Prozess
Trotti-Fahrer verursacht Crash: «Hatte den Krampf in den Armen»

2009 überfuhr ein Fahrer an der Trotti-Trophy Tennwil drei Zuschauer, eine davon trägt lebenslange Folgen davon. Gestern musste er und der OK-Chef vor Gericht erscheinen.

Mario Fuchs
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Wenn Peter, damals engagierter OK-Präsident, und Urs, damals begeisterter Rennfahrer, heute über den 6. September 2009 reden, sagen sie Sätze wie: «Es ist in diesen sechs Jahren keine Woche vergangen, in der das nicht irgendwie hochkam.» Oder: «Das ist sehr belastend. Ich habe seither keinen Töff mehr angerührt.»

An jenem Sonntagnachmittag nimmt Urs, heute 46-jährig, an der 12. Trotti-Trophy in Tennwil teil. Mit einem Seitenwagen Marke Eigenbau, den er von einem befreundeten Garagisten übernommen hatte, geht er beim Plauschrennen an den Start.

Es läuft gut für Urs: Mit dem Gefährt, das er stehend lenkt, liegt er an dritter Stelle. Mit durchschnittlich 20 Kilometern pro Stunde fährt er Richtung Podestplatz. Doch dann, 3. Runde, Linkskurve nach der Zielpassage, kommt Urs von der Strecke ab, durchbricht die Absperrung, erfasst einen Mann, fährt eine Frau um, schleudert sie weg, erfasst eine zweite Frau, schleift sie mehrere Meter unter dem Trotti mit.

Erst ein parkierter Van kann das Gespann stoppen. Die Rega fliegt nach Tennwil, bringt die teilweise schwer Verletzten ins Spital. Dort müssen die Opfer mehrere Tage bleiben, mehrer Male operiert werden.

Am schlimmsten trifft es die mitgeschleifte Frau: Kreuzbänder gerissen, Knie kaputt, Rippen gebrochen. Neun Monate bleibt sie arbeitsunfähig, in der Hocke oder auf den Knien kann die Raumpflegerin nie mehr arbeiten.

Im Frühling vor einem Jahr erhob die Aargauer Oberstaatsanwaltschaft Anklage gegen Fahrer Urs und OK-Chef Peter. Der Vorwurf: mehrfache fahrlässige Körperverletzung, teilweise mit schwerer Schädigung. Die Forderung: je eine hohe bedingte Geldstrafe und eine Busse.

Der Fahrer und der Organisator sind sich vor dem Bezirksgericht Lenzburg nicht immer einig, in einem aber schon: Der Unfall hätte nicht passieren dürfen. Peter sagt: «So schnell konnte man auf diesem Parcours mit einem Trotti gar nicht fahren.»

Ihm sei bis heute unerklärlich, wieso Urs in der Kurve einfach geradeaus gefahren sei. Und Urs sagt: «Ich bedaure den Unfall sehr. Aber ich hatte den Krampf in den Armen.» Ausgangs Kurve sei er plötzlich «völlig erstarrt» gewesen, habe weder bremsen noch die Kupplung noch den Ausrissschalter, der im Notfall den Töff abstellt, betätigen können.

Gerichtspräsidentin Lüscher resümiert nach 30 Minuten Bedenkzeit: «Ich bin zu einem Freispruch für Sie beide gelangt, obwohl man in einem solchen Fall gerne jemanden hätte, dem man die Schuld geben könnte. Aber das ist nicht so einfach.» Ob Urs mit der üblichen Geschwindigkeit gefahren war, sei «praktisch nicht mehr abklärbar», die Staatsanwaltschaft habe dazu auch kein Gutachten eingereicht.

Und OK-Chef Peter habe die Strecke genügend absperren lassen, sogar an einem Profi-Motocrossrennen gebe es nicht mehr Sicherheitsvorkehrungen. Folgen hat der Unfall aber – nebst den Opfern – für die Veranstaltung selbst: Seit 2009 fand nie mehr eine Trotti-Trophy in Tennwil statt.