Lenzburger Gerichtspräsident

Trotz Coronakrise: Warum der Gerichtsbetrieb weitergeführt wird

Daniel Aeschbach im grossen Saal des Bezirksgerichts Lenzburg

Daniel Aeschbach im grossen Saal des Bezirksgerichts Lenzburg

Der Lenzburger Gerichtspräsident Daniel Aeschbach erklärt, warum manche Verhandlungen trotz Corona stattfinden und warum er lieber mit einem Bier als mit dem Gerichtshammer vor dem Bildschirm sitzt.

Am Donnerstag hatte Daniel Aeschbach Geburtstag und feierte diesen ausgiebig. Am Freitag war es vorbei mit der Ausgelassenheit. Es war Freitag, der 13. März, der Bundesrat hatte die ersten Massnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus verordnet. Gerichtspräsident Daniel Aeschbach, mittlerweile einen Tag und 50 Jahre alt und Gerichtspräsident am Bezirksgericht Lenzburg wusste, dass auf seine Arbeit einschneidende Veränderungen zukommen werden.

Zahlreiche Verhandlungen bis zum 30. April wurden verschoben, die Osterferien der Gerichte wurden verlängert und er musste in aller Eile einen Plan für die Aufrechterhaltung des Gerichtsbetriebs erstellen. Denn der Betrieb muss – mit gewissen Einschränkungen – weitergehen. «Gerichte gehören zur Demokratie, sie sind eine staatstragende Institution», sagt Aeschbach. «Dringende Fälle müssen in nützlicher Frist bearbeitet werden.»

Zum Beispiel Fälle im Zusammenhang mit dem Kinder- und Erwachsenenschutz, Anhörungen oder Platzierungsfragen; sowie Haftfälle, wo ein Entscheid für den Gewinner massgebliche Erleichterung bringen kann. Die Öffentlichkeit hat keinen Zutritt mehr zu den Verhandlungen, die Medien sind weiterhin zugelassen.

Am Bezirksgericht Lenzburg arbeiten über dreissig Personen, viele in Teilzeitpensen. Rund die Hälfte arbeitet momentan im Homeoffice. «Der Kanton hat in Rekordzeit die nötigen Software-Lizenzen organisiert», sagt Aeschbach. In der ersten Woche habe er sich um keinen Gerichtsfall kümmern können, so viel Administratives sei angefallen.

Anfangs habe unter den Mitarbeitenden Verunsicherung geherrscht, mittlerweile sei die Stimmung gut. Aeschbach ist nach wie vor jeden Tag im Büro. «Das gehört für mich einfach dazu.» Der in der Region wohnende Gerichtspräsident fährt mit dem Auto nach Lenzburg und isst statt im Restaurant halt allein in der Gerichtsküche.

Ein Grund, weshalb es nach wie vor Personal im Gerichtsgebäude braucht: Die Akten der Justiz sind nicht digitalisiert. «Das ist ein Riesenprojekt, das vom Bundesgericht aus organisiert wird», sagt Aeschbach. Deshalb musste er einen Notfallplan für den Fall einer Ausgangssperre erstellen. Fünf Leute müssten für die dringendsten Arbeiten im Gebäude sein – und eventuell gleich dort wohnen.

Am Bezirksgericht Lenzburg gibt es auch mit weniger Verhandlungen genug zu tun. «Wir haben eine hohe Arbeitslast», sagt Aeschbach. «Jetzt kann man Urteile ausführlich schriftlich begründen, die schon gefällt wurden.» Aauch er komme nun dazu, Dossiers abzuarbeiten, die schon lange auf seinem Schreibtisch liegen. Schon jetzt gibt es Verhandlungstermine für den Herbst, die können jetzt schon komplett vorbereitet werden.

Daniel Aeschbach hat in den letzten Wochen die digitalen Möglichkeiten schätzen gelernt – privat und beruflich. Sitzungen via Skype seien problemlos möglich und auch der traditionelle Männerabend zu zehnt wurde erfolgreich durchgeführt. «Es war ein bisschen speziell mit Bier und Schnupftabak vor dem Laptop», sagt Aeschbach. «Aber lustig.» Woran er sich dagegen noch gewöhnen müsste: Gerichtsverhandlungen via Skype. Für ihn gehört es dazu, die Menschen, über deren Geschichte geurteilt werden muss, vor sich haben.

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