Zahnarzt sollte er werden. Das hat der Vater seinem Sohn Martin Kuse einmal zum Spass vorgeschlagen. «Damit ich ihm dann zur Pensionierung ein Haus im Tessin kaufen kann», sagt der 44-Jährige lachend. Doch Martin Kuse entschied, einen anderen Weg einzuschlagen und evangelische Theologie zu studieren.

Seit nunmehr 15 Jahren arbeitet er als reformierter Pfarrer in der Kirchgemeinde Möriken-Wildegg. In wenigen Wochen ist er nicht mehr nur in der Region bekannt: Ab Oktober wird er regelmässig in der Sendung «Wort zum Sonntag» im Schweizer Fernsehen zu sehen sein.

«Die Anfrage hat mich überrascht», sagt Martin Kuse und erinnert sich an den Frühlingstag, als er gemeinsam mit anderen Kandidaten unverbindlich in das SRF-Studio eingeladen wurde, vor der Kamera zu stehen.

«Es war gewöhnungsbedürftig, aber spannend», sagt der Familienvater, der seine Worte mit Bedacht wählt und eine grosse innere Ruhe ausstrahlt.

Nach einem ersten Drehtag folgten weitere Auswahlverfahren. Schliesslich wurde der Möriker in das neue fünfköpfige Team bestimmt, das ab Oktober für die nächsten eineinhalb Jahre das «Wort zum Sonntag» sprechen wird.

Neugier und Respekt ist da

In der Sendung wird Martin Kuse in knapp vier Minuten einen christlichen Kommentar zum aktuellen Zeitgeschehen abgeben und gesellschaftliche Debatten mit einem kritischen Blick beleuchten.

Der reformierte Pfarrer nimmt die neue Herausforderung mit Neugier, aber auch mit einem gewissen Respekt an. Zwar sei er es gewohnt, vor Leuten zu sprechen und in der Öffentlichkeit zu stehen: «Das Publikum und die Reichweite der Sendung bewegen sich jedoch in einer ganz anderen Dimension.»

Er ist sich bewusst, dass seine Worte gleichzeitig Kritik auslösen und Anklang finden können. «Darauf muss ich vorbereitet sein», sagt Kuse.

Um als Seelsorger den Menschen gegenüber eine neutrale Position zu wahren, gibt er sich mit politischen Stellungnahmen zurückhaltend. In der Sendung hingegen wird er seine persönliche Meinung zum Ausdruck bringen. Die Debatten, zu denen er Stellung beziehen wird, sind nicht vorgegeben. «Es gibt eine allgemeine Leitlinie. Das Thema bestimme ich aber selber.»

Brennende Themen beleuchten

Martin Kuse, der eine liberal-offene Position innerhalb der Theologie vertritt, möchte sich vor allem mit Themen rund um die Gesellschaft beschäftigen. «Unser Zeitgeist befindet sich in einer heiklen Phase. Einerseits haben wir es mit einem enormen Wohlstand zu tun, andererseits kämpfen wir gegen verschiedene Krisen an», sagt er.

Umweltprobleme, unbegrenztes Wachstum, Verschuldung und Finanzkrise seien nur einige wenige Themen, die er beleuchten will. Denn die Gesellschaft, so Kuse, sei sich bewusst, dass Probleme vorhanden seien. Jedoch würde sie versuchen, diese zu überspielen.

«Andere Qualitäten als nur den Wohlstand»

Er ist der Meinung, dass sich die Kirche öfters zu solchen brennenden Fragen äussern sollte: «In der christlichen Tradition gibt es gute Ansätze, auf die wir heutzutage zugreifen sollten. Wir brauchen andere Qualitäten als nur den Wohlstand.»

In seinen Fernsehkommentaren möchte Kuse den Menschen nahelegen, sich wieder als ganzheitliche Wesen zu begreifen und sich nicht nur durch einen Leistungsausweis zu definieren. «Der Lebensinhalt besteht weit mehr als nur aus dem Versuch, den Gewinn zu maximieren», sagt er.

Beim Sport fliegen die Ideen zu

Das «Wort zum Sonntag» spricht Martin Kuse erstmals am 25. Oktober. Die Inspiration für die knapp vierminütige Sendung wird er sich — genauso wie für seine tägliche Arbeit — im Grünen, mit Sport oder beim Zeitungslesen holen.

«Wenn ich aktiv bin, fliegen mir die Ideen zu. Bewegung ist mir wichtig», sagt er. So kommt es nicht selten vor, dass Kuse vor oder nach der Arbeit die Laufschuhe schnürt und am Schloss Wildegg vorbeijoggt. «Wenn ich eine schwierige Beerdigung habe, muss ich danach über den Berg rennen. Das hilft, abzuschalten», sagt der Pfarrer.

Auch wenn er künftig in regelmässigen Abständen am Bildschirm zu sehen ist, wird sich für ihn nicht viel ändern — ausser, dass er mit seinen Worten nicht nur die Region, sondern bald auch die ganze Schweiz erreicht.