Lenzburg
Vernunft vor Ehrgeiz – Lenzburgerin scheitert bei Himalaya-Expedition

Die Lenzburgerin Brigitte Vogel wollte unbedingt auf dem Himlung Himal stehen, musste jedoch kurz vor dem Ziel aufgeben. Vor dem Aufstieg auf 7000 Meter konnte sie nichts mehr essen und nicht schlafen. Doch das Abenteuer soll weitergehen.

Ruth Steiner
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Auf zum Gipfelabenteuer: Der Weg auf die Spitze des über 7000 Meter hohen Himlung Himal ist lang und beschwerlich.Tommy Dätwyler

Auf zum Gipfelabenteuer: Der Weg auf die Spitze des über 7000 Meter hohen Himlung Himal ist lang und beschwerlich.Tommy Dätwyler

Tommy Dätwyler

Der Grat zwischen Erfolg und Scheitern ist schmal – je höher man hinaus will, desto enger wird es.

Es gehe ihr gut, sagt Brigitte Vogel zwei Monate nach ihrer Rückkehr von der höhenmedizinischen Forschungsexpedition am Himlung Himal, an der sie als Probandin teilgenommen hat.

Doch jetzt möchte sie weniger über ihren Gesundheitszustand sprechen, denn darüber, weshalb für sie in der Nacht vor dem finalen Aufstieg von 6000 auf 7000 Meter der Traum vom Gipfelsturm ein jähes Ende fand. Denn für eine wie sie, deren eiserner Wille Verstand und Körper zu lenken und voranzutreiben vermag, kam diese Aufgabe im ersten Moment einem Versagen gleich.

Auf sich alleine gestellt, musste sie sich eingestehen: Für den bevorstehenden Aufstieg bist du im jetzigen Zeitpunkt nicht fit genug. Was war passiert? Vogel erinnert sich: «Ich lag im Hochlager II allein im Zelt in meinem Schlafsack, hatte nichts gegessen, konnte nicht schlafen und fror wie ein Schlosshund.»

Als erprobte Berggängerin wusste sie genau, dass sie damit denkbar schlechte Karten für die anspruchsvolle Schlussetappe in der Hand hatte. In diesem Zustand würde sie der körperlichen Anstrengung wohl kaum gewachsen sein.

Brigitte Vogel

Brigitte Vogel

Zur Verfügung gestellt

Trotzdem focht sie während neun Stunden in der Einsamkeit des eiskalten Zeltes den inneren Kampf mit sich selber aus: Gehe ich oder nicht.

Der Verstand, so sagt sie, hatte das Machtwort längst gesprochen, nur der Ehrgeiz stellte sich weiter quer: «Du hast die Expedition nicht in Angriff genommen, nur um die Natur des Himalaya zu geniessen, sondern mit dem klaren Ziel, auf dem Berg zu stehen.»

Im Hang ist Umkehr unmöglich

«Wenn der Kopf deine Leistungsfähigkeit hinterfragt, dann hast du verloren.» Dessen war sich die 44-Jährige sicher. Trotzdem fuhren ihr Gedanken durch den Sinn wie: Bald weiss die ganze Schweiz, dass du nicht oben warst.

Das sei eine klare Schlappe für eine wie sie. Ebenso war sie sich jedoch bewusst, dass, war man einmal drin im Hang, eine Umkehr schwierig werden dürfte. Im Bewusstsein dessen und dass sie mit einem Fehlentscheid ihrerseits möglicherweise auch die andern am Gipfelerfolg hindern, ja gar in Gefahr bringen könnte, hat sie am Morgen schlussendlich den Verstand walten lassen und auf den finalen Aufstieg verzichtet.

Einen kurzen Moment lang, so sagt sie, habe sie die «persönliche Niederlage» recht geschmerzt. Mit der Distanz von zwei Monaten sitzt sie am Tisch und resümiert: «Dass im entscheidenden Moment doch die Vernunft über den Ehrgeiz siegte, war wohl mein ‹Lehrblätz›.»

Phugaon, ca 4100 m über Meer, das letzte Camp vor dem Basislager auf 4900 m
7 Bilder
Eines der Camps, welches die Bergsteiger auf der Reise zur Himlung Himal aufschalagen werden.
Das Logo zur Expedition der Himlung Himal
Expeditions-Bergführer Kari Kobler ist für die Logistik verantwortlich
Jacqueline Pichler Hefti, Tobias Merz und auf der linken Seite vorne Tommy Dätwyler sowie Matthias Gutmann haben sich am 30.4.2012 getroffen, um die letzten Details zu besprechen.
Höhenmedizinische Forschung am 7126m hohen Himlung Himal, eine Swiss-exped Expedition
Fast 100 Personen werden im Obtober am Berg sein.

Phugaon, ca 4100 m über Meer, das letzte Camp vor dem Basislager auf 4900 m

http://www.pichler.ch/enc/

Und dass sie trotzdem ihren Beitrag dazu leisten konnte, wenn die Ergebnisse der Forschungsexpedition neue medizinische Erkenntnisse bringen, erfüllt sie ebenfalls mit Genugtuung.

Der nächste Berg ruft

Übrigens: Die Frage nach ihrem Gesundheitszustand hat Brigitte Vogel doch noch beantwortet, und zwar so: «Der Zeiger auf der Waage zeigt wieder das normale Gewicht, wobei dies wohl weniger auf wieder antrainierte Muskelmasse denn auf den Konsum von Weihnachtsguetzli zurückzuführen ist.»

Auch die Sehschärfe, die der Linsenträgerin nach der Rückkehr in ihren Berufsalltag Mühe bereitete, scheint sich allmählich wieder zu normalisieren.

Zum Schluss meint sie, dass die 7000 Meter Höhe des Himlung Himal ihr zwar keine Angst bereitet hätten, sie sich jedoch auf Bergen, die etwas tiefer liegen, wohler fühle. Und so rüstet sich die Lenzburgerin bereits für den nächsten Gipfelsturm: Im kommenden Frühling ruft der höchste Berg im Orient.