Birrwil
Ungewöhnlicher Weg in die Politik: Sie hat mit 52 die Ärmel nochmals hochgekrempelt

Gemeindeammann Verena Christens Weg in die Politik war eher ungewöhnlich, aber er passt zu der 52-Jährigen: bescheiden, zurückhaltend, aber auch nach vorne schauend und bemüht, ihren Teil beizutragen.

Michael Küng
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Schon bald verlässt Verena Christen das Gemeindehaus von Birrwil zum letzten Mal als Frau Gemeindeammann.

Schon bald verlässt Verena Christen das Gemeindehaus von Birrwil zum letzten Mal als Frau Gemeindeammann.

Michael Küng

Es waren die Nachbarn, die Verena Christen (61) auf die Idee brachten, sich zur Wahl für den Gemeinderat zu stellen. Sie würde das sicher gut machen, meinten sie. Christen winkte erst einmal ab, bevor sie vier Jahre später dann doch bereit war für eine neue Herausforderung: «Da war ich gerade 52. Und mit 50 sollte man noch einmal etwas Neues anfangen, sagt man doch.»

Verena Christens Weg in die Politik passt zu ihr: bescheiden, zurückhaltend, aber auch nach vorne schauend und bemüht, ihren Teil beizutragen. Wir treffen uns im Gemeindehaus von Birrwil, hoch über dem Hallwilersee. Es ist der letzte schöne Tag, bevor auch das Seetal vom dicken Winternebel eingeholt wird.

«Der Start im Gemeinderat war sehr herausfordernd», erinnert sich Christen. «Ich hatte es plötzlich mit Themen zu tun, mit denen ich mich noch nie zuvor auseinandergesetzt hatte». Ihre Mitarbeit bei einem Jahrhundert-Projekt war gleich eine Holzschnitzelheizung für die Gemeinde. «Der Stolz und die Freude waren riesig, als die Heizung an der Gemeindeversammlung grossmehrheitlich angenommen wurde und wir zwei Jahre später die Einweihung feiern konnten», sagt Christen.

Überrascht wurde Christen dafür, als sie auf Anstoss einiger «Berbuer» die Neubepflanzung der kleinen Blumenbeete vor dem Gemeindehaus vorschlug. Ein Ratskollege erinnerte daran, dass eine Neubepflanzung nur von Dauer sein könne, wenn das angrenzende Mauerwerk saniert werde.

Ein Spezialist wies anschliessend daraufhin hin, dass diese Sanierung wiederum nur Sinn mache, wenn auch die Entwässerung überarbeitet werde, um das Mauerwerk in Schuss halten zu können. So wurde aus ein paar kleinen Blumenbeeten ein Sanierungsprojekt über 420 000 Franken. Die Gemeindeversammlung winkte es durch und Verena Christen dämmerte es, wie komplex ihre neue Arbeit werden wird. «Ich lernte schnell, vernetzt zu denken», blickt sie zurück.

«Zu meinen Höhepunkten zählt die Arbeit im Vorstand vom Lebensraum Lenzburg Seetal. Es ist ein schönes Gefühl, mit den anderen Gemeinden zusammen an Lösungen zu arbeiten», sagt Christen. Verkehr, Tourismuslenkung und Littering zählen zu den Themen, die gemeinsam behandelt wurden. «Ein toller Erfolg ist die Anstellung der Hallwilersee-Ranger beim Verein Hallwilersee für Mensch und Natur, die nun rund um den See unterwegs sind und für die Einhaltung der Regeln sorgen, vor allem aber Fussgängern und Touristen Auskunft geben über die vielfältige Landschaft, Flora und Fauna am See», sagt sie.

Veloweg fehlt

Am vergangenen Montag war die letzte Sitzung mit Frau Gemeindeammann Verena Christen. Es ging um die Einführung von Gever, der elektronischen Geschäftsverwaltung; ein wichtiges Geschäft für die Zukunft. «Ich habe mich auf meine letzte Sitzung gefreut, wie ich mich auf alle Sitzungen mit dem Gemeinderat gefreut habe», sagt Christen.

Als Wermutstropfen in ihrer Amtszeit bezeichnet sie den immer noch nicht realisierten Veloweg an der Seetalstrasse nach Boniswil, den Birrwil seit langem schon ersehne. «Die Strasse ist dort sehr eng und dementsprechend für Velo- wie Autofahrer heikel zu befahren», sagt sie.

Aktuell wird jedoch die Seestrasse saniert, ebenfalls ein Jahrhundert-Projekt, eines der letzten Geschäfte des «alten» Gemeinderats. «Das Projekt erfordert viel Fingerspitzengefühl, weil wir auch da sehr enge Platzverhältnisse haben und mit den Bauarbeiten sowie der extra angelegten Notstrasse die Anwohner so wenig wie möglich belasten möchten», sagt Christen.

Bis zuletzt ist sie im Schuss. «Ich war immer eine sehr stolze Frau Gemeindeammann für Berbu. Für die Gemeinde wünsche ich mir, dass sie ihre Selbstständigkeit bewahrt und authentisch bleibt.»

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