Leicht zusammengekauert sitzt Ari (Name geändert) auf der Anklagebank des Bezirksgerichts Lenzburg, den Blick vor sich auf das Tischblatt gerichtet. Er schaut jeweils kurz auf, wenn er angesprochen wird. Ein gross gewachsener, leicht untersetzter bärtiger junger Mann mit einem frischen Kurzhaarschnitt. Seine Hände liegen auf dem Tisch, gefaltet wie zum Gebet.

Ari trägt hellgraue Hosen und ein schwarzes T-Shirt. Genauso schwarz wie das Shirt, das er sich an jenem Donnerstag, 11. Februar 2016, nach 20 Uhr über den Kopf stülpte und mit Kabelbinder befestigte, nachdem er zuvor mit einer Schere zwei Löcher für die Augen ausgeschnitten hatte.

Mit dem Oberteil maskiert und mit einer Aluminiumstange bewaffnet, machte er sich auf den Weg in den Volg Hunzenschwil. Dort bedrohte er die beiden anwesenden jungen Verkäuferinnen, packte die eine mit der Hand im Nackenbereich und zerrte sie zur Kasse. Die Aluminiumstange hielt er ihr ans Gesicht. Mit dieser Drohgebärde hielt er auch die zweite Verkäuferin in Schach. Rund 1000 Franken befanden sich zu diesem Zeitpunkt in der Kasse. Diese nahm Ari an sich und rannte damit aus der Volg-Filiale.

Als Raser auf der Autobahn

So steht es in der Anklageschrift. Laut dieser hat Ari jedoch noch einiges mehr auf dem Kerbholz. Für den gesamten Deliktumfang wollte die Staatsanwaltschaft den mittlerweile 23-Jährigen für drei Jahre und zwei Monate hinter Gitter bringen.

Nebst dem Überfall auf den Dorfladen in Hunzenschwil werden dem jungen Kosovaren noch verschiedene Verkehrsdelikte, Besitz von Marihuana und Widerhandlung gegen das Waffengesetz zur Last gelegt. Ari hat all diese Handlungen mit Fotos und Filmen dokumentiert.

Er filmte sich selber mit dem Handy, beispielsweise als er laut Anklageschrift «mit einer Geschwindigkeit von bis zu über 200 Kilometern pro Stunde» über die Autobahn A 1 von Herzogenbuchsee nach Hunzenschwil bretterte. Dabei, so heisst es, habe der Angeklagte Freudenschreie ausgestossen und Kommentare abgegeben wie «Ohh yea! Ich flüüge, Furkan, ich flüüge». Vor ihm fahrende Autos habe er mit Lichthupen und nahem Auffahren bedrängt und laut dem Filmbeweis kommentiert mit wüsten Kraftausdrücken, die nicht zitierfähig sind.

Mit Marihuana-Besitz geblufft

Aris Sündenregister ist noch länger: Er hat sich mit einer Soft-Air-Waffe eines Kollegen fotografieren lassen, obwohl ihm dies als kosovarischer Staatsangehöriger verboten ist. Zudem stellte er ein «Poser-Foto» in einen Whatsapp-Chat, auf welchem er sich selber mit rund 50 Gramm Marihuana auf dem Schoss fotografiert hatte. Sein Chat-Kommentar dazu: «Was wotsh mit lehrlingslohn, wenn so risse chasch?»

Das Gericht war gefordert mit der Beurteilung des Falles. Idiotisches, aufschneiderisches Handeln eines unreifen jungen Mannes – oder rücksichtsloses, absichtliches Delinquieren?

Seit den Taten sind mittlerweile gut zwei Jahre verstrichen. Dem Gericht erzählte Ari, er habe sich gefangen, sei verheiratet, Vater geworden, habe eine Festanstellung und mache eine Ausbildung zum Anlageführer. «Ich habe mich gebessert, sorge für meine Familie», sagte er. Zudem sei er in psychologischer Behandlung, um seine Aggressionen in Griff zu bekommen.

Über die Zeit zwischen dem 18. und 21. Lebensjahr sagt Ari, er sei «strub und mit den falschen Leuten unterwegs gewesen». An die Konsequenzen, welche diese Taten nach sich ziehen, habe er zu keiner Zeit gedacht.

Und zum Volg-Raub meinte er: «Ich sage ehrlich, ich weiss nicht, wie ich auf diese Idee gekommen bin.» Sie sei aus dem Nichts heraus entstanden und er habe sie sofort umgesetzt. Bei den beiden Verkäuferinnen habe er sich später schriftlich und persönlich entschuldigt.

Ein Jahr unbedingt

Das Gericht verurteilte Ari zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren, zwei davon aufgeschoben mit einer Probezeit von vier Jahren. Ein Jahr muss der 23-Jährige absitzen.

Das Gericht straft damit das wiederholte Delinquieren, attestierte Ari jedoch, offenbar den Rank gefunden zu haben. Für die unbedingte Gefängnisstrafe sieht das Bezirksgericht die Möglichkeit einer Halbgefangenschaft, damit der junge Familienvater weiter arbeiten könne.