Lenzburg
Trotz Vertrag: Baupiste statt Schlittelhang

Lenzburg Die der örtlichen Jugend zugedachte Schulmatte am Bölli wird von der Stadt zweckentfremdet. Weil auf der benachbarten Parzelle ein Terrassenhaus gebaut wird, ist die Schulmatte nun eine Baupiste.

Fritz Thut
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Bauinstallationen rund um den Erinnerungsstein der eigentlich freizuhaltenden Schulmatte in Lenzburg.

Bauinstallationen rund um den Erinnerungsstein der eigentlich freizuhaltenden Schulmatte in Lenzburg.

tf

Am Südende des Lenzburger Siedlungsgebietes gibt es in der bunt gescheckten Bauzonenkarte ein weisses Dreieck. Am Hang zwischen Bölli und Brunnmattstrasse darf nicht gebaut werden. Die Schulmatte wurde der Stadt Lenzburg geschenkt, damit hier die örtliche Jugend des Winters bis in alle Ewigkeit Schlittelfreuden nachgehen kann.

Nun wird auf der benachbarten Parzelle ein Terrassenhaus mit drei Wohnungen gebaut. Für die Installation des Bauplatzes wurde auf der Schulmatte eine Baupiste erstellt und entlang der Grenze wird ein etwa fünf Meter breiter Streifen Land für die Baugrubensicherung beansprucht.

Gegen den Wortlaut des Vertrags

Zahlreiche Lenzburger stören sich an der Zweckentfremdung des den Schülern zugedachten Schlittelhangs. Rolf Schäuble, der ehemalige Verwaltungsratspräsident der Baloîse-Gruppe, wurde als Anwohner offiziell beim Stadtrat vorstellig. «Diese Eingriffe entsprechen nicht dem Wortlaut des Schenkungsvertrags», hält er gegenüber der az Aargauer Zeitung fest. Vom Stadtrat verlangte er, «es sei unverzüglich der ursprüngliche Zustand des Geländes wieder herzustellen».

Zur Unterstreichung der Forderung zitiert Schäuble aus dem Schenkungsvertrag vom 20.Januar1943. Unter Punkt4 steht dort: «Es ist der ausdrückliche Wunsch des Schenkers, dass dieses Areal nie überbauen wird und dass es immer der Schuljugend von Lenzburg (...) zur Verfügung steht.» Dabei soll es «insbesondere den Kleinen und Kleinsten als Wintersportübungsplatz zur Verfügung stehen».

«Beanspruchung vertretbar»

Während Rolf Schäuble auf dem Wort «immer» beharrt, hält der Stadtrat in der prompt erfolgten schriftlichen Antwort vom 21.Oktober fest, dass «die noch ungefähr einen Monat lang dauernde teilweise Beanspruchung der Schulmatte mit einer provisorischen Baupiste vertretbar ist».

Zwischen Bauherr und Bauamt sei ein Zeitplan ausgehandelt worden, «dass die im Schenkungsvertrag vereinbarte Winternutzung nach wie vor gut möglich bleibt».

Grundsätzlich hält der Stadtrat in seinem Schreiben abschliessend fest, dass er sich glücklich schätzt, Geschenke annehmen zu dürfen. Er werde «weiterhin als zuverlässiger Vertragspartner seine Verträge einhalten», und im konkreten Fall schauen, dass die Schuljugend «auch im Winter 2011/12 auf der Schulmatte schlitteln kann».

Grundsätzlich «baufreundlich»

Aus grundsätzlichen Erwägungen ist Schäuble mit der Antwort nicht zufrieden. In einem neuen Schreiben hält er fest, dass «die Nutzung nicht auf die Winterzeit beschränkt ist». Der Stadtrat habe «gar keine Kompetenz, auch nur temporär oder örtlich begrenzt von der Nutzungsbeschränkung abzuweichen».

Gegenüber der az Aargauer Zeitung erachtet es Schäuble als «Ausdruck der Geisteshaltung des Stadtrates stets baufreundlich zu entscheiden». Er selbst habe zwar durch die Vertragsverletzungen keinen Nachteil, doch gehe es ihm grundsätzlich darum, «dem Recht zu Geltung zu verhelfen».

Bis im Sommer 2012 wieder grün

Man müsse die lokalen Verhältnisse berücksichtigen, erklärte Stadtammann und Bauvorstand Hans Huber der az Aargauer Zeitung. Und weiter: «Die Stadt hat Hand für eine pragmatische Lösung geboten. Ich übernehme die Verantwortung dafür.»

An einer Medienorientierung des Stadtbauamtes verwies Abteilungsleiter Christian Brenner auf die «schwierige Erschliessung» des benachbarten Baufeldes und auf die Konzessionen, die die Stadt hier gewährt habe. Bis Mitte Sommer 2012 soll die Schulmatte wieder im ursprünglichen Zustand sein.

Wächst so schnell Gras über diese Affäre? Oder wird sie vorher unter einer dicken Schneedecke begraben?

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