lenzburg gut.» Dies sei wohl eher illusorisch, dafür sei die Stadt eher zu klein.

Neue Kundschaft ist auch Chance

Maria Farsaci führt mit ihrem Mann seit 32 Jahren das auf italienische Mode spezialisierte «Linea Alessandro». Sie sagt: «Das Angebot der neuen Boutique ist auf eine andere Kundschaft ausgerichtet.»

Nur drei Hauseingänge von der «Kleidergalerie» entfernt führt Maja Gsell die Boutique am Brunnen. Sie ist seit fünf Jahren auf dem Platz ansässig. Sie sieht kein Problem in der neuen Nachbarschaft. Im Gegenteil. «Ein neues Geschäft bringt auch neue Leute in die Altstadt und wird diese beleben», sagt Gsell. Auch sie führt andere Labels als die «Kleidergalerie».

Monika Studer ist sich bewusst: Der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist sehr schmal. Doch habe sie sich nicht blauäugig auf das Abenteuer Lenzburg eingelassen. Die in Rupperswil aufgewachsene Jungunternehmerin hat die Situation vor Ort analysiert, weiss um die Mitbewerber. Ihr Fazit: «Lenzburg ist ein hartes Pflaster. Es wird nicht einfach sein, doch für mich stimmt es.»

Was macht sie trotzdem glauben, dass sie reüssieren wird? «Die Kundinnen werden in mir eine aufrichtige Beraterin finden.» Jemandem etwas aufschwatzen, sei nicht ihre Art. Sie sage es, wenn ein Kleidungsstück nicht zur Kundin passe. Diese merke das ja auch, doch dann sei es zu spät. «Das sind jene Sachen, die im Kleiderschrank hängen bleiben und nie getragen werden. Und diese sind, egal, zu welchem Preis sie auch immer gekauft wurden, definitiv zu teuer.»